Der Ich-Erzähler Plaschinski, ein Mann in mittleren Jahren, dem der Autor eine gepflegte und dabei treffsichere Ausdrucksweise verliehen hat, ist Beamter der Bundesversicherungsanstalt. Beruflich muss er sich mit den Erwerbsbiografien seiner Mitmenschen beschäftigen, die Vollständigkeit von Unterlagen prüfen und besorgte Anfragen beantworten. Privat führt er ein recht einsames Leben, dem er dadurch zu entkommen versucht, dass er sich für das Kommen, Gehen und Treiben der Menschen in seiner Nachbarschaft interessiert. Und diese überschaubare Welt des Herrn Plaschinski hat an Aktualität nichts eingebüßt. Menschen ziehen aus einer Wohnung aus, andere ziehen ein, jemand wird von der Feuerwehr abgeholt und ins Krankenhaus gebracht, … In einer Wohnung meint Plaschinski einen Mann wiederzuerkennen, der ihn einmal im Gasthaus eines Provinzstädtchens davor bewahrt hat, von Rechtsradikalen verprügelt zu werden. Und mit der attraktiven Kollegin im Amt bahnt sich schließlich auch etwas an. Ein Riss tut sich auf, als man erfährt, dass es in Plaschinskis Leben einmal eine Frau gegeben hat, die ein Kind von ihm erwartete und plötzlich verschwand. Aber auch hier vermutet man zu Unrecht eine mögliche Schuld des Protagonisten, und auch der Riss erscheint wie sorgfältig mit transparentem Klebeband repariert. Was geschieht, geschieht eher wider Erwarten, und wo man eine Zuspitzung zu erkennen glaubt, kollabiert die Geschichte zu einem Nichts.

Es sind nicht nur die erleuchteten Fenster, es sind die kleinen zitternden Flämmchen des Lebens, aus denen diese sich scheinbar in einer Zeitschleife bewegende Handlung dann doch so etwas wie Spannung bezieht, die seltsam zwiespältige Furcht, es könnte eines der Flämmchen plötzlich zu einer alles versengenden Flamme anwachsen, und die fast noch größere Sorge, es könne verglimmen und ganz verlöschen. – Aber noch brennt gegenüber das Licht.

Jens Wonneberger
Gegenüber brennt noch Licht
Steidl Verlag, Göttingen 2008
ISBN 978-3-86521-778-3