„Mariaschwarz“ – mein zweiter Heinrich Steinfest, und es ging mir wie beim ersten („Gewitter über Pluto“), nämlich dass mein anfängliches Befremdeln schneller als erwartet einer leserhaften Vertrautheit wich – leserhaft, weil ich mit dem Autor vertraut wurde, dieser umgekehrt mit mir natürlich nicht. Da darf man sich nichts einbilden. Ich mag seine Sprache sehr, die gehoben aber nie abgehoben ist, Erotisches nie über Gebühr und daher plump beim Namen nennt, lyrisch ist aber nie romantisch oder abstrakt verdichtet. Ich mag seine von seinen Personen nachgedachten Gedanken. Das heißt nicht, dass ich stets einer Meinung mit ihm bin, und wenn ich es doch bin, kommt es vor, dass ich sehr wohl weiß, mich wahrscheinlich zu irren – wie wahrscheinlich auch er sich irrt. Es würde mich nicht wundern, wenn irgendwann der komplette Steinfest in mein Bücherregal einzieht, denn wie jetzt – schon das zweite Buch aus der Stadtbücherei ausgeliehen, das ist keine Basis. Wenigstens ein paar Zeilen will ich festhalten, bevor ich es zurücktrage. Hier also Lokastik (Heinrich Steinfest) über Thomas Bernhard:

Lokastik griff in seine Tasche, holte das Buch Alte Meister heraus und legte sich damit aufs Bett. Er zündete sich eine Zigarette an, tat einen sehr tiefen Zug, wie um sich den hervorragenden Zustand seiner Lunge zu beweisen, fügte die Zigarette in die Rille des Aschenbechers und begann in dem Band zu blättern.
Da nun diese als Komödie titulierte Geschichte von Wiederholungen lebte – und zwar ganz wunderbaren Wiederholungen, als würde ein Ei ein anderes legen, ohne ein Huhn bemühen zu müssen -, darum also hatte Lokastik rasch herausgefunden, daß die Hauptfigur der Geschichte, der privat-philosophische Musikphilosoph Reger sich jeden zweiten Vormittag um elf Uhr im Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museums einfindet, um sich auf der dortigen Sitzbank niederzulassen und Tintorettos Weißbärtigen Mann zu betrachten, und das seit über sechsunddreißig Jahren.
Lokastik, der das Buch bei seinem Erscheinen vor einundzwanzig Jahren gelesen hatte, blieb jetzt bei der einen oder anderen Stelle hängen, fiel praktisch zurück in seine alte Leidenschaft für diesen Autor, dem wohl die einzigen spannenden und mitreißenden Momente der Achtzigerjahre in Österreich zu verdanken sind. Alle Menschen in diesem Land hatten sich in irgendeiner Form – in Kenntnis oder Unkenntnis des Werks, egal – auf diesen Autor gestürzt, ihn verehrt oder gehaßt. Aber jeder war ihm dankbar gewesen für die Möglichkeit, ein Gefühl der Erregung entwickeln zu können, eine deutliche Beschleunigung des Herzschlags zu verspüren. Die sogenannte Nestbeschmutzung des Thomas Bernhard hatte ein ganzes Land aus seiner Apathie geholt. Thomas Bernhard war der Wecker der Österreicher gewesen. Er hatte geklingelt und gerasselt und gescheppert, bis auch jeder in diesem Land aus seiner Bewußtlosigkeit erwacht und aus der landesweiten Tiefschlafkammer herausgekrochen war. Erst diese Nestbeschmutzung machte den Leuten überhaupt klar, daß es so etwas wie ein Nest gab. Ganz klar, exakt in diesem Nest hatten sie ja gelegen und traumlos ihre Zeit verschnarcht, aber man kann eben nicht gleichzeitig in einem Nest schlafen und sich dieses Nestes bewußt sein. Man muß schon aufwachen, um das Nest wahrzunehmen. Und das taten dann also die Leute, nicht wenige scheinbar fassungslos angesichts der Schönheit ihrer Brutstatt. Andere wiederum schockiert ob all der Niedertracht darin. Jeder aber begeistert über das eigene Wachsein. Wie im Märchen, wenn ein Fluch genommen wird und alle wieder ihr Leben fortführen dürfen.
Thomas Bernhard war der Ritter und Retter der Österreicher in Form einer unaufhörlich schellenden Weckuhr gewesen. Und das einzige Problem bestand wahrscheinlich darin, daß Thomas Bernhard vergaß, daß ein Wecker – wenn denn bereits alle wach sind – auch wieder abgestellt werden muß. Statt dessen läutete der Apparat bis zur endgültigen Erschöpfung, was am Ende immer ein wenig traurig klingt: ein Röcheln, als sterbe die ganze Maschine, ja, als sterbe die Zeit.

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Es handelt sich bei „Mariaschwarz“ um einen Krimi, und an manchen Stellen fragte ich mich, ob Heinrich Steinfest vielleicht entfallen war, was er einige Kapitel zuvor geschrieben hatte. Nein, war es nicht. Auch das Leben hält nicht jeder Plausibilitätsprüfung stand. Warum sollte ein Roman das tun? Also, locker bleiben und sich auf den nächsten Steinfest freuen.

Wer kein Buch lesen möchte, ohne vorher dessen Inhalt zu kennen, kann sich bei Dieter Wunderlich informieren und bekommt dabei gratis vorgeführt, wie man – zusammenfassend – einen gut geschriebenen Roman verhunzt.

Heinrich Steinfest
Mariaschwarz
Piper, München / Zürich 2008
ISBN 978-3-492-25751-0

Thomas Bernhard
Alte Meister – Komödie (Roman)
Suhrkamp Taschenbuch, 25. Juli 1988
ISBN-10: 3518380532 / ISBN-13: 978-3518380536

——–

Editoriales Postskriptum

Mir fehlt im Moment die Zeit zum Bloggen in gehabter Manier, aber ich möchte mein Lebens-Logbuch (was ich gelesen, gehört, gedacht, … habe) trotzdem nicht vollkommen aussetzen. Es wird also vorerst bei mir keine Möglichkeit geben zu kommentieren. Soweit es meine Zeit erlaubt, werde ich aber bei den Blogkollegen lesen und das eine oder andere Sternchen fallen lassen. Und die Fortsetzungsgeschichte im Rahmen der a.b.c. etüden wird natürlich abgeschlossen.

Mein herzlicher Dank an alle für Ihr Verständnis.