Es war am Dienstag oder Mittwoch der vergangenen Woche, als ich mich ziemlich darüber ärgerte, dass ich beim Zudrehen des Wasserhahns in der Küche nur noch den letzten Halbsatz eines Radiokommentars mitbekam – sinngemäß: … sagte der amerikanische Schriftsteller Paul Auster zur bevorstehenden Präsidentschaftswahl in den USA. – Ich hoffte, im Laufe des Tages Austers Äußerung doch noch zu hören – Info-Radio wiederholt seine Sendungen ja mehrmals am Tag – aber wenn es eine oder mehrere Wiederholungen gab, verpasste ich sie ebenso. – Inzwischen habe ich das von Peter Mücke (ARD-Studio New York) geführte Interview auf der Seite tagesschau.de gefunden.

Paul Auster sagte: „Die Trump-Regierung hat mit der vollen Unterstützung der Republikaner sehr schnell und sehr effizient erfüllt, wovon der rechte Flügel der Partei immer geträumt hat: eine schrumpfende Regierung. Und das wird in den US-Medien kaum wahrgenommen. Die Republikaner haben die Vorstellung, dass die Regierung etwas schlechtes ist. Aber das ist nicht wahr! Es gibt Momente, da muss eine Regierung handeln. Stattdessen wird einfach zugesehen, wie Menschen leiden und sterben. Und das im Namen eines abstrakten Prinzips.“ Gefragt, ob Joe Biden sein Favorit bei der Kandidatenwahl der Demokraten sei, antwortete er: „Nicht mal die zweite oder dritte Wahl. Aber inzwischen bin ich davon überzeugt, dass er der richtige ist. Bernie Sanders hätte keine Chance. Und selbst meine Favoritin Elizabeth Warren würde verlieren. Biden weiß durch seine Erfahrung, was für ein wichtiger Moment das gerade für unser Land ist. Ich sehe ihn inzwischen als Galionsfigur einer wesentlich jüngeren, aktiven Regierung, die etwas verändern will. Zumindest ist das meine Hoffnung.“

Dass ich gerade Paul Austers Meinung hier wiedergebe, liegt daran, dass ich ihn als Autor sehr schätze. Für mein Empfinden steht er wie kaum ein anderer lebender Autor in der Tradition der großen amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts (Ernest Hemingway, John Steinbeck, William Faulkner, …). In seinen Romanen verbindet sich das wache Bewusstsein für gesellschaftliche Probleme mit einer scharfen Beobachtungsgabe und bewundernswerter Erzählkunst. Und so hat mich auch seine aktuelle Wortmeldung dazu gebracht, mir noch einmal seinen Roman „Sunset Park“ vorzunehmen – in deutscher Übersetzung erschienen 2012. Ich besitze ihn als Hörbuch – leider gekürzt aber dafür sehr gut gelesen von Burghart Klaußner.

Miles, ein junger Mann, aus finanziell gesicherten aber familiär nicht ganz intakten Verhältnissen stammend (Eltern geschieden und jeweils neu gebunden; er lebt beim Vater in New York, die Mutter eine Schauspielerin, in Kalifornien) leidet unter der Vorstellung, am Tod seines Stiefbruders (Sohn der zweiten Frau seines Vaters) schuld zu sein. Er bricht sein Studium an einer Eliteuniversität ab und verlässt ohne Abschied sein Elternhaus, wo er sich auch in den darauf folgenden sieben Jahren, die er in Chicago, Kalifornien und schließlich in Florida verbringt, nicht meldet. In Florida verdient er seinen Lebensunterhalt in einem Unternehmen, das im Auftrag von Banken die aus finanziellen Gründen aufgegebenen Häuser entrümpelt – eine boomende Branche mitten in der amerikanischen Wirtschaftskrise.

Eines Tages macht er in einem Park die Bekanntschaft der siebzehnjährigen Pilar. Beide lesen zufällig dasselbe Buch, kommen – darüber amüsiert – ins Gespräch und stellen schnell fest, dass die Lektüre nicht ihre einzige Gemeinsamkeit ist. Miles verliebt sich, muss aber Vorsicht walten lassen, um wegen der Minderjährigkeit seiner Freundin nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Pilar ihrerseits lebt seit dem Tod der Eltern mit ihren drei älteren Schwestern zusammen, die nichts gegen die Beziehung der Jüngsten mit Miles einzuwenden haben. Die älteste Schwester, die am besten verdient (als Tischdame und gelegentlich auch Prostituierte) hat das Sagen, gestattet aber, dass Pilar zu Miles in dessen Wohnung zieht – jedenfalls nachdem sie ihm einige Gefälligkeiten abgepresst hat. Miles soll bei den Entrümpelungen einiges von Wert mitgehen lassen und ihr schenken. – Miles und Pilar warten auf Pilars achtzehnten Geburtstag, während Miles sich intensiv und erfolgreich um Pilars schulische Leistungen kümmert. Doch die geldgierige große Schwester versucht ihn abermals zu erpressen, indem sie damit droht, sein Verhältnis mit Pilar bei der Polizei anzuzeigen. Als Miles sich weigert, schickt sie ihm sogar die „Türsteher“ aus dem Club, in dem sie arbeitet, auf den Hals.

Miles überlässt seine gesamten Ersparnisse bis auf ein Weniges Pilar und fährt nach New York. Bis zu Pilars Geburtstag dauert es nicht mehr lange, danach soll sie ihm folgen. Auch in New York meldet er sich nicht gleich bei seiner Familie, sondern zieht in ein baufälliges, von einer WG besetztes Haus, wo auch einer seine alten Freunde wohnt. Mit einigen Anläufen wird der Kontakt zu Miles‘ Eltern aber doch wieder angebahnt, als seine Mutter ein Engagement in einem New Yorker Theater hat. Alles könnte wieder ins Lot kommen. Da aber droht der WG die Räumung, und das Ignorieren der amtlichen Räumungsaufforderungen bringt nicht den erhofften Aufschub. Als Miles miterleben muss, wie die Beamten mit brutaler Gewalt vorgehen und eine schwangere Mitbewohnerin die Treppe hinunter stoßen, greift er einen Polizisten tätlich an und verletzt ihn. – An dieser Stelle wird es dem Leser/Hörer überlassen, sich auszumalen, wie es weitergehen könnte. Das gefällt manchen Lesern nicht, die meinen, eine ordentliche Geschichte müsse zwar nicht unbedingt ein glückliches, aber doch ein „richtiges“ Ende haben.

Wer mich kennt, weiß, dass ich mit offenen Enden kein Problem habe. 

Paul Auster
Sunset Park
rororo- Taschenbuch, 1. Februar 2014
ISBN 978-3499255168

Das Hörbuch ist wohl nur noch als Download, nicht mehr auf CDs erhältlich.