Wer auch immer die Inhaltsangabe im Wikipedia-Artikel „Maigret und der Treidler der Providence“ verfasst hat, muss den Roman flüchtig gelesen oder aus Vergesslichkeit die Abfolge der Geschehnisse ein bisschen durcheinandergebracht haben. Jedenfalls wurde Kommissar Maigret nicht erst nach der Ermordung von Willy Marco in die kleine Gemeinde Dizy im Département Marne gerufen. Willy wurde praktisch vor Maigrets Nase ermordet, während dieser bereits versuchte, den Mord an Mary, der Frau des ehemaligen Colonels Sir Walter Lampson, aufzuklären. Besser gesagt: Maigret versuchte sich darüber klar zu werden, wo er mit der Aufklärung beginnen sollte, denn die junge Frau, die ein Kleid aus Seide trug und Schuhe, mit denen sie höchstens wenige Schritte auf dem Treidelpfad gegangen sein konnte, wurde unter dem Stroh im Stall des Cafés neben der Schleuse gefunden – mit bloßen Händen erwürgt. Und selbst nachdem ihre Identität geklärt ist, weil einen Tag nach dem Fund der Leiche die Yacht von Sir Walter die Schleuse von Dizy erreichte und Mary von ihrem Ehemann und dessen Freund Willy auf dem Polizeifoto erkannt wurde, bleibt unklar, wie sie nach Dizy kam und welche Umstände ihr zum Verhängnis wurden. Dass Maigret dem noch lebenden Willy begegnete, der ihm einiges über den verschlossenen Sir Walter Lampson erzählt, ist unerlässlich, damit diese Geschichte sich auffächern kann. Sie spielt in zwei sehr unterschiedlichen Lebenswelten, die denselben Kanälen folgen und an diesem Ort aufeinandertreffen. Die eine Welt ist die der Besatzung der Yacht Southern Cross, irgendwie gescheiterte Existenzen, die deswegen aber nicht am Ende sind, sondern vielmehr endlos auf einem Weg ohne Ziel zu sein scheinen. Die andere ist die der Binnenschiffer – auch sie auf einem scheinbar endlosen Weg, doch einem von Ziel zu Ziel und immer wieder bemüht, die Schleusen zügig zu passieren. Die Welt derer, die ausschlafen können, und derer, die früh raus müssen. Zu denen, die früh raus müssen, gehören der Schiffer des Treidelkahns Providence, seine belgische Frau und der stumme Treidler Jean Liberge.

Der im Sommer 1930 von Georges Simenon in Morsang-sur-Seine verfasste Roman, der unter dem Titel Le Charretier de la Providence im März 1931 als vierter Roman der Reihe um den Kriminalkommissar Maigret im Verlag Fayard erschien, wurde mehrfach ins Deutsche übersetzt und erhielt dabei ganz unterschiedliche Titel. Die erste deutsche Übersetzung durch Harold Effberg (1934) erhielt den Titel Die Nacht an der Schleuse. 1948 erschien in Wien in der Übersetzung von M. Konrad Der Schiffsfuhrmann, 1966 im Heyne Verlag in der Übersetzung von Jutta Sonnenberg Maigret tappt im Dunkeln. 1991 veröffentlichte der Diogenes Verlag in Zürich eine Neuübersetzung von Claus Sprick unter dem Titel Maigret und der Treidler der „Providence“. Bei einer abermaligen Neuübersetzung durch Rainer Moritz für den Kampa Verlag (2019) entfielen die Anführungszeichen. – Wie Titel übersetzt werden, ist übrigens eine allgemeine Betrachtung wert, denn wenn hier vom Wortlaut des Originals deutlich abgewichen wird, dürfte es immer um die Absatzchancen des Romans (oder Films!) im jeweiligen Sprachraum gehen und kann Interessantes über Mentalität, Geschmack und Neigungen des jeweiligen Publikums aussagen.

Doch statt meine Gedanken zu dieser reizvollen Analyse abschweifen zu lassen, möchte ich doch lieber bei dem hier vorgestellten Roman bleiben, der nicht nur zu den frühen „Maigrets“ gehört, sondern auch für mich persönlich (zufällig) einer meiner ersten war und nicht unwesentlich zu meiner Vorliebe für diesen Schriftsteller beigetragen hat. Während Maigret Atmosphäre schnuppert und in der undurchsichtigen Geschichte herumstochert, bietet Simenon dem Leser einen recht tiefen Einblick in das Leben auf dem Canal latéral à la Marne. Und just an dem Punkt, an dem man glaubt, es nun verstanden zu haben, es sich vorstellen zu können, folgt, was man den dritten Akt nennen könnte, und das ist ganz großes Simenon-Kino. – Mit Rücksicht auf Leser, denen Spoiler den Lesegenuss wirklich verderben, möchte ich über Inhalt oder gar die Lösung des Falls hier nicht mehr schreiben. Eines aber sollte gesagt werden: Wie in vielen, wenn nicht den meisten Kriminalromanen, zeigt sich die Erbärmlichkeit menschlichen Daseins, aber Simenon zeigt sie uns nicht in der Weise, die uns mit Verachtung erfüllt, sondern in der, die an unsere Barmherzigkeit rührt. Und es zeigt sich menschliche Größe in ihrer bescheidensten und anrührendsten Form.

Maigret und der Treidler der Providence (Hörbuch)
Übersetzung: Rainer Moritz
Der Audio Verlag, Berlin, 24.05.2019
Sprecher: Walter Kreye
ISBN: 978-3742410207

Maigret und der Treidler der Providence
Übersetzung: Rainer Moritz
Kampa Verlag, 24.06.2019
ISBN: 978-3311130048