Im Jahr 2000 wurde der chinesische Schriftsteller Dai Sijie gleich mit zwei französischen Buchpreisen für seinen Roman „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ ausgezeichnet. Zehn Jahre später erschien der Roman in der Reihe „BRIGITTE Liebesromane“, und in dieser Edition kaufte ich ihn und las ihn mit Begeisterung, obwohl oder gerade weil ich ihn gar nicht vordergründig als Liebesroman empfand. Es geht darin um die chinesische Kulturrevolution und – wie der Titel zu Recht verspricht – um die Romane von Balzac.

Hatte ich damals schon etwas von Balzac gelesen? Ich bin nicht sicher. Ich glaube, eher nicht. Immerhin landete er dank Dai Sijie auf meiner „Löffelliste“, für die mir, wie ich vor zehn Jahren  fand, aber noch Zeit blieb. Tatsächlich musste erst ein Exemplar von Balzacs „Cousin Pons“ auf dem Tisch mit Remittenden vor der Bahnhofsbuchhandlung auftauchen, was kürzlich der Fall war.

„Cousin Pons“, 1847 erschienenen, aber wohl erst 1919 ins Deutsche übersetzt, gehört zu Balzacs großem Roman-Zyklus „La Comédie humaine“, und mir begegnet darin alles, was man mir (und ich mir) von Balzac versprochen hatte: Ein gnadenloses, scharf gestochenes Porträt der Gesellschaft seiner Zeit und ein Zeugnis ungemein großer Menschenkenntnis. Daneben aber verstört mich – wie auch bei einigen anderen Autoren des 19. Jahrhunderts, ein mit großer Selbstverständlichkeit geäußerter Antisemitismus und Rassismus, den man Balzac wahrscheinlich nicht vorwerfen darf, denn eine solche Sichtweise war damals durchaus salonfähig; die Vorurteile galten als schlichte Tatsachen. Ja, selbst die von den Vorurteilen betroffenen schienen sich damit arrangiert zu haben und nach Möglichkeit sogar einen Nutzen daraus zu ziehen. Wen man zum Beispiel in Finanzfragen für durchtrieben und ausgebufft hielt, dessen Rat bediente man sich gern, wenn man selbst einen Geschäftspartner übervorteilen wollte.

Balzacs Roman – jedenfalls der Taschenbuchausgabe des Diogenes-Verlags – ist ein kleiner Essay von Stefan Zweig angefügt, in dem er der Unterstellung widerspricht, Balzac könne sein sehr umfangreichen Werk unmöglich allein geschrieben haben. Zweig belegt, dass genau das Gegenteil der Fall ist, denn Balzac habe jeden Roman quasi mehrfach geschrieben, und ein Großteil der verschiedenen Fassungen sei in seinem Nachlass auch erhalten. Vom „heiligen Zorn Balzacs über die eigene Arbeit“ schreibt Stefan Zweig. – Ach wäre doch manches, was heute nicht nur geschrieben, sondern auch gedruckt wird, dem „heiligen Zorn“ seines Verfassers zum Opfer gefallen.

Abb.: Titelseite „Cousin Pons“ von Honoré de Balzac
Quelle: Honoré de Balzac, Cousin Pons. Philadelphia: George Barrie & Son, 1897