Seltsam, dass den ersten Anstoß zu diesem Eintrag eine allgemeine Verunsicherung gab. Das heißt, die Verunsicherung war zunächst nicht allgemein. Sie bezog sich vielmehr ganz konkret auf den Briefkasten gegenüber unserem Haus. Eine gute Woche ist es her. Ich vertraute dem Kasten eine Geburtstagskarte an, und es passierte, was jedes Mal passiert, wenn ich dort Post einwerfe: Ich fragte mich, ob der Kasten pünktlich, und wenn schon nicht pünktlich, so doch wenigstens irgendwann an diesem Tag geleert werden würde, oder ob – bevor das Postauto käme, wenn es denn käme – irgendwelche Idioten irgendwelchen Unfug anstellen könnten…

Dass Straßenschilder gewaschen werden, sieht man selten, dass ein Briefkasten gewaschen wird, habe ich ein einziges Mal in meinem doch schon recht langen Leben gesehen. Es handelte sich übrigens um den Briefkasten am S-Bahnhof Bellevue, und die bundespräsidiale Nachbarschaft mag Grund für eine bevorzugte Behandlung sein. Wenn es jedenfalls kein Rentner war, der das unwiderstehliche Bedürfnis hatte, seine Tage mit einer gemeinnützigen Tätigkeit zu füllen, so beschäftigt die Post tatsächlich jemanden, dessen Aufgabe es ist, dem Schmutz auf den Briefkästen mit Wasser und Seife zu Leibe zu rücken.

Wie auch immer, ich habe keinen besonderen Grund zu den eingangs erwähnten Befürchtungen. Bisher hat jeder Brief, den ich in den Kasten gegenüber geworfen habe – jedenfalls soweit ich weiß – den Empfänger pünktlich erreicht. Es muss an den Zeichen einer gewissen (wenn auch nur äußerlichen) Verwahrlosung liegen, Mein Lieblingsbriefkasten dagegen sieht tipptopp gepflegt aus. Allerdings ziert er den S-Bahnhof Mexikoplatz und umständehalber komme ich zur Zeit selten daran vorbei. Andererseits sind die Gegenwärtigen Umstände nicht das, was meine Bedenken verursacht – jedenfalls nicht diese Art von Bedenken. Es sind die Lieblosigkeit, die Missachtung, die Gleichgültigkeit, die mich verunsichern, und während ich darüber nachdachte, wurde mir einmal mehr bewusst, dass Verunsicherung mehr und mehr zu meinem Normalzustand wird, und dass dies sehr wohl damit zu tun hat, dass man der Lieblosigkeit, Missachtung, und Gleichgültigkeit in einer Stadt wie Berlin (und sicher nicht nur hier) an fast jeder Ecke begegnet. Man kann nur versuchen, dagegen an zu schauen, das Schöne zu sehen, das Positive – so etwas wie den blauen Briefkasten am Mexikoplatz oder – um beim Thema Post zu bleiben – diese Bank.

Die Familie, an deren Zaun sie aufgestellt ist, hat sie für den Postboten gestiftet, nachdem sie gesehen hatten, dass der an eben dieser Stelle seine Pause zu machen pflegte und im Stehen sein Brot verzehrte. Dem Umstand, dass der Mann bei jedem Wetter unterwegs ist, haben die Kinder der Familie mit ihrem künstlerischen Beitrag Rechnung getragen. Und tatsächlich habe auch ich den Postboten dort schon eine kurze Rast machen sehen. Die ganz Sache ist herzerwärmend. Mein Herz jedenfalls erwärmt sie.

Ein besonderes Herz für Postboten hatte auch der Schriftsteller Reiner Kunze. Als ich das Glück hatte, ihn 1989 bei einer Lesung zu erleben, sprach er darüber, und las auch aus seinem Kinderbuch „Der Löwe Leopold“, und auch darin kommt die Affinität zu Briefen und zu denen, die sie bringen nicht zu kurz.

In einem Briefkasten unterhalten sich die Briefe und Postkarten miteinander, unter anderem darüber, ob es wohl wehtut gestempelt zu werden, als plötzlich ein Drachen in den Briefkasten fällt – so groß wie eine Postkarte, mit Papierquasten an den Ohren und einem Schwanz aus raschelndem Seidenpapier. Der weiten Welt und auch allem Fremdartigen gegenüber aufgeschlossen, geben die Briefe und Karten dem seltsamen Kollegen bald Ratschläge – denn ein Kollege ist er, ordentlich mit Briefmarke und einer Adresse versehen. Er will zu Daniel, der krank ist und in einem Kindersanatorium darauf wartet, wieder richtig atmen zu können. Und Daniel hat Geburtstag. 

Aber die Post ist eine Behörde, und – man ahnt es – so ohne Weiteres wird ein Drachen (auch wenn er eine Briefmarke hat) nicht befördert. Doch während der Unterpostmann Schreck auf die Antwort des Postmanns Schnupfer wartet, der seinerseits die Erlaubnis des Oberpostmanns Blasebalg einholen will, der Oberpostmann sich in dieser Frage an den Hauptpostmann wendet, der aber keine Entscheidung treffen möchte ohne eine Sondergenehmigung des Postministers, welcher jedoch gerade beim Frühstück sitzt …, Beschließen Frau Maiskübel, die Putzfrau, und Unterpostmann Schreck, die Briefmarken für Drachenschwanz und Ohrquasten aus eigener Tasche zu bezahlen. Der Unterpostmann stempelt sie, und Frau Maiskübel stiftet noch eine Sicherheitsnadel aus ihrem Unterrock, um den Drachenschwanz zu befestigen.

Wie es weitergeht, erzählt die kurze Leseprobe:

Der Briefträger von Bad Gesundungen

oder

Mit Luftpost

Der Briefträger von Bad Gesundungen packte in seine Briefträgertasche einen Bogen lila Ölpapier, zwei Holzleisten, eine Tube Alleskleber, eine Drachenschnurrolle, die mindestens vierzig Jahre alt war, denn mit ihr hatte er als Junge Drachen steigen lassen, eine Schere, einen dünnen Holzbohrer, einen Hammer, ein Döschen kleiner Nägel und eine Rolle Schusterzwirn. Obenauf legte er den Drachen und auf ihn die übrige Post, die er schleunigst auszutragen begann. Es war schon spät am Morgen, und die Bad Gesundunger waren verwöhnt. Wenn die Post nicht pünktlich im Kasten steckte, schickten sie die Kinder aufs Postamt und ließen fragen, ob der Briefträger das Bein gebrochen habe. Er selbst hatte sie so verwöhnt, denn er schwatzte nie, während er Briefe austrug, sondern immer erst hinterher.

Doch bald hatte er die Verspätung aufgeholt, und als alle übrige Post zugestellt war, auch die für das Kindersanatorium ‚Windrad‘, zu dem er, weil es im Wald lag, immer zuletzt kam, ließ er sich auf einer Bank nieder, rieb sich vergnügt die Hände und begann, den Postkartendrachen zu vergrößern. Er klebte ihm auf die Rückseite ein großes Windfangpapier mit einem Leistenkreuz, rückte die Ohren weiter nach außen und den Schwanz weiter nach hinten, bohrte zwei Löcher in die Mittelleiste, in denen er einen Anhänger aus Schusterzwirn befestigte, rollte die restlichen neunundneunzigdreiviertel Meter Schusterzwirn auf die Schnurrolle, schlang das Ende mittels einer Schlaufe um den Anhänger und zog fest.

Dann feuchtete er den kleinen Finger an, hielt ihn in die Luft und lief, den Drachen im Schlepp, gegen den Wind auf die Sanatoriumswiese, wo er den Drachen steigen ließ, bis aller Zwirn abgerollt war. Er verankerte die Schnurrolle mit dem einen Griff in der Erde und begab sich – die Mütze geraderückend, denn er befand sich ja noch im Dienst, von neuem zum Pförtner des Sanatoriums.

„Soeben ist noch eine Luftpostsendung eingetroffen“, sagte der Briefträger.

„Wohl für den Herrn Chefarzt?“ fragte der Pförtner.

„Nein, für Daniel.“

„Der heute Geburtstag hat? Da wird er sich aber freuen. Ich werde den Brief gleich der Stationsschwester bringen.“

„Er ist doch Mit Luftpost“.

Der Löwe Leopold
Fast Märchen, fast Geschichten
von Reiner Kunze
Illustriert von Karel Franta
S. Fischer Verlag, Januar 1987
ISBN 978-3100420114

Zum Schluss noch etwas von Reiner Kunze 

aus: einundzwanzig variationen über das thema „die post“

Wenn die post
hinters fenster fährt blühn
die eisblumen gelb

Brief du
zweimillimeteröffnung
der tür zur welt du
geöffnete öffnung du
lichtschein,
durchleuchtet, du

bist angekommen

Tochter, briefträgerin vom
briefkasten bis zum
tisch, deine stimme ist
das posthorn

O aus
einem fremden land, sieh
die marken … Wie
heißt das land?

Deutschland, tochter
O ist
die marke schön: der wolf und
die sieben geißlein und
seine pfote ist
ganz weiß … Wer
hat den brief geschrieben?

Vielleicht
die sieben geißlein,
vielleicht
der wolf

… der wolf ist tot!

Im märchen, tochter, nur
im märchen

[Der 1973 bei Reclam Leipzig in einer Auflage von 15000 Exempl. erschienene Gedichtband „Brief mit blauem Siegel“ war innerhalb von Stunden vergriffen.]

Briefkasten am Mexikoplatz