Ich glaube, einer der besten Gründe, Bücher zu lesen, ist, die Welt oder das Leben – oder doch wenigstens einen Teil von einem von beiden besser zu verstehen – zum Beispiel die Ukraine. Vor etwa zehn Jahren hatte ich mich ein wenig mit der Geschichte des Landes beschäftigt. Besser gesagt, ich beschäftigte mich mit der Geschichte der Luftfahrt – ein wahrlich ausuferndes Thema, von dem ich mich irgendwann so überfordert fühlte, dass ich die beträchtlichen Mengen gesammelter Informationen einschließlich der dazugehörigen Bilder von meiner Festplatte löschte. Ein Befreiungsschlag, den ich heute bedaure, denn die Details um die 1918 in Berlin gedruckten ukrainischen Hrywen (Griwna) und deren Transport in die Ukraine per Flugzeug – ein eher unglückliches Stückchen Luftfahrtgeschichte – finde ich in dem Netz, in dem angeblich nichts, was jemals hineingerät, wieder ganz verschwindet, nicht mehr. – Die Ukraine rückte erst um den Jahreswechsel 2013/2014 wieder in mein (und auf Grund der Nachrichten über den Euromaidan) wohl so ziemlich jedermanns Blickfeld.

Nun betrachten wir die Geschehnisse in der Welt seit einem Jahr hauptsächlich unter dem Aspekt, welches Land sich mehr recht oder mehr schlecht im Kampf gegen Corona schlägt. Das Virus verdrängt andere Nachrichten, und die, welche es doch noch in die Medien schaffen, verdrängt es dann in vielen Köpfen. Und nun ist auch noch Donald Trump (fast) weg. So kam mir am Sonntag vor einer Woche eine kurze Buchbesprechung im Radio gerade recht, ging es in dem Roman doch um gleich zwei in den letzten Monaten eher zu kurz gekommene Themen: die Ukraine und Migration.

Der Autor ist Dmitrij Kapitelman, und da es sich bei seinem Roman um einen autobiografischen Roman handelt, zitiere ich hier kurz aus seiner Wikipedia-Biografie:

Dmitrij Kapitelman ist der Sohn des jüdisch-ukrainischen Mathematikers Leonid Kapitelman und seiner aus Moldawien stammenden Ehefrau Vera Romashkan, deren Nachnamen er aus Furcht vor antisemitischen Ressentiments erhielt. Mit acht Jahren kam er mit seiner Familie als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Er lebt als freier Journalist in Berlin und macht unter dem Künstlernamen Dheema Musik.

So weit so auch der Stand der Dinge, an dem die Handlung – von Erinnerungsrückblenden abgesehen – einsetzt. Gut, im Grunde setzt sie mit einer dieser kurzen Rückblenden ein, nämlich mit der von Dimas Mutter ausgesprochenen Ermahnung, niemals auf einen Gullydeckel zu treten. (Die Sache mit dem Gullydeckel wird sich durch den Roman ziehen wie ein Running Gag – nur dass es kein Gag ist, sondern Symbol, das klüger und charmanter kaum gewählt sein könnte.) Jetzt jedoch, fünfundzwanzig Jahre und ein Land später, hat Dima sich entschlossen, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Dem steht auch nichts im Wege. Nur eine letzte Formalie ist noch erforderlich: Dima benötigt eine Apostille, d.h. eine Geburtsurkunde, deren Echtheit durch eine höhere Behörde bestätigt wurde, und muss zu diesem Zweck in seine Geburtsstadt Kiew reisen – seine erste Reise in die Heimat, die er als Achtjähriger mit den Eltern als Kontingentflüchtling verlassen hat. – Es kommt, wie es komme muss, und dann doch ganz anders, und dann passiert noch etwas. Von der Handlung will ich nicht mehr erzählen, nur schreiben, dass ich, die bekennende Langsamleserin, die 176 Seiten am gestrigen Sonntag zwischen Frühstück und Abendessen verschlungen habe.

Wie es ein gutes Stück Literatur tun sollte, weist es über die beschriebenen Personen, Zeiten, Orte hinaus. Der Generationenkonflikt, der sich in migrierten Familien noch deutlicher zeigen mag, ein problematisches Mutter-Sohn-Verhältnis… So gibt es mit Sicherheit mehr Menschen, die eine Damals-Mama und eine Heute-Mutter haben und Dmitrij Kapitelman für diese Bindestrich-Wortschöpfung am liebsten die Stirn küssen würden.

Es ist ein Buch, das dem Leser, der Fremdheit nie kennengelernt hat, doch eine Vorstellung davon gibt, und den Leser, der eigene Erfahrungen mit der Fremdheit hat, zutiefst berührt, ohne je rührselig zu werden: „Ohne Steuernummer, dafür mit Kefirkonfetti am Hosenbein steuere ich weiter. Berühmte Reiterstatue, von der ich nicht weiß, wie sie heißt. Berühmte Kirche und gleich noch eine, von denen ich auch keinen Schimmer habe. Immerhin, das Hayat-Hotel dazwischen kommt mir bekannt vor. Je vertrauter etwas in dieser Stadt scheint, desto fremder wird es zugleich, weil die Vertrautheit eine gebrochene ist. Das alles kratzt beim ersten Ausflug tiefer als gedacht. Hier wurde ich sonst nur an der warmen, immer schon dagewesenen Hand von Damals-Mama entlanggeführt.“ – Und einige Seiten später dies: „Aber die Fremdheit in Deutschland ist die heimischste Fremdheit, die ich habe.“

Die Sprache ist eine so heutige, dass man befürchten muss, ein heute geborener Leser der Zukunft könnte müde werden, die Namen von Politikern, die schon lange nicht mehr in den Nachrichten kommen, im Internet zu recherchieren. Auch müsste wohl der Duden ihm erklären, was eine Merkelraute ist, und ein Antrag, das Wort aufzunehmen, sollte schleunigst gestellt werden.
Man erfährt einiges über E-Zigaretten, bedeutend mehr aber über Katzen, die Hausgenossen seit Menschengedenken und wohl bis in Ewigkeit. Und ganz entschieden ist es ein Buch gegen Faschismus und rechtes Gedankengut. Vor allem aber ist es ein Buch voller Zärtlichkeit, voller gutem Willen und Versöhnlichkeit: Für-immer-Mama, Für-immer-Papa.

Dmitrij Kapitelman
Eine Formalie in Kiew
Hanser Berlin
ISBN 978-3446269378