Elena Ferrante ist ein Pseudonym. Dahinter verbirgt sich eine 1943 geborene (nicht hauptberufliche) Schriftstellerin, die als reale Person unsichtbar bleiben will. Interviews, sofern man dem Wikipedia-Artikel über sie trotzdem glauben darf, hat sie bisher mit einer Ausnahme nur schriftlich gegeben. Naturgemäß belegt ist, dass von ihr seit 1992 elf Romane erschienen sind, ausnahmslos alle ins Deutsche übersetzt. Den sogenannten Durchbruch erlebte sie mit dem Romanzyklus Neapolitanische Saga, dessen Auftakt 2011 Meine geniale Freundin bildete.

An mir ist Ferrante bisher vorbeigegangen (oder wohl eher ich an ihr). Dann hörte ich Ende August im Deutschlandfunk Kultur die Buchkritik. Dass von einer Bestseller-Autorin die Rede war erweckte nicht meine besondere Aufmerksamkeit. Bestseller-Listen interessieren mich schon lange kaum noch oder höchstens, um mich darüber zu wundern, wie lange manch ein unsägliches Machwerk sich in so einer Liste hält. Auch erinnere ich mich nicht, dass sonst etwas über diesen Roman gesagt wurde, was mein besonderes Interesse hätte wecken können. Vielleicht war es einfach der Titel, der mir gefiel und möglicherweise gute Unterhaltung versprach: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Als ich am folgenden Tag ein bestelltes Buch aus der Buchhandlung meines Vertrauens abholte, war dieser Titel noch immer nicht in meinem persönlichen Meer des Vergessens untergegangen, und der besagte Roman lag als Neuerscheinung im Schaufenster des kleinen Ladens. Ich kaufte ihn.

Tatsächlich fühlte ich mich über die ersten -zig Seiten hinweg recht gut unterhalten. Das Motiv einer hinter der Tür erlauschten vermeintlichen oder tatsächlichen Wahrheit und eines sich daraus ergebenden Umbruchs ist ein durchaus brauchbarer Einstieg in eine Geschichte. Das Sujet ist nicht neu, aber ich würde es auch nicht als überstrapaziert oder gar verbraucht bezeichnen. Die 13-jährige Giovanna belauscht also ein Gespräch ihrer Eltern, in dem ihr Vater behauptet, sie, das einzige Kindes des Ehepaares, werde seiner Schwester immer ähnlicher, sowohl im Verhalten als auch im Aussehen. Die Äußerung trifft das Mädchen deshalb tief, weil über eben diese Schwester, wenn überhaupt, nur in abfälligster Weise gesprochen wird. Auch dass sie sehr hässlich sei, hatte Giovanna gehört. Die Folge ist, dass Giovannas pubertätsbedingt ohnehin nachlassenden Leistungen in der Schule sich noch verschlechtern, und als bald darauf die Trennung der Eltern erfolgt, zeichnet sich für die Jugendliche geradezu eine Katastrophe am Horizont ab. Ihre einzige Rettung sieht sie im persönlichen Kontakt zu dieser bei den Eltern so verhassten Tante. So weit, so fruchtversprechend der bereitete Boden. Es geht dann aber anstrengend verwirrend weiter. Nicht nur hat Giovannas Vater Frau und Tochter verlassen, um mit der Mutter von Giovannas besten Freundinnen zu leben, auch ansonsten lassen die Verbandelungen aller Personen der Handlung an Unübersichtlichkeit nicht viel zu wünschen übrig. Warum dann auch noch ein Giovanna zur Taufe geschenktes Armband immer wieder auftauchen muss, um wieder zu verschwinden und dann an einem anderen Handgelenk zu glänzen, weiß der Kuckuck. Diesem Erzählfaden zu folgen fand ich nur an seinem kürzeren Ende in gewisser Weise spannend, dann mit zunehmender Länge immer langweiliger. Ein gut geschriebener Entwicklungsroman vermag es durchaus, mich von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln. Hier aber handelt es sich um einen modernen Coming-of-Age-Roman, der oft kaum das stilistische Niveau geübter Blogger erreicht. Daran dass ich mich langweilte, änderte auch mein Eindruck nichts, die Autorin habe „Feuchtgebiete“ wohl mehr als ein Mal gelesen. Bis Seite 320 habe ich durchgehalten, um zur letzten Seite (414) vorzublättern. Man will ja nicht das Wichtigste aus Ungeduld verpasst haben. Wieder das Armband! Ich habe nicht zurückgeblättert. Vielleicht bin ich einfach zu alt für so etwas, und jüngere Leser mögen diesen Roman als einen Gewinn empfinden. Vielleicht hätte die Neapolitanische Saga bei mir mehr Begeisterung hervorgerufen. Nur werde ich mich nach diesem Einstieg schwertun, sie mir vorzunehmen.

Wer trotzdem mehr zur Handlung im jüngsten Roman erfahren möchte, kann sich zum Beispiel bei Wikipedia belesen.

Elena Ferrante
Das lügenhafte Leben der Erwachsenen
Suhrkamp Verlag, 29. August 2020
ISBN 978-3518429525