Muriel Barbery, 1969 in Casablanca (Marokko) geboren, ist mittlerweile Autorin von drei Romanen. Sie studierte Philosophie an der Pariser Elite-Hochschule École normale supérieure, überlegen lässig Normale sup genannt, und unterrichtete anschließend am Institut universitaire de formation des maîtres von Saint-Lô. Dem Vernehmen nach war es ihr Mann Stéphane, ein Psychologe, der sie im Jahr 2000 dazu drängte, unverlangt das Manuskript ihres ersten Romans an den Verlag Éditions Gallimard zu schicken.

„Die letzte Delikatesse“ war äußerst erfolgreich, denn dieser Roman über einen Gastronomiekritiker wurde in 14 Sprachen übersetzt. Eine gewisse Anhänglichkeit ist der Autorin nicht abzusprechen, denn auch in ihrem zweiten Roman, „Die Eleganz des Igels“ (2006) spielte ein Restaurantkritiker, wenn auch nicht die Haupt-, so doch eine Rolle. Mit ebensolcher Treue huldigte Barbery in diesem zweiten Buch ihrem Fachgebiet, der Philosophie. Das ging so weit, dass sie in der Handlung dem Philosophen, Schriftsteller und Literaturkritiker Roland Barthes eine Reminiszenz widmete. Barthes war 1980 in Paris vom Lieferwagen einer Wäscherei überfahren worden und an den Folgen des Unfalls gestorben.

Die Eleganz des Igels – Handlung:

Die Witwe Renée Michel, 54 Jahre alt, die sich selbst als „klein, hässlich, mollig“ beschreibt verbirgt ihre Intelligenz und autodidaktisch erworbene Bildung seit 27 Jahren in der Hausmeisterloge eines herrschafftlichen Hauses in der Rue de Grenelle 7 (acht 400-qm-Eigentumswohnungen) und hinter dem Dunst der Arme-Leute-Küche sowie der Geräuschkulisse eines ständig laufenden Fernsehapparates.

Zur Zeit meines verstorbenen Mannes nahm ich es hin, weil die Ausdauer, mit der er sich dieser Beschäftigung widmete, mir selbst die lästige Aufgabe ersparte. In die Eingangshalle gelangten entsprechende Geräusche, und das reichte aus, um das Spiel der gesellschaftlichen Hierarchie aufrechtzuerhalten, …

Abgesehen von ihrem fetten Kater Leo (so genannt als Hommage an Leo Tolstoi) ist ihre einzige Gesellschaft ihre Freundin Manuela, die von zwei Familien im Haus als Putzfrau beschäftigt wird (am Dienstag von den Arthens, am Donnerstag von den Broglies) und diese Gelegenheiten nutzt, um Renée zu besuchen – stets mit köstlichem, selbstgemachten Gebäck.

Manuela ist eine einfache Frau, deren Eleganz die zwanzig Jahre, die sie damit vertan hat, bei anderen Leuten dem Staub nachzustellen, nichts anhaben konnten.

[…]

So wie ich ein ständiger Verrat meines Archetypen bin, ist Manuela, ohne es zu wissen, eine Renegatin der portugiesischen Putzfrau. Denn die Tochter aus Faro, unter einem Feigenbaum geboren, nach sieben anderen und vor sechs weiteren, schon früh aufs Feld geschickt und genauso rasch it einem bald auswandernden Maurer verheiratet, Mutter von vier Kindern, die dem Recht des Bodens nach französisch, dem Blick der Gesellschaft nach jedoch portugiesisch sind, die Tochter aus Faro also, einschließlich schwarzer Stützstrümpfe und Kopftuch, ist eine Aristokratin, eine echte, eine große, von der Art, die keine Abrede duldet, da ihre Aristokratie direkt aufs Herz geprägt, aller Etiketten und Prädikate spottet. Was ist eine Aristokratin? Eine Frau, der die Vulgarität nichts anhaben kann, obschon sie von ihr umgeben ist.

Für die Manieriertheiten, Allüren, Borniertheiten und Psychosen der Hausbewohner empfindet Madame Michel nur Verachtung, und entsprechend kratzbürstig, hart an der Grenze zur Unhöflichkeit, begegnet sie ihnen. Sie ahnt nicht, dass es im Haus eine verwandte Seele gibt. Aber ist die zwölfjährige Paloma wirklich eine verwandte Seele? War ich als Zwölfjährige mit irgendjemandem verwandt, oder hätte ich mit jemandem seelenverwandt sein wollen? Nein! Dieses weit überdurchschnittlich intelligente Kind jedenfalls betreibt eine ähnliche Camouflage wie die Concierge, wenn auch, wie man am Ende erfahren wird, aus anderen Gründen. Paloma meint das Spiel der Erwachsenen durchschaut zu haben, zweifelt daran, ob sie noch lange die Kraft haben wird, sich den Erfolgszwängen ihrer Gesellschaftsschicht zu entziehen, und hat deshalb beschlossen, an ihrem 13. Geburtstag die Wohnung mit Grillanzünder in Brand zu stecken, bevor sie mit einer ausreichenden Menge Schlaftabletten das Haus verlässt, um bei ihrer Großmutter zu übernachten. Halbgare Sprüche, wie: „Wichtig ist nicht, dass man stirbt oder in welchem Alter man stirbt, sondern was man tut in dem Moment, wo man stirbt“, darf man ihr nachsehen.
Da zunächst nicht mehr passiert als kleine, alltägliche Begebenheiten, bekommen wir es also vor allem mit dem Innenleben dieser Hauptpersonen zu tun – im Wechsel erzählt aus der Sicht der Concierge und in Gestalt von Palomas „Tiefgründigen Gedanken“ und „Tagebuch der Bewegung der Welt“.

Wie ich diversen Rezensionen entnehmen konnte, vermissten einige Leser in der Geschichte bis hierher einiges an Schwung. Ich hingegen las durchaus mit Vergnügen und delektierte mich bisweilen regelrecht an Renées Schmähungen, wenn sie zum Beispiel den Gastronomiekritiker Pierre Arthens aus dem vierten Stock als „Oligarchen der schlimmsten Sorte … mit großer, arrogante Nase“ beschreibt oder den jungen Antoine Pallières, dessen kümmerlichen Schnurrbart sie widerwärtig findet, einen „letzten Aufstoßer der großen Unternehmerbourgeoisie – welche sich nur durch saubere und sittliche Schluckaufs fortzupflanzen pflegt“ nennt. Und schließlich kommt ja Bewegung in die Handlung, denn der Gastronomiekritiker stirbt plötzlich (das Herz), und seine Witwe verkauft die Wohnung an den wohlhabenden japanischen Geschäftsmann Kakuro Ozu.

In seiner Rezension schrieb Urs Jenny im SPIEGEL am 10.05.2008:

Man muss es so sagen: Monsieur Ozu hat etwas von einem asiatischen Glücksgott, der auf die Erde hinabsteigt, um unter all den Halunken und Heuchlern einen wahren Menschen zu finden. Und wie es die Fabel erwarten lässt, wendet er sich der verachtetsten, niedrigsten Kreatur zu und hebt sie aus ihrem Aschenputteldasein zu sich empor.

Das Gegenseitige Erkennen (nein, nicht im biblischen Sinn) wird ausgelöst durch einen schlichten Satz, bei dem es sich jedoch immerhin um den ersten Satz in Tolstois Roman „Anna Karenina“ handelt. Als Herr Ozu sich bei der Concierge nach den Vorbesitzern seiner Wohnung erkundigt, antwortet Renée Michel. Sie seien wie die anderen auch gewesen, und fährt fort: „Wissen Sie, alle glücklichen Familien ähneln einander.“ Woraufhin Kakuro Ozu entgegnet: „Doch jede unglückliche Familie ist auf ihre Art unglücklich.“

Voilá! Das Anna-Karenina-Prinzip!

Mit derselben asiatischen Hellsichtigkeit erkennt Monsieur Ozu auch in Paloma das ganz besondere Mädchen, und es dauert nicht lange, bis die Zwölfjährige immer häufiger in der Conciergerie zu Gast ist – ein guter Ort zum Verstecken aber auch eine Gelegenheit, in Madame Michel eine Vertraute zu finden. – Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute, erwartet man fast an dieser Stelle zu lesen, aber die zweite Hälfte des Buches liegt noch vor einem.

Und dann passierte etwas Seltsames – nicht im Roman, sondern mit mir: Auf Seite 270, riss mir der Geduldsfaden, dessen zunehmende Spannung ich bis dahin nicht einmal bemerkt hatte. Vielleicht lag es an der Fußnote auf eben dieser Seite: „*Elitehochschule für Ausbildung von Lehrern an höheren Schulen“, stand da als Erklärung des Begriffs Normale sup. Von einem Atemzug auf den nächsten wurde mir beinahe übel, so satt hatte ich plötzlich die nonchalante Überheblichkeit, die man ja keineswegs nur den reichen Hausbewohnern, sondern auch Madame Michel vorwerfen kann – ihr Hochmut der kleinen Leute, ihre ständigen Unterstellungen, dass jedes höflich an sie gerichtete Wort eigentlich nur Ausdruck von Geringschätzung wäre. Und dann fütterte sie ihren fetten Kater auch noch ständig mit „Schweinernem“, wo man doch weiß Gott nicht studiert haben muss, um zu wissen, dass man Katzen niemals Schweinefleisch – nicht gekocht und schon gar nicht roh – zu fressen gibt. Ich war drauf und dran das Buch in die Ecke zu schmeißen. Aber da hatte ich mir den Film schon bestellt, weil ich ja Buch und Film hatte vergleichen wollen. Also las ich weiter.

Für den Fall, dass jemand weder Buch noch Film kennen sollte, werde ich mehr vom Inhalt jetzt nicht verraten. Nur soviel: nämlich dass ich über die letzten Seiten nicht kam, ohne mir immer wieder die Augen wischen zu müssen. Weiß der Geier, welche Klaviatur Muriel Barbery da gespielt hat. Romeo und Julia 50+? Ach, diese armen, armen Reichen? Ach, diese armen, armen Armen? Ach, diese späte Erkenntnis?

Muriel Barbery
Die Eleganz des Igels
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2008
ISBN-10: 3423138149
ISBN-13: 978-3423138147

„Niemand kann den Welterfolg des Romans „Die Eleganz des Igels“ so ganz erklären“, sagte Carolin Fischer im Deutschlandfunk Kultur am 9. Juni 2016, und sie sagte es im Rahmen ihrer Buchkritik zu „Das Leben der Elfen“ und nicht ohne durchblicken zu lassen, dass begeisterte Leser, die acht Jahre lang auf einen neuen Roman der Autorin gewartet hatten, von Elfen im Nebel womöglich enttäuscht sein könnten.

Da ich meine Einschätzung des Romans bis heute mit mir selbst noch nicht ausdiskutiert habe, hoffte ich, der Film könnte mich dazu bringen, ihm den Vorzug zu geben oder mich dann doch zu den positiven Seiten des Romans zu bekennen. Doch weit gefehlt.

Gesagt werden muss, dass die Hauptrollen kaum besser hätten besetzt werden können. Josiane Balasko überzeugt als Renée Michel ebenso wie Garance Le Guillermic als Paloma. Die Gedankenfülle des Romans aber erfordert bei der filmischen Umsetzung viel Einfallsreichtum und damit verbundene Abweichungen von der Romanvorlage. So wird Palomas Tagebuch durch eine Videokamera ersetzt, mit der das Mädchen ihre Umwelt auf Schritt und Tritt beobachtet. Wirklich Schade ist, dass auch Renées Vorgeschichte weggekürzt wurde, und nur aus ihr erklärt sich, warum sie sich so unscheinbar gibt und jeden Kontakt zur „besseren“ Gesellschaft auf das Nötigste beschränkt. Einen Vorteil bringt die Verfilmung dann aber doch mit sich: Das hohe Maß an Verachtung, mit dem Renée die wohlhabenden Mieter betrachtet, und dessen ich dann irgendwann überdrüssig wurde, kommt – da selten ausgesprochen – im Film nicht zum Tragen. Das mag einige enttäuschen, mir war es eher angenehm, und die schauspielerischen Fähigkeiten von Josiane Balasko genügen durchaus, ihre Gefühlsgemengelage auszudrücken.
Statt aber weiter über die Unterschiede zwischen Buch und Film zu schreiben, möchten ich erwähnen, was den Kauf des Videos für mich vor allem zu einem Gewinn gemacht hat: Die DVD enthält ein halbstündiges Making-of, und dabei handelt es sich nicht um slapstickhafte Szenen im Sinne von Pleiten, Pech und Pannen, sondern man gewinnt einen guten Eindruck der Arbeit der Regisseurin Mona Achache mit den Schauspielern, aber auch von alle dem, von dem der Zuschauer später nichts mehr merken wird (Kulissenbau, Maske, Requisite, Technik …). Unbedingt empfehlenswert!

Die Eleganz der Madame Michel
Originaltitel: Le Hérisson
Produktionsland: Frankreich
Erscheinungsjahr: 2009
Drehbuch und Regie: Mona Achache