Bildung


 

Da war ich doch gerade am vergangenen Wochenende in Weimar, und was für Berlin der Bär ist, ist für die bezaubernde Stadt an der Ilm der Ginkobaum. Nichts gegen Ginko, aber in Weimar Flugkistenrennen Berlin-Johannisthal, 19. September 2015verleidet mir die Allgegenwart von Ginkoblättern dann manchmal doch diesen ursprünglich aus China stammende „Baum des Jahrtausends“. Und was begegnet mir heute in Berlin-Johannisthal beim 7. Flugkistenrennen? Ginkoblätter! Auf den Rücken der T-Shirts des „roten“ Teams. Es handelte sich dabei um Schüler der Schule am Ginkobaum, einer Grundschule in Johannisthal, die sich bereits 2009 am ersten Flugkistenrennen beteiligt hatte und dazu beiträgt, diese Veranstaltung zu einer Tradition werden zu lassen.
Angelehnt an die bei Jung und Alt beliebten Seifenkistenrennen, sind es hier selbstgebaute Flugzeuge, die um die Wette über die Startbahn geschoben werden, was schwieriger ist, als es sich anhört. Und auch wenn keine der Kisten abhebt, so muss man doch sagen: Eins rauf mit Mappe! Das gilt natürlich auch für die Lehrer, die einen Teil ihrer Freizeit opfern, um die Flugkisten entstehen zu lassen. Die Schüler profitieren in zweierlei Hinsicht. Sie haben ihren Spaß und lernen – ganz nebenbei – auch einiges zur Geschichte der Luftfahrt. Der Ortgeschichte von Johannisthal als Flugplatz ist man sich im Bezirk Treptow-Köpenick jedenfalls bewusst, und so verwundert es nicht, dass drei der am Wettrennen beteiligten sieben Schulen die Namen von Pionieren der Luftfahrt tragen. Benannt sind sie nach Hans Grade, deutscher Flugpionier (1879-1946); Melli Beese (1886-1925), der ersten Frau, die in Deutschland die Prüfung zum Erwerb eines Privatpilotenscheins ablegte; und den Erfindern des Heißluftballons, Joseph und Étienne (de) Montgolfier.
Gestartet wurde in zwei Klassen: Grundschulen und Sekundarschulen und Gymnasien. Wer die diesjährigen Preisträger geworden sind, habe ich leider nicht mehr mitbekommen, da ich nicht bis zum Ende der Veranstaltung bleiben konnte. Ich gehe aber davon aus, dass sich das in den nächsten Tagen auf den einschlägigen Internetseiten in Erfahrung bringen lässt. Wacker geschlagen haben sich jedenfalls alle.
Hier ein paar Bilder:
Flugkistenrennen Berlin-Johannisthal, 19. September 2015Flugkistenrennen Berlin-Johannisthal, 19. September 2015Flugkistenrennen Berlin-Johannisthal, 19. September 2015Flugkistenrennen Berlin-Johannisthal, 19. September 2015Flugkistenrennen Berlin-Johannisthal, 19. September 2015
Es wäre schön, wenn diese Veranstaltung auch in den nächsten Jahren fortgesetzt würde.
Veranstaltungsort: Sportplatz Segelfliegerdamm, Segelfliegerdamm 47A, 12487 Berlin
PS: Über Weimar werde ich auch noch ’n bisschen was schreiben.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die seit dem Jahr 2000 im dreijährlichen Turnus die alltags- und berufsrelevanten Kenntnisse 15-jähriger Schüler in den Mitgliedstaaten der OECD untersucht -– kurz PISA-Studie genannt, ist nur eine der Instanzen, die sich um die Leistungen unserer Kinder Sorgen machen. In einer Leistungsgesellschaft muss man dies vermutlich hinnehmen. Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will. Und diese Krümmung sollte einer Norm entsprechen, auch das muss man heute vielleicht hinnehmen. Hierzulande lassen sich das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz diese Sorge angelegentlich sein. Im Moment dreht sich die Diskussion vorrangig um pro oder contra Inklusion. Für diejenigen, an denen das Thema vorbeigerauscht sein sollte im allgemeinen Themengetöse: Es geht um die Frage, ob es besser ist, lernbehinderte Kinder an sonderpädagogischen Schulen zu unterrichten oder mit entsprechender zusätzlicher Betreuung an regulären Schulen.

Was mich dabei schon mal überrascht: Die Frage ist keineswegs so neu, wie man sie erscheinen lässt, um zu verhindern, dass jeder, aber wirklich jeder sich darüber wundert, warum noch keine wirklich erhellenden Erkenntnisse vorliegen. Als meine jüngste Tochter vor einem knappen Vierteljahrhundert eingeschult wurde, wurden gerade sogenannte Integrationsklassen eingerichtet. Auch darüber gab es Diskussionen. Der einzige Unterschied, wie ich das sehe: Es ging nicht nur um lernbehinderte Kinder, also solche, die man früher auf sog. Sonderschulen schickte, sondern um Kinder mit Behinderungen unterschiedlicher Art, darunter auch Lernbehinderte. Und die Integration sollte auch nicht nur den behinderten Schülern Vorteile bringen, sondern ebenso die sozialen Kompetenzen der nicht behinderten Schüler fördern. Während meiner später zwischen 2009 und 2012 gemachten Erfahrung mit Kunstprojekten an einer Gesamtschule, die das Integrationsmodell (vorwiegend mit Lernbehinderten Schülern) praktizierte, gewann ich den Eindruck, dass die öffentliche Debatte eine Sache, die Realität an den Schulen eine ganz andere ist. Ob der gemeinsame Unterricht den lernbehinderten Schülern Vorteile brachte, wage ich zu bezweifeln. Für die anderen litt die Qualität des Unterrichts unbestreitbar. Und wenn ich nun lese, dass zurzeit zwei große Untersuchungen laufen, die repräsentativer, methodischer und anspruchsvoller sein sollen, als alle bisherigen Untersuchungen, und dass man nach Abschluss dieser Untersuchungen endgültig wird sagen können, ob Inklusion oder Sonderbeschulung die besseren Lernergebnisse erzielt, dann überzeugt mich das deshalb nicht, weil wieder einmal die Leistungen der Schüler verglichen werden. Getreu dem Motto „“An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ geht man davon aus, auf diese Weise die bessere Methode bestimmen zu können. Tatsächlich halte ich die Methode (Integration, Inklusion, keines von beidem) für sekundär. Was es auf jeden Fall gibt, sind gute und nicht so gute Schulen, gute und nicht so gute Lehrer, und dies gilt für jeden Schultyp gleichermaßen. Um hier fündig zu werden, muss man nicht jahrelang Schüler unter Beobachtung halten. Wer in die Schulen hineingeht, sich während einer Unterrichtsstunde in eine Klasse setzt, bekommt erstaunlich schnell mit, ob hier Bedingungen herrschen, unter denen erfolgreiches Lernen möglich ist oder nicht. Mit einer Entscheidung für oder gegen die Inklusion ist wenig bis nichts gewonnen. Die Schulen müssen besser werden, dann werden die Schüler es auch.

Es gibt Worte, die – kaum dass sie vom Trommelfell den elastischen Sprung ins Gehirn geschafft haben, dort eine Wirkung erzeugen, wie das Licht am Ende des Tunnels sie auf den Sehnerv haben könnte. Mit handwarmem Interesse folgte ich dem Bericht von der Wiedereröffnung des Hoffmann-von-Fallersleben-Museums in Wolfsburg. Der vom Anwurf des Nationalsozialismus rehabilitierte Dichter hat immerhin unsere Nationalhymne geschrieben, und deren Entstehungsgeschichte ist im Museum ein eigener Raum gewidmet. Sollte ich je das Bedürfnis haben, die Hymne nicht nur recht oder schlecht mitzusingen, sondern ihr explizit meine Aufwartung zu machen, wüsste ich nun, wo ich dies tun könnte. Das aber war nicht die Information, die mich regelrecht elektrisierte, sondern mein innerer Tempelgong ertönte, als Dr. Gabriele Henkel, eine der Kuratorinnen, sagte, man habe bei der Konzeption der Dauerausstellung das Überwältigungsverbot beachtet.

Ein Überwältigungsverbot? So was gibt es? Und ich, die sich ständig darüber beklagt, von allem Möglichen überwältigt zu werden, wusste nichts von einem Verbot! Ich kann ja kaum noch ins Kino gehen, weil diese wahnsinnig breite Leinwand und dieser aus allen Richtungen auf mich einstürzende Sound mich überwältigen. Ich schaffe es manchmal mit letzter Kraft (Schweißperlen auf der Stirn), das Radio auszuschalten, weil die Nachrichten aus aller Welt mich überwältigen. Shopping-Meilen lege ich nur noch gesenkten Hauptes zurück. Kein Schwein hält sich an dieses Überwältigungsverbot. Selten bin ich so hurtig zu meinem Computer gesprungen, um dieses sagenhafte Verbot zu ergooglen, denn nur was uns das Internet bestätigt, existiert heutzutage wirklich.

Mit einem Seufzer der Erleichterung nahm ich zur Kenntniss, dass ich gerade mal „“überwältigungsv…““ eingetippt hatte, als mir Google auch schon das Überwältigungsverbot vorschlug. Larry Page und Sergey Brin sein Dank! – Dann allerdings folgte eine Ernüchterung. Das Überwältigungsverbot (auch Indoktrinationsverbot) ist eines von drei Prinzipien, nach denen der Politikunterricht an Schulen zu erfolgen hat – festgelegt im Beutelsbacher Konsens.

Im Wortlaut:

Es ist nicht erlaubt, den Schüler – mit welchen Mitteln auch immer – im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der „Gewinnung eines selbständigen Urteils“ zu hindern. Hier genau verläuft nämlich die Grenze zwischen Politischer Bildung und Indoktrination. Indoktrination aber ist unvereinbar mit der Rolle des Lehrers in einer demokratischen Gesellschaft und der – rundum akzeptierten – Zielvorstellung von der Mündigkeit des Schülers.

Schön für die Schüler, dass sie wenigstens im Politikunterricht nicht überwältigt werden dürfen. Lobenswert auch, dass die Wolfsburger Kuratorinnen sich in diesem Sinne als Lehrende in der Verantwortung und an Gesetze gebunden sehen.

Aber wer schützt uns alle nun vor den restlichen Überwältigungen?

Eine Schulklasse, Zehnjährige vielleicht, verlässt mehr oder weniger geordnet den U-Bahnhof. Ein Lehrer weist einen hinterhertrödelnden Schüler zurecht. „“Haben wir uns verstanden?““ fragt er abschließend.

Der Junge nickt, presst ein undeutliches „Ja“ heraus. Er sagt nicht, dass er die Frage doch nur halb beantworten kann.

[nach einer Tagebuchnotiz vom 15. Juni 2010]

Gestern wunderte ich mich, weil in der Sendung PISAPLUS während einer lebhaften Diskussion über Chancengleichheit im Bildungssystem mehrmals die Frage gestellt wurde: „“Wollen Sie damit sagen, dass, wer nicht in eine Akademikerfamilie sondern in eine bildungsferne Familie hineingeboren wurde, einfach nur Pech gehabt hat?““ Was mich aber noch mehr wunderte: Keiner der so Provozierten antwortete: „“Genau das will ich sagen.““

Warum wird immer wieder die simple Tatsache negiert, dass unser Eintritt in diese Welt mit Chancengleichheit nichts zu tun hat. Wir haben Glück gehabt – und noch mehr Glück, wenn niemand uns die guten Aussichten vermasselt hat, bevor wir alt genug waren, uns selbst um den Fortbestand unseres Glücks zu kümmern. Oder wir hatten weniger Glück, und schlimmstenfalls kam noch Pech hinzu; vielleicht aber sorgte jemand oder etwas dafür, dass sich für uns einiges oder gar alles zum Besseren wendete.

Wenn wir nicht von Glück und Pech sprechen, sondern immer nur von Privilegien und gesellschaftlicher Benachteiligung, schafft man ein Klima der „Wiedergutmachung“. Die einen fühlen sich verpflichtet, die anderen meinen, von Hause aus einen Anspruch zu haben, und allen Anstrengungen, die daraus resultieren, haftet etwas Freudloses und leider auch oft Fruchtloses an.

In dem Buch, das ich mir vor einigen Tagen auf dem Merkzettel notierte und dann auch gleich besorgte, las ich heute Morgen:

Ich erinnere mich an ein Haus, ein Zinshaus von Roniker, glaube ich, in jenem Revier, in dem wir beide unseren Rundgang machen sollten. Dort gab es etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte: einen zweigeschossigen Keller. Die Fenster beider Etagen gingen natürlich auf einen Graben hinaus, doch auch innen lag hinter den Fenstern zunächst nur ein Flur über die gesamte Länge, die Zimmer bekamen nur von diesem Flur her Licht. Ich kann die Armut ebenso wenig beschreiben, wie ich einer lebenden Fliege Beine und Flügel ausreißen oder überhaupt ein Geschöpf langsam quälen könnte. Ich erinnere mich, dass in meinem Kopf unaufhörlich ein banaler Gedanke summte: Es hing an einem seidenen Faden, als du geboren wurdest -– ein kleiner Fehler in Gottes Hauptbuch, oder wenn er es sich im letzten Moment anders überlegt, etwas durchgestrichen und eine Zeile darunter eingetragen hätte, und du würdest heute hier leben, im unteren Keller, und die Jungen aus dem oberen Keller beneiden, und sie würden auf dich herabsehen. Ich genierte mich für meinen Mantel, dafür, dass ich zuvor eine Stunde lang bei Kaffee und türkischem Honig im griechischen Café der Roten Gasse gesessen und dafür 25 Kopeken ausgegeben hatte, das Budget dieser Leute für einen ganzen Tag. Und wie immer, wenn ich mich genierte, schaute ich beim Rundgang durch diese Höhlen finster drein, sprach mit den Bewohnern streng und offiziell und antwortete auf ihre Bitten kühl: Wir werden uns bemühen. Wir werden sehen. Ich kann nichts versprechen.

aus „Die Fünf“ von Vladimir Jabotinsky

Ja, „… „…wie immer, wenn ich mich genierte, …“…“, das ist es, worauf ich hinaus will. Es ist nicht nur richtig, etwas für die Chancengleichheit in der Bildung zu tun, es ist von immenser Wichtigkeit und jede Mühe wert. Und gerade deshalb sollten wir uns unserer Privilegien nicht schämen, sondern sie freudig nutzen, um den weniger begünstigten Kindern und Jugendlichen zu einem guten Start zu verhelfen.

Jabotinsky_Die_Fuenf
Vladimir Jabotinsky
Die Fünf
Ab – die Andere Bibliothek (Februar 2013)
Roman, 267 Seiten
ISBN: 9783847703365

Einer der Gründe, warum ich mich hier zurzeit wenig blicken lasse, ist, dass ich in der letzten Woche an einer Schreibwerkstatt mit dem Kinderbuchautor Martin Klein teilgenommen habe -– nicht als Lernende, eher als jemand, der zusammen mit einer Lehrerin Martin Klein dabei unterstützt hat, dass es bei keinem der 15 Schülerinnen und Schüler aus einer 3. und einer 4. Klasse der Ersten Gemeinschaftsschule Berlin-Mitte eine Schreibblockaden gab. Die Kinder waren sehr fleißig und haben sich Geschichten ausgedacht und aufgeschrieben, und so haben sie es auch verdient, dass aus diesen Geschichten ein richtiges Buch wird, das sie noch vor Weihnachten mit nach Hause nehmen sollen. Damit, dieses Buch fertigzustellen, bin ich gerade ganz gut beschäftigt.

Gelernt habe ich selbst in der Schreibwerkstatt natürlich auch einiges, denn von Kindern kann man viel lernen und von Kinderbuchautoren auch. So hat mir Martin Klein zum Abschluss eines seiner Bücher geschenkt: „Der kleine Dings ist verliebt“. Ausnahmsweise stelle ich dieses Buch hier vor, indem ich seinen Schluss verrate:

Martin Klein: Der kleine Dings ist verliebt, Seite 38/39

Verliebt sein ist schön, aber Abendessen ist wichtig. Diese Erkenntnis kann man nicht früh genug gewinnen und sollte sie sein Leben lang nicht vergessen. Deshalb ist es auch nie zu früh (und nie zu spät) für gute Kinderbücher. Außerdem:… Dass ein Schnellkochtopf in Wahrheit ein Raumschiff ist, darauf hätte man eigentlich selbst kommen müssen, hätte es ohne die lustigen Zeichnungen von Kerstin Meyer aber vielleicht nicht einmal geahnt.

Weitere Bücher von Martin Klein:

Rita das Raubschaf
(geeignet ab 6 Jahre)

Rita das Raubschaf und der Ruf der Karibikwölfe
(geeignet ab 8 Jahre)

Jungsspaß und Mädchenpanik
(geeignet ab 8 Jahre)

Theo und der Flickenbär
(Lesestufe B ab 7 Jahre für Fortgeschrittene)

Theo und die Sandmannshow
(Lesestufe B ab 7 Jahre für Fortgeschrittene)

Lene und die Pappelplatztiger
(geeignet ab 8 Jahre)

… und besonders zu Weihnachten

Alle Jahre Widder
(geeignet ab 8 Jahre)

Was dieses Buch für mich so besonders interessant machte, war nicht nur der Umstand, dass es ein Thema behandelt, das mir sehr am Herzen liegt -– die Bildungspolitik und ihre Umsetzung, sondern auch dass der Autor Jahrgang 1983 ist, also genau zur selben Zeit die Schule besuchte, wie meine Jüngste -– mit dem kleinen Unterschied: Er tat es in Kreuzberg, meine Tochter in Tempelhof. Dass der Unterschied so klein dann doch nicht war, beweisen Bauers Recherchen sehr persönlicher Natur und dennoch von öffentlichem Interesse.

Eines Morgens traf Patrick Bauer beim Joggen auf dem Kreuzberg einen ehemaligen Klassenkameraden aus der Grundschulzeit: Ahmed. Ahmed allerdings joggte nicht, sondern vertickte Drogen. Das erschütterte den jungen Journalisten (ehemals Tagesspiegel, taz und das ARD-Magazin Polylux, seit 2006 Redakteur bei NEON) ausreichend, um sich zu fragen, was denn aus seinen anderen Klassenkameraden inzwischen geworden war. Er machte sich auf die Suche nach ihnen und stellte fest, dass nur wenige es, wie er selbst, „“geschafft“ hatten“ zu dem Beruf, der ihnen gefiel, oder wenigstens ein Ziel vor Augen hatten, für das es sich lohnte, sich anzustrengen.

Patrick Bauer erinnert sich gerne an seine Grundschulzeit. Multi-Kulti schien an der Blücher-Schule in Kreuzberg zu funktionieren. Auch die Lehrer erinnern sich gerne an die Zeit vor 20 Jahren. Inzwischen werden die Klassen nach lernschwachen und lernstarken Schülern geteilt. In welche Klassen die NdH-Kinder (nicht deutscher Herkunftssprache) und die Kinder aus bildungsfernen deutschen Familien gehen, und in welche die Schüler aus Akademikerfamilien, ist nicht schwer zu erraten. Aber die Neuzugezogenen, von denen die wenigsten gebürtige Berliner sind, haben sich zwar für das zum Szene-Bezirk avancierte Kreuzberg als Wohnort entschieden, möchten hier aber ihre Kinder, wenn sie überhaupt Kinder haben, nicht zur Schule schicken, sondern bevorzugen Privatschulen, wenn sie keinen Platz an einer der vier Kreuzberger Vorzeigeschulen (mit einem sehr geringen Anteil an NdH-Kindern) bekommen. Das verschlechtert den Klassendurchschnitt an den anderen Schulen und bedeutet, dass von Chancengleichheit für die Kinder, die diese Schulen besuchen, gar keine Rede sein kann, eher vom Gegenteil: Chancenlosigkeit.

Ein ehemaliger Lehrer von Patrick Bauer bringt auf den Punkt, was getan werden muss, damit alle Schüler eine Chance haben: Man muss mehr Geld ausgeben, die Vorschule (Inzwischen abgeschafft. – Schönen Dank, Herr Wowereit!) früher beginnen lassen, die Klassen verkleinern, die Betreuung nach Unterrichtsende ausbauen, die Lehrer fortbilden, Sozialpädagogen anstellen, die Abschlüsse arabischer Erzieherinnen anerkennen, mehr Lehrer mit Migrationshintergrund anstellen. „Und man muss den Beruf des Grundschullehrers aufwerten.“ – „Das Problem ist, dass wir an der Grundschule die Unterschiede nicht aufholen können. Wer mit Defiziten eingeschult wird, verlässt auch mit großen Defiziten die Grundschule.“

Erwähnen möchte ich noch, dass man beim Lesen nur deshalb nicht in eine tiefe Depression fällt, weil Patrick Bauer locker erzählt, oft heiter. Die Dankbarkeit dafür, in dieser bunten Völkermischung aufgewachsen zu sein, durchzieht das ganze Buch und erklärt den toleranten Blick des Autors auf andere Lebensentwürfe und Sichtweisen. Viele lebendige Bilder entstehen. Eines, das mich sehr berührt hat, ist das von Murat und Elin, die beide am Flughafen Schönefeld arbeiten (erstaunlicherweise, ohne voneinander zu wissen). Elin hat es zu einer Anstellung beim uniformierten Bodenpersonal einer Fluggesellschaft gebracht. Murat lädt Koffer aus und ein.

Murat und Elin arbeiten im Transitbereich. An einem Ort zwischen zwei Ländern, zwischen zwei Heimaten. Für Elin ist der Flughafen ein Ort, an dem sie bleiben will, am Rande eines Landes, in dem sie heimisch sein will. Für Murat ist der Flughafen ein Ort, von dem er wegfliegen will, am Rande eines Landes, von dem er nichts mehr erwartet.

Murat ist hier so nahe an der Türkei, wie es ihm möglich ist. Elin ist hier so weit weg von der Türkei, wie es ihr möglich ist.

Noch während seiner Recherchen war Patrick Bauer, der inzwischen in Berlin-Neukölln (noch schlimmer!) wohnte, entschlossen, hier zu bleiben und seine Kinder, sollte er sie je haben, hier zur Schule zu schicken. Inzwischen ist er Vater eines Sohnes und denkt manchmal, dass er seinen Sohn nicht opfern möchte. Und dann erschrickt er vor sich selbst und vor der Gesellschaft, in der wir leben.

Ich würde dieses Buch gerne ganz oben auf der Bestsellerliste der Sachbücher sehen. Jeder sollte es lesen, denn es geht jeden etwas an.

Cover

Patrick Bauer
Die Parallelklasse
Ahmed, ich und die anderen – Die Lüge von der Chancengleichheit
Luchterhand, München 2011
ISBN: 978-3-630-87368-8

Nächste Seite »