Die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach in ihrem Heim, 1901

Das 1994 gegründete Projekt Gutenberg dürfte so ziemlich jeder Internetnutzer kennen – entweder, weil er/sie es bewusst nutzt, oder weil er/sie beim Recherchieren schon einmal zufällig darauf gestoßen wurde. Ich persönlich halte www.projekt-gutenberg.org für eine der wertvollsten – wenn nicht die wertvollste Seite im Netz – muss dabei aber auch gleich gestehen, dass deren tatsächliche oder gar regelmäßige Nutzung in einem eher ungünstigen Verhältnis zu meiner Wertschätzung steht, und ich in diesem Punkt mir selbst mehr als einmal Besserung gelobt habe. Dennoch war auch mein letztes Lesen eines im Projekt Gutenberg veröffentlichten Klassikers mehr dem Zufall als meiner eigenen Klugheit zu verdanken.

Beim Übersetzen von „Eine Studie in Scharlachrot“ beschlich mich die Befürchtung, meine Sprache könnte zu modern sein, um dem 1887 zum ersten Mal veröffentlichten Text gerecht zu werden. – Meine Skrupel gehen manchmal so weit, dass ich mir die Frage stelle, ob es überhaupt richtig ist, Texte in eine andere Sprache zu übersetzen. Was Lyrik angeht, bin und bleibe ich mir unsicher. Prosa betreffend ist es zweifellos richtig! Die meisten Autoren sind froh und stolz darauf, wenn ihre Werke in möglichst viele Sprachen übersetzt werden. Nicht zuletzt allerdings aus pekuniären Gründen. – Jeder, der mich kennt, mir zuhört oder mich gar liest, wird sich kringeln bei dem Gedanken, dass ich mich sorge, meine Sprache könnte zu modern sein. Er oder sie möge nur lachen. Was dem einen sein Zwiebelmuster, ist dem andern sein Konjunktiv II. Allerdings gebe ich zu, mit Respekt aber auch Amüsement gelesen zu haben, dass dem Schriftsteller Karl Heinz Berger (1928-1994), der sämtliche Sherlock-Holmes-Erzählungen ins Deutsche übersetzt hat, seine eigenen Werke betreffend ein „an die realistischen Autoren des 19. Jahrhunderts erinnernden Erzählweise“ nachgesagt wird. Es denke jetzt niemand, das Übersetzen hätte Bergers Stil geprägt. Seine Autorenschaft reicht zum deutlich überwiegenden Teil hinter die Doyle-Übersetzungen zurück. Eher prädestinierte ihn sein Stil also. Doch von alledem einmal abgesehen, wäre im Fall eines Textes, der seit seiner Erstveröffentlichung mehrfach ins Deutsche übersetz wurde, ja der naheliegendste Gedanke, sich die früheste Übersetzung zu beschaffen. Und das habe ich auch (versucht): Unter dem Titel „Späte Rache“ erschien der Roman in der Übersetzung von Margarete Jacobi 1894. Nur warte ich immer noch, dass das Buch gedruckt und für mich zur Abholung bereitgelegt wird; aber auch wenn ich es bereits auf meinem Schreibtisch hätte, würde ich mir jeden Blick hinein verbieten, um nicht unbewusst beim Übersetzen etwas aus der Erinnerung heraus quasi abzuschreiben.

So verfiel ich dann auf eine andere Idee. Es wäre – so dachte ich – vielleicht nicht schlecht, zwischendurch einen im selben Jahr (1887) veröffentlichten Text eines deutschsprachigen Autors zu lesen. Und der Einfachheit halber warf ich die Jahreszahl in die Suchmaschine und landete prompt beim entsprechenden Wikipedia-Artikel. Daselbst fanden sich unter „Ereignisse“ > „Kultur“ > „Literatur“ ganze zwei [???] Werke: 1. Émile Zola verfasste den Roman La Terre (Die Erde). Nur hat er das natürlich nicht auf Deutsch geschrieben; 2. Marie von Ebner-Eschenbach veröffentlichte den Roman Das Gemeindekind. Letzterer steht schon lange auf meiner Löffelliste. Jetzt habe ich ihn gelesen. Dass ich damit viel für meine Übersetzung gewonnen hätte, glaube ich nicht. Das ich etwas für mich gewonnen habe, glaube ich sehr wohl, denn es trifft mich immer wieder ins Mark, wie die Irren und Wirren menschlichen Daseins und Handelns dieselben zu bleiben scheinen, und alles Dagegen-Schreiben so wenig auszurichten scheint. Aber wenn ein Stück Literatur doch bewirkt, dass man sich nach dem Lesen ein winziges Quäntchen gebessert fühlt, den Rückendeckel zumindest mit dem Vorsatz umklappt, im Urteil über seine Mitmenschen künftig noch etwas behutsamer zu sein, ist ja vielleicht schon alles gewonnen, was zu gewinnen war.

Ich werde mich nun nicht erdreisten, mich über Das Gemeindekind hier weiter zu verbreiten, denn das haben studierte Literaturwissenschaftler bereits getan. Für diejenigen, die mir an Belesenheit nicht längst voraus sind, nur soviel: Hauptperson des Romans ist Pavel Holub, der einer Dorfgemeinde auf der Tasche liegt, weil sein Vater gehenkt und seine Mutter zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. In der Praxis bedeutet dieses Auf-der-Tasche-liegen aber eher, dass Pavel von seinen ganz und gar ungeeigneten Pflegeeltern schändlich ausgenutzt und völlig vernachlässigt wird. Marie von Ebner-Eschenbach ging es dabei vorrangig um den Einfluss von Erziehung und Bildung und den des Milieus auf die Entwicklung eines Menschen. – Ich bin übrigens sicher, dass das Lesen dieses Romans erheblich mehr Gewinn bringt – auch auf die heutige Zeit bezogen – als das Anschauen der jüngsten Wir-Kinder-vom-Bahnhof-Zoo-Serie im Fernsehen. Eine ausführliche Inhaltsangabe nebst Interpretation, Hintergrund, Entstehungs- und Textgeschichte… findet sich hier.

Wer sich den Roman gerne in seinen Bücherschrank stellen möchte, findet antiquarisch aber auch bestellbar im Buchhandel zahlreiche Ausgaben, z.B. diese:

Marie von Ebner-Eschenbach
Das Gemeindekind
kartoniert – 152 Seiten
dearbooks, 22. Juni 2017
EAN: 978-3954559152

Bildquelle: Wikipedia