In Judith Fantos Romans „Viktor“ lernt der Leser die Titelfigur kennen, als Viktor Bubi aus dem Teich zieht – eine Rettungsaktion, die nötig ist, weil sich entgegen Bubis Meinung für Juden nicht immer das Wasser teilt. Und als Viktor Bubi dann auch noch mit nach Hause nimmt, wo der vernachlässigte und unterernährte kleine Kerl mit größter Selbstverständlichkeit aufgenommen wird, …

Mehr möchte ich hier nicht über den erst im Mai dieses Jahres erschienenen Roman schreiben, denn das hat mit großer Begeisterung schon Barbara Pfeiffer in ihrem Blog Kulturbowle getan. Ich möchte vielmehr die Gelegenheit ergreifen, über ein anderes Buch zu schreiben, an das ich bei der oben angedeuteten Szene denken musste: „Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna“ von Fynn.

Während der Weltwirtschaftskrise (1930er-Jahre) begegnet im Londoner East End der neunzehnjährige angehende Schriftsteller Fynn der fünfjährigen Anna, die von zu Hause ausgerissen ist, vermutlich weil sie dort geschlagen wurde. Fynn nimmt sie mit nach Hause, und auch Anna wird von der Familie liebevoll aufgenommen und bleibt dort für den Rest ihres viel zu kurzen Lebens. Doch bildet diese Handlung nur den Rahmen, um von Annas sehr besonderer Beziehung zu Mr. Gott und über ihre kindlich-klugen Gedanken zu schreiben.

Ich erinnere mich gut an die Begeisterung, die das Buch bei seinem Erscheinen 1974 ausgelöst hatte. Ein regelrechter Boom war das. Und heute kräht kein Hahn mehr danach, dachte ich – voreilig – und dachte es wohl nur, weil ich selbst so lange nicht mehr daran gedacht hatte.

Nun ist es mit dem Krähen der Hähne so eine Sache. Nur weil man irgendwo wohnt, wo es im Umkreis einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Kilometern keine Hähne gibt, heißt das schließlich nicht, dass Hähne nicht existieren und sehr wohl auch krähen. Der letzte Hahn, den ich hier habe krähen hören, war allerdings vor einigen Jahren die Ankündigung des Suppentriesels, der – von der großen Kreuzung her kommend – vor dem ehemaligen Rathaus rasant links auf den Parkplatz abbog und dabei dieses den Verkehrslärm übertönende „Kikeriki“ erschallen ließ. – Die Redewendung „danach kräht kein Hahn“ ist, wie ich gelesen habe, seit dem 15. Jahrhundert gebräuchlich. Es wird angenommen, dass sie auf das Neue Testament zurückgeht – auf eine Geschichte, die vielleicht auch den weniger Bibelfesten irgendwann zu Ohren kam und im Gedächtnis geblieben ist, nämlich das Jesus vor seiner Verhaftung seinem Jünger Petrus voraussagt, dass dieser ihnen dreimal verleugnen würde, bevor der Hahn zum dritten Mal gekräht hat. Und so geschieht es: Nach jedem Leugnen folgt das Krähen eines Hahnes. – Mir persönlich scheint eine andere Herkunft mindestens ebenso einleuchtend, und man muss nicht einmal die Bibel kennen, um sie nachvollziehen zu können. Hähne krähen bei beziehungsweise kurz vor Sonnenaufgang, als würden sie das Taggestirn herbeirufen wollen oder zumindest dessen Erscheinen ankündigen.

Beim Recherchieren im Netz fand ich jede Menge Rezensionen und Kommentare zu „Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna“. Auch über den Autor des unbestrittenen Bestsellers, der hinter dem Pseudonym Fynn anonym bleiben wollte und bei dem es sich um Sydney George Hopkins (1919–1999) handeln soll, existiert eine wirklich berührende Webseite (The Real Fynn) in englischer Sprache.

Ich machte dann noch den Test in der eigenen Familie und fragte die jüngere meiner beiden Töchter, ob sie sich an „Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna“ erinnern könne, und sie reagierte (zu Recht!) gekränkt. Natürlich konnte sie sich erinnern, und sie hat das Buch auch noch und würde sich nie davon trennen, hatte sie es doch als Preis bei einem Vorlesewettbewerb in der Schule gewonnen. Wir konnte ich das vergessen!

Und wie gut, dass das Krähen der Hähne zwar leiser und seltener geworden ist, aber bis heute bewirkt, dass der kleine Roman noch aufgelegt wird und bereits zu den Klassikern zählt.

Fynn
„Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna“
Fischer TaschenBibliothek Band 51106
ISBN: 978-3596511068