Höchstens zwei Wochen ist es her, dass mir die Frage durch den Sinn ging, ob es St. Mary Mead, das Dorf, in dem Agatha Christies berühmte Miss Marple lebte und – ohne je älter zu werden – noch lange leben wird, tatsächlich gibt. Zwar starb Agatha Christie vor beinahe 45 Jahren, doch werden ihre Kriminalromane noch heute neu übersetzt, neu zu Hörbüchern verarbeitet oder filmisch aufbereitet. 

Ich kenne mich. Wenn ich mir solche Fragen stelle, sollte ich mich entweder schnellstens an die Kandare nehmen oder mich gleich damit abfinden, dass ich mich in eine Recherche stürzen werde wie ein Brauereipferd auf eine Wiese. Die auslösende Frage ist schnell beantwortet: Nein, St. Mary Mead ist ein fiktives Dorf, aber ich grase inzwischen das ganze grüne England ab nach den Schauplätzen der phantastischsten Morde. Und just heute, da eigentlich ein wenig Geschreibsel über Literatur meinerseits fällig ist und meiner ausschweifenden Recherche zuliebe auszufallen drohte, geriet ich an Agatha Christies 1962 entstandenen Roman „Mord im Spiegel“.

Der englische Originaltitel gefällt mir viel besser: The Mirror Crack’d from Side to Side. Er ist dem Gedicht „The Lady of Shalott“ von Alfred Tennyson entnommen:

Out flew the web and floated wide –
The mirror crack’d from side to side;
„The curse is come upon me,“ cried
The Lady of Shalott.

Ich versuche eine Zusammenfassung:

In St. Mary Mead ist Miss Marple wohl doch ein klein wenig gealtert, denn eine Pflegerin wacht darüber, dass sie ihre Stärkungsmittel einnimmt, ihr Mittagsschläfchen hält, sich nicht überanstrengt, … Aber Miss Marple gelingt es, dieser Aufsicht zu entwischen. Sie macht einen Spaziergang in die neben dem Dorf neu entstandene Siedlung, wo sie stürzt und von der stets hilfsbereiten Heather Badcock ins Haus gebeten und zum Tee eingeladen wird. Die Frau erinnert Miss Marple an jemanden: eine Frau, die ebenso nett war, aber gerade deshalb eine Gefahr für ihre Mitmenschen darstellte. – Von Mrs Badcock erfährt Miss Marple auch, dass der Filmstar Marina Gregg demnächst in das Haus einziehen wird, das früher Miss Marples Freundin Dolly Bantry gehört hat. Marina Greggs Karriere hat nach mehreren Aufenthalten in Sanatorien (sie hatte nach einer Infektion mit Röteln ein geistig behindertes Kind zur Welt gebracht und war darüber lange nicht hinweggekommen) allmählich wieder Fahrt aufgenommen.

Nach dem Einzug lädt Marina Gregg die Nachbarn und einige Ehrengäste zu einem Empfang. Darunter befinden sich auch Heather Badcock und ihr Mann. denn Heather ist Sekretärin des St. John Ambulance Corps. Sie war Marina Gregg schon einmal begegnet, gehört zu ihren größten Fans und, als sie an der Reihe ist, von der Hausherrin begrüßt zu werden, kann sie in ihrer Freude nicht an sich halten. Geschwätzig erzählt sie, dass damals, als sie im Sanitätsdienst auf Bermuda stationiert war und Marina Gregg eine Benefizveranstaltung dort eröffnet hatte, sie – obwohl sie mit Röteln und Fieber im Bett hatte bleiben sollen, sich die Gelegenheit nicht hatte nehmen lassen, Make-Up aufgelegt hatte und hingegangen war, und dass sich Marina, obwohl sie sich natürlich nicht daran erinnern könnte, ihr die Hand gegeben und sich mehrere Minuten mit ihr unterhalten hatte.

Kurz darauf kommt es zu einem mysteriösen und tragischen Zwischenfall. Jemand stößt Mrs Badcock, die gerade eine volles Cocktailglas in Empfang genommen hat, an. Sie verschüttet den Cocktail, aber Marina – ganz die zuvorkommende Gastgeberin – reicht ihr ihr eigenes Glas. Kaum dass Heather Badcock einen Schluck genommen hat, bekommt sie eine Art Anfall und stirbt innerhalb von Minuten – wie bald vermutet wird – an einem Gift, mit dem jemand Marina Gregg hatte umbringen wollen.

Als Dolly Bantry Miss Marple von dem Empfang und dem schrecklichen Zwischenfall erzählt, erwähnt sie auch, dass kurz zuvor, Marina Gregg plötzlich wie geistesabwesend über Heather Babcock hinweg gestarrt habe, und dass ihr – Dolly – dabei seltsamerweise jenes Gedicht von Tennyson eingefallen sei, in dem angesichts eines plötzlich zersprungenen Spiegels die Lady of Shalott ausruft: „Der Fluch hat mich ereilt!“

Mehr erzähle ich jetzt nicht. Wer beim Lesen nicht ganz unaufmerksam war, wird einen Zusammenhang bereits erkannt haben. Doch – wie bei Agatha Christie nicht anders zu erwarten – ist die Geschichte dann doch recht verwickelt und es bleibt auch nicht bei diesem einen Mord.

Warum ich gerade diesen Kriminalroman zum Anlass nehme, meine emsiges Recherchieren im Hintergrund für einen Blogbeitrag zu unterbrechen? Ich denke, Heather Badcock ist ein gutes Beispiel für jenen Typus, der nett (ach, so nett!) ist – nur leider völlig ohne Verständnis für die wahren Bedürfnisse der Anderen. Menschen, die uns so sehr vermissen, dass sie uns unbedingt auch jetzt treffen wollen, uns furchtlos umarmen, uns vertraulich etwas ins Ohr flüstern, …

Agatha Christie
Mord im Spiegel
Ein Fall für Miss Marple Band 9
übersetzt von Ursula Gail
Atlantik Verlag, 04.09.2015
EAN 978-3455170610