Wenn man nicht zu jenen Zeitgenossen gehört, die sich unwohl fühlen – so als würden sie sich einer Nachlässigkeit schuldig machen, wenn sie nicht methodisch vorgehen, so besteht kein vernünftiger Grund, George Simenons Maigret-Romane in einer bestimmten Reihenfolge zu lesen. Jules Maigret ist in den ersten fünf 1931 bei Fayard in Paris erschienenen Romanen derselbe große, korpulente, breitschultrige, eine Pfeife rauchende verdiente Kommissar der Pariser Kriminalpolizei mittleren Alters, als der er uns noch vierzig Jahre später begegnen wird. Wenn ich hier dennoch ausgerechnet mit einem dieser ersten fünf Romane beginne, so gibt es dafür zwei Gründe. Der eine Grund ist, dass mir eine gewisse Chronologie bei der Auswahl die Entscheidung erleichtert. Auf den anderen Grund komme ich später zurück.

Maigret befindet sich auf einer Dienstreise in Brüssel, wo er mit der belgischen Sûreté das Vorgehen in Hinsicht auf einige von Frankreich ausgewiesene italienische Flüchtlinge abgesprochen hat, da deren Umtriebe Anlass zur Sorge bieten. Die Besprechungen haben weniger Zeit in Anspruch genommen als erwartet, und so bleiben Maigret mehrere frei Stunden bis zur geplanten Abfahrt seines Zuges. Fast fühlt er sich wie auf einer Vergnügungsreise, und so betritt er schon am Vormittag ein kleines Café, das um diese Uhrzeit fast leer ist. Einer der wenigen Gäste fällt Maigret jedoch auf. Der Mann, heruntergekommen „in der Art des Berufsarbeitslosen“, hat sich an einen Tisch in der hintersten Ecke verzogen, wo er ein Bündel 1000-Francs-Scheine zählt. Etwa dreißig müssen es sein. Er wickelt sie in Packpapier, macht daraus ein Päckchen und schreib eine Adresse darauf. Als der Mann das Café verlässt, folgt ihm Maigret zum nächsten Postamt, und es gelingt ihm, über die Schulter des Mannes hinweg die Pariser Adresse auf dem Päckchen zu lesen. Doch „noch frappierender“ ist der Vermerk DRUCKSACHE. Für 70 Centimes verschickt dieser Mann 30.000 Belgische Francs, als handle es sich um Werbeprospekte. Maigret Laune hebt sich. Ihn amüsiert der Gedanke, er könne der belgischen Polizei vielleicht ein Geschenk machen. Er folgt dem Unbekannten weiter, sieht, wie er in einem Laden einen billigen Koffer aus Lederimitat kauft, und ohne bisher einen konkreten Plan zu haben, kauft Maigret einen völlig gleichen Koffer – in aller Eile, denn er folgt dem Mann weiter, beobachtet, wie er ein Hotel betritt, es bald darauf wieder verlässt, sich zum Bahnhof begibt und in einen Zug steigt, der ihn (und den ihm weiterhin folgenden Maigret) an die deutsch-holländische Grenze bringt. Hier muss er auf seinen Anschlusszug nach Bremen warten. Als er im Bahnhofsbuffet die Toilette aufsucht, nutzt Maigret die Gelegenheit, die beiden Koffer unauffällig miteinander zu vertauschen.

Im Restaurant der 3. Klasse des Bremer Hauptbahnhofs kauft sich der Mann einige belegte Brötchen und begibt sich dann auf eine recht lange und ermüdende Suche nach einem möglichst billigen Hotel. Maigret nimmt in derselben Absteige das Zimmer neben dem des Unbekannten, und da es zwischen den beiden Zimmern eine verschlossene Verbindungstür gibt, kann Maigret durchs Schlüsselloch beobachten, wie der Mann den Koffer öffnet und beim Anblick von dessen Inhalt (Maigret hatte einige Zeitungen hineingepackt) leichenblass wird und in panische Verzweiflung gerät. Ohne die noch immer in einer Tüte steckenden Brötchen angerührt zu haben, irrt er, der sich offenbar in der Stadt nicht auskennt, zum Bahnhof zurück, sucht in einem herumstehenden Gepäckhaufen nach seinem Koffer und kehrt, als diese Suche erfolglos bleibt, in sein billiges Hotelzimmer zurück, wo er auf einen Stuhl sinkt, plötzlich aufspringt, ein paarmal mit den Fingern schnippt, dann einen Revolver aus der Tasche zieht, den Mund aufreißt und sich buchstäblich vor Maigrets Auge am Schlüsselloch erschießt.

Maigret, wie vom Schicksal erschlagen, beobachtet die Arbeit der deutschen Polizei. Er hat in „sehr gewisser Weise“ das Gefühl, soeben einen Menschen getötet zu haben.
Die Wiedergabe der Handlung möchte ich an dieser Stelle abbrechen. Wer eine komplette Inhaltsangabe sucht, findet sie u. a. bei Wikipedia. Auf meinen zweiten Grund, mit diesem Roman den Anfang zu machen, möchte ich aber zurückkommen. Es finden sich in weiteren Verlauf der Geschichte zwei Szenen – ein Mordversuch und ein Mord, bei denen es geradezu erschreckend leichtfällt, sich in den Täter hineinzuversetzen. In keinem der gemeinten Fälle ist ein Mord geplant. Der Mörder, in die Enge getrieben oder bis aufs Blut gereizt, sieht eine Gelegenheit und ergreift sie. Fast könnte man sagen, er wird von ihr ergriffen. – Beim Lesen musste ich wieder an das hier angesprochene Zitat „There, but for the grace of God, goes John Bradford“. – Ich bin durchaus nicht der Meinung, dass – wie immer wieder einmal behauptet wird – in jedem von uns ein kleiner Hannibal Lecter steckt, aber ich bin sehr wohl der Ansicht, dass wir uns zu viel auf unsere Charakterstärke einbilden, wenn wir keinen Grund sehen, dafür dankbar zu sein, wenn uns „Versuchungen“ erspart bleiben. 

In allen Maigret-Romanen liegt der Fokus auf dem psychologischen Motiv hinter der Tat. Diesem Anspruch wurde auch der beim Verfassen dieser Geschichte 27 Jahre junge Schriftsteller gerecht und blieb ihm treu, ebenso wie auch die frühen Romane bereits die atmosphärische Dichte aufweisen, die zu Recht immer wieder gelobt wird. Wer die Romane liest, bekommt einen recht lebendigen Eindruck von Mitteleuropa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Folgende Ausgaben – alle in der Neuübersetzung von Gerhard Meier – sind im Buchhandel erhältlich:

Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien (Gebundene Ausgabe)
Kampa Verlag, 2019
ISBN 978-3311130031

Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien (Hörbuch)
Sprecher: Walter Kreye
Der Audio Verlag, Berlin, 20.09.2019
ISBN 978-3742412249

Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien (Taschenbuch)
Atlantik Verlag, 2. September 2020
EAN 978-3455006971