Mein schwarzes Arcoroc Octime – in einer Zeit der knappen Kasse bei Woolworth erstanden – hängt mir zum Halse raus. Leider hat es sich als praktisch unkaputtbar erwiesen, und obwohl es inzwischen als „retro“ gilt (also schon wieder angesagt ist), wird es mich bei ebay sicher nie zur reichen Frau machen, denn das Arcoroc anderer Leute dürfte ähnlich langlebig sein. 

Seit ich gesehen habe, dass im House of Small Wonder den Gästen das Essen und der Kaffee auf/in einem Sammelsurium von Porzellan unterschiedlichen Designs serviert werden, hege ich den Wunsch, meine Küchenschränke ebenfalls mit so einem Sammelsurium zu füllen. Das Arcoroc könnte ich ja dem Sozialkaufhaus spenden. Und eben dort begann ich mit meiner Suche nach dem mir vorschwebenden Porzellan. Je länger ich aber die im Sozialkaufhaus gestapelten Teller und Tassen betrachtete, desto weniger schwebten sie und ordneten sich vor meinem geistigen Augen zu einem richtig schönen Sammelsurium. Ein solches zusammen zu bringen scheint weit schwieriger zu sein, als ein wirklich schönes Tafelservice auszuwählen. So stand ich dann bald wieder in dem Raum mit den Büchern – eher frustriert, und mein Blick schweifte ziellos über die Buchrücken, als mir plötzliche ein Titel ins Auge sprang: „Exerzierplatz“ von Siegfried Lenz. Ein Lenz, den ich noch nicht gelesen hatte. Eine Bücherbundausgabe in einwandfreiem Zustand für jetzt 1 Euro 50.

Manchmal kommt es mir vor, als wären literarisch Zeiten angebrochen, in denen man die meisten Schriftsteller einer von zwei großen Gruppen zuordnen kann: diejenigen, die das Credo „schreibe über das, was du kennst“ ein bisschen zu wörtlich auffassen, und deshalb vor allem über Schriftsteller und über das Schreiben schreiben (und dafür nicht selten einen Literaturpreis erhalten), und diejenigen, die zu dem Schluss gelangt sind, der Trend gehe deutlich zum Sachbuch, und es sei ja auch eigentlich alles schon erzählt. Das trifft zu, aber schon seit gut 2000 Jahren, und trotzdem ist auch in den vergangenen 200 Jahren noch großartige Literatur entstanden. Indessen versucht man heute oft, dem Bucherfolg auf die Beine zu helfen, indem man die eigentliche Handlung eines Romans mit fulminanten Landschaftsschilderungen, unzähligen Beschreibungen kulinarischer Genüsse oder verblüffendem Fachwissen auf allen möglichen Gebieten aufmöbelt (und es damit auf die Bestseller-Listen schafft). 

Erstaunlicherweise hat Lenz mit dem „Exerzierplatz“ es ähnlich gehalten – aber eben doch anders. Denn all das teilweise minutiös Beschriebene über die unzähligen in einer Baumschule und Großgärtnerei zu verrichtenden Arbeiten ist unerlässlich. Es ist Brunos Welt. Es ist das, was dem Jungen, dem „der Chef“ damals – auf der Flucht – zweimal das Leben gerettet hatte, und der als erwachsener Mann noch immer zur Familie des Chefs gehört (und doch nicht wirklich dazu gehört) Halt gibt und ihn tröstet, wenn es wieder einmal in seinem Kopf dröhnt, und er ihn auf den Boden oder gegen eine Wand schlagen muss, bis er wieder weiter erzählen kann. Die lange, sich manchmal quälend langsam entwickelnde Geschichte einer aus den Ostgebieten vertrieben Familie, die sich auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz – gegen den Widerstand der Natur, der militärischen Hinterlassenschaften, der einheimischen Bevölkerung und auch gegen einige familieninterne Widerstände – eine neue Existenz aufbaut.
Zum endgültigen Siegeszug gelangt die Sache nicht. Lenz‘ Roman ist alles andere als leichte Kost, aber ich bedaure keineswegs, ihn mir zugemutet zu haben.

Siegfried Lenz
Exerzierplatz
Hoffmann und Campe, 1985
ISBN 978-3-455-04213-9