Hätte ich heute noch das Selbstvertrauen mich – ohne einschlägigen Berufsabschluss – bei einer Fluggesellschaft zu bewerben – dazu noch gleich in der Höhle des Löwen, nämlich um eine Stelle als Sachbearbeiterin in der Personalabteilung? – Aber Glück muss der Mensch haben. Der damalige Personalchef war ein Doktor der Psychologie, und weit weniger als auf Zeugnisse und Berufsabschlüsse verließ er sich auf psychologische Tests. Ich musste also innerhalb von zwei Stunden einen telefonbuchdicken Stapel von Fragebögen (Multiple Choice) durchkreuzen, was bedeutet, Zeit zum Nachdenken über die einzelnen Fragen gab es kaum. Und siehe da! Ich wurde eingestellt.

Auf eine der von mir beantworteten Fragen sprach mein künftiger Chef mich besonders an: „Saaaaaaagen Sie, mal“, sagte er, „wie kommen Sie denn darauf, dass ein Vater meistens erfahrener ist als sein Sohn?“

Die Frage (oder eher war es in dem Fall eine Behauptung) hatte gelautet:

Eine Vater ist erfahrener als sein Sohn.
( ) immer
( ) meistens
( ) nie

Vielleicht war noch ein „manchmal dazwischen geklemmt, ich weiß es nicht mehr, und es spielt hier auch keine Rolle. „Nie“ konnte nicht stimmen, und „immer“ wagte ich zu bezweifeln, denn was, wenn besagter Vater nie aus seinem Dorf herausgekommen war, während der Sohn studiert und die Welt bereist hatte?
Nun hätte ich als kluges Kind (HA-HA) mir natürlich sagen müssen, dass eine solche windelweiche Meistens-Antwort nicht die gewünschte sein konnte, und da „nie“ auch nicht in Frage kam, blieb nur „immer“. Mit „erfahren“ war nämlich nicht die Menge unterschiedlicher Erfahrungen gemeint, sondern die Summe der Erfahrungen insgesamt. Und da zählte tausendmal dieselbe Erfahrung genauso wie tausend verschiedene. Aber, wie gesagt, für Logeleien war verdammt wenig Zeit gewesen, und vermasselt hatte ich mir die Chance mit meiner falschen Antwort ja schließlich auch nicht. – Heute allerdings würde ich zwar wissen, was man von mir hören will, würde das Argumentieren aber dennoch nicht aufgeben, denn … Es war ja nicht dazu gesagt worden, dass der Vater noch am Leben sein musste. Was, wenn er kurz nach der Geburt des Sohnes das Zeitliche gesegnet hatte, und der Sohn heute, zum Zeitpunkt der Fragestellung, doppelt so alt war wie der Vater? – Ich gebe es ja zu, manchmal möchte man einfach recht behalten. Jedenfalls, wann immer die Sprache auf Erfahrungen und das Erfahren-Sein kommt, fällt mir die alte Geschichte wieder ein. So auch bei Erich Kästners kleiner Geschichte „Fahrt ins Blaue“, die mit dem Satz beginnt …

Erfahrungen sind dazu da, dass man sie macht. Ob man dadurch, wie der Volksmund behauptet. klug wird, steht auf einem anderen Blatt. Dafür, dass Millionen Menschen Tag für Tag Erfahrungen sammeln, gibt es, an unserem Sprichwort gemessen, zwei Milliarden kluge Leute zu wenig, und das sollte zu denken geben.
Eine Unterabteilung der Erfahrungen, die man macht, ohne daraus zu lernen, sind die Wünsche, die in Erfüllung gehen. Wem wäre, so mäkelig in eigener Sache er auch sein mag, nicht schon das eine oder andere Mal ein Wunsch in Erfüllung gegangen! Gab er deshalb die Wünscherei auf? Nein. Und wenn er sich, falls er eine Märchenfigur ist, sogar drei Wünsche gestatten darf – wird er von Wunsch zu Wunsch klüger? Nein.
Man kennt Ausnahmen. Im Märchen und im Leben. Frau Grosche zum Beispiel. Übrigens nicht aus einem Märchen, sondern aus Weixdorf, einem reizenden Seeflecken bei Dresden. Frau Grosche lernte tatsächlich aus der (allerdings recht verqueren) Erfüllung eines Wunsches, und das wollen wir ihr nicht vergessen. Die Geschichte passierte vor rund zwanzig Jahren, und somit bleibt ungeklärt, ob es derartig belehrbare Mitmenschen auch heute noch gibt. Ich habe Freunde, die es bezweifeln.

Weixdorf, Foto: Ala Kot, 25. Februar 2012

In Dresden existierte also, früher einmal, eine halbamtliche Einrichtung, die sich „Fahrten ins Blaue“ nannte und, besonders bei den kleinbürgerlichen Hausfrauen, sehr beliebt war. Man fand sich, mittwochs und samstags nach dem Mittagessen, am Stübelplatz ein, wo mehrere leere Omnibusse warteten, zahlte ein paar Mark und erwarb sich damit das Anrecht, an einem Ausflug teilzunehmen, dessen Ziel „unbekannt“ war. An einem von den Schaffnern bis zuletzt geheimgehaltenen Endpunkt, irgendeinem der zahlreichen ländlichen Juwele der Umgebung, wurden Kaffee und Kuchen geboten. Und abends trafen die Frauen, von dem kleinen vorgespiegelten Abenteuer aufs angenehmste unterhalten und ermüdet, wieder bei ihren auf Abendbrot und den Reisebericht wartenden Familien ein.
So geschah es einen schönen Mittwochs früh, dass Frau Grosche, übrigens die Wirtin eines hübschen Gartenrestaurants, zu ihrem Manne sagte: „Das ganze Jahr komme ich nicht aus dem Haus. Man gönnt sich nichts. Habe ich deshalb geheiratet? Nein, mein Lieber! Weißt du was? Ich werde heute eine ‚Fahrt ins Blaue‘ mitmachen!“
„Meinetwegen!“ antwortete der Gatte. „Amüsier dich gut!“
Sie benutzte den Vorortzug nach Dresden, stieg am Neustädter Bahnhof in die Straßenbahnlinie 6 und erklomm, am Stübelplatz angelangt, einen der wartenden Omnibusse. Die Fahrt ins Abenteuer begann pünktlich und nahm für alle den normal überraschenden Verlauf. Nur nicht für Frau Grosche. Ihre Überraschung war anderer Natur.
Haben Sie es schon erraten? Ja? Genau so kam es! Das sorgfältig verschwiegene Reiseziel war an diesem Mittwoch ausgerechnet der ländliche Gasthof, dessen Wirtin Frau Grosche war und den sie am Morgen mit der festen Absicht verlassen hatte, endlich etwas Funkelnagelneues zu erleben!
„Gut, dass du kommst!“ rief ihr Mann, der den Quark- und den Streuselkuchen eifrig in Streifen schnitt. „Bind dir schnell ’ne frische Schürze um, und hilf mir beim Servieren!“ Sie band sich eine frische Schürze um und belud ein Tablett mit Kaffeegeschirr und selbstgebackenem Kuchen. Als sie es anhob, um es in den Garten zu tragen, wo ihre Reisegefährten in der Sonne saßen, sagte sie, und dies spricht für ihre überdurchschnittliche Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen: „Das nächste Mal bleibe ich gleich hier!“

Das Buch mit über 40 kurzen Texten und Gedichten eignet sich als Reisebegleiter sowohl für die eigene Wenigkeit als auch als Geschenk für liebe Menschen.

 

Erich Kästner / Sylvia List (Hg.)
Zwischen hier und dort – Reisen mit Erich Kästner
Gebundene Ausgabe
Atrium Verlag, 2012
ISBN 978-3-85535-384-2