Zu meinem letzten Geburtstag schenkte die jüngere meiner Töchter mir Hanns-Josef Ortheils autobiografischen Roman „Der Stift und das Papier“. Sie hatte gerade selbst ein anderes Buch dieses Autors gelesen (Die Erfindung des Lebens), dass sie hinreichend beeindruckt hatte, um zu dem Schluss zu kommen, dass ein Buch über das Schreiben, über den Werdegang eines Schriftstellers aus derselben Feder mich interessieren müsste. Und damit hatte sie zweifellos recht.

Zum schnelleren (und für mich bequemeren) Einstieg zitiere ich hier aus dem Wikipedia-Artikel über den Autor:

Hanns-Josef Ortheil wurde als fünfter Sohn der Bibliothekarin Maria Katharina Ortheil (1913-1996) und des Geodäten und späteren Bundesbahndirektors Josef Ortheil (1907-1988) in Köln geboren. Die Eltern hatten während des Zweiten Weltkriegs zwei Söhne und in den ersten Nachkriegsjahren wiederum zwei Söhne verloren. Angesichts dieser Todesfälle war Ortheils Mutter mit der Zeit immer schweigsamer und schließlich stumm geworden, sodass Ortheil in seinen ersten Kinderjahren mit einer sprachlosen Mutter aufwuchs und im Alter von etwa drei Jahren für einige Zeit selbst zu sprechen aufhörte. Er lernte deswegen erst mit sieben Jahren sprechen

Dies also war die Ausgangssituation, und der erste Satz des Buches lautet: „Ich sitze in der Jagdhütte meines Vaters auf dem elterlichen Grundstück im Westerwald.“ – Was folgt, ist im wahrsten Sinne ein Zurückversetzen.

Der Unterricht des Vaters beginnt mit dem Zeichnen von Linien, Kreisen, Quadraten … mit unterschiedlich harten Bleistiften – mit der Ausbildung eines Gefühls für das Werkzeug also. Es folgt das Abpausen von Abbildungen aus dem „Bildwörterbuch Duden“, wiederum gefolgt von den Aufzeichnungen aller Beobachtungen an jeweils einem bestimmten Tag. Aus dem Kind, das nicht spricht wird „das Kind, das schreibt“

Unter Anleitung des Vaters, nach und nach aber immer selbständiger, entstehen kleine Texte, werde Archive angelegt, wobei auch Zeitungsausschnitte zum Einsatz kommen. Zu dem Foto eines Fußballers schreibt er die Frage: Wie viele Einwohner hat eigentlich Duisburg? Er fragt seinen Vater danach, ob sie das irgendwo nachschlagen können, aber der Vater, dieser kluge und sich durch Genauigkeit und Gründlichkeit auszeichnende Mann, entgegnet: „Nein, wozu?“

Und an dieser Stelle frage ich: Will ich wirklich wissen, wie viele Einwohner Duisburg hat? Will irgendjemand das wissen? – Nicht, weil Duisburg mir zu unbedeutend erschiene, um mich für solche Fakten zu interessieren. Aber es sind andere Dinge, die ich über Duisburg erfahren möchte. – Der Junge lernt nicht nur schreiben, er lernt auch Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Aus dem Kind, das während der stummen Phase seines Lebens überhaupt nicht verstand, was in seiner Umgebung geredet wurde, was die Worte bedeuteten, wird ein Kind, das genau zuhört, sich Sätze merkt und sie später aus dem Gedächtnis aufschreibt. Sie bilden den Stoff für Geschichten. Auch Bücher werden danach unterschieden, ob sie Wissensstoff oder Stoff für Geschichten enthalten.

Ortheils Roman ist also …

… ein besonderer Entwicklungsroman, der beschreibt, wie aus einem Kind, dem schon in der ersten Schulklasse wegen seiner „Sprachlosigkeit“ die Versetzung in eine Sonderschule drohte, ein geachteter Schriftsteller wird;
darüber hinaus ein sehr kluges Buch über das Schreiben als solches;
und ganz nebenbei auch ein Buch über Fußball.

Ich gebe zu, dass ich die Passagen, in denen es vorrangig um das Fußballspielen geht, flüchtiger gelesen habe als den Rest, nicht aber so flüchtig, dass ich nicht bemerkt hätte, dass man als Fußballunkundiger einiges erklärt bekommt. Und es sind auch nicht so viele Passagen, dass hartnäckig Fußball-Desinteressierten die Lust am Lesen vergeht.

Ich gebe darüber hinaus zu, dass ich mich auf den ersten Seiten „einlesen“ musste. Obwohl ich sehr für Entschleunigung bin, sie für einen der Wege, wenn nicht gar den Königsweg aus den Problemen unserer Zeit halte, hat mich das schnelle Tempo, das auch beim Erzählen allenthalben angeschlagen wird, doch wohl irgendwie verdorben. Ich will auch niemandem vormachen, dass es sich um einen im üblichen Sinne spannenden Roman handelt. Was dem gefühligen Leser aber nicht vorenthalten bleibt, sind einige sehr berührende Szenen, die – mich zumindest – fast zu Tränen gerührt haben. Die Kapitel, in denen Hanns-Josef-Ortheil über die mit seinem Vater gemachten Reisen und über sein schriftstellerisches Vorbild, Ernest Hemingway, spricht, machen Lust auf die entsprechenden weiteren Bücher (Die Moselreise, Die Berlinreise, Die Mittelmeerreise, Der von den Löwen träumte).

Im letzten Kapitel, in dem es um die Entstehung des vorliegenden Buches geht, kehrte meine anfängliche Irritation dann nochmals für eine Minute zurück – als Hanns-Josef Ortheil berichtet, er habe daran nicht nur ausschließlich in der ehemaligen Jagdhütte seines inzwischen längst verstorbenen Vaters gearbeitet (was ja nachvollziehbar ist), sondern habe in dieser Zeit auch das Wohnhaus fast leergeräumt, alles Mobiliar in einer Scheune untergebracht, wo er es als „Material“ in seiner unmittelbarer Nähe hatte, jeden Gegenstand aus der Gegenwart in die Vergangenheit versetzen und mit den Augen von damals sehen konnte. – Das erschien mir ein wenig exzentrisch. Und nachdem ich dann auch noch gelesen hatte, dass der Autor die Gelegenheit (das leer geräumte Haus) nutzte, um dieses Haus zu modernisieren, beschlichen mich Zweifel, ob die Reihenfolge der Entschlüsse – erst Material für das Schreiben, dann Hausmodernisierung – nicht in Wahrheit doch eine umgekehrte war. Aber das ist ungefähr so wichtig, wie zu wissen, wie viele Einwohner Duisburg hat. Wichtiger war, dass ich an diesem letzten Punkt meiner Lektüre eine schöne Verbindung – oder besser: einen schönen Gegensatz – zu bemerken meine. Eine Brücke, die einem Roman dann eben doch Spannung verleiht. Denn in der Entwicklungsgeschichte des Buben zum jungen Mann gab es jene Zeit, in der er sich einem Mädchen, einer Mitschülerin, näherte. Oder eher war sie es, die sich ihm näherte, denn wie die meisten Mädchen, war sie in ihrer Entwicklung dem gleichaltrigen Jungen etwas voraus. Bei einem der „heimlichen“ Treffen, an denen ihr so viel gelegen ist, bringt sie ein Album mit, das Fotografien der Räume und Gegenstände aus ihrem Elternhaus enthält. So, wie es beschrieben ist, gleicht es einer Bestandsaufnahme für eine Hausratsversicherung. Und als Hanns-Josef sie auffordert, ihm das „Fehlende“ zu berichten, etwas über die Menschen und wie sie in diesem Haus leben, reagiert sie mit heftiger Ablehnung, und die Noch-nicht-Jugendliebe zerbricht daran. Dort die Fotos, die sich für den Jungen nie mit Leben – mit Stoff für Geschichten – verbinden sollten, hier die greifbaren Gegenstände aus dem eigenen Elternhaus. die – einmal aus ihrer aktuell vertrauten Umgebung gelöst – alles bewahrt zu haben scheinen, was sie je erlebt haben.

Es ist kein Buch für Ungeduldige aber ohne Abstriche eine bereichernde Lektüre für Menschen, die selbst Schreiben oder mehr über das Schreiben erfahren möchten.

Hanns-Josef Ortheil
Der Stift und das Papier
btb-Taschenbuch 71529, München, September 2017
ISBN: 978-3-442-71529-9