Eine „vorbeigondelnde Fruchtfliege“ kann auch mich schier in den Wahnsinn treiben – jedenfalls nachdem ich lange genug darüber nachgedacht habe, warum ein so kleines Insekt mit einer so geringen Lebenserwartung mit diesem kurzen Leben nichts anderes anzufangen weiß, als sich ständig in meinem Gesichtsfeld zu bewegen. Ich bin sicher, wäre mein Gehör besser, könnte ich sie in der Art neckender Kinder „Na-na — na-na — naaa-na“ trällern hören. Aber gut, schlechtere Augen, welche die Fruchtfliege nicht wahrnehmen, wären auch eine Lösung. Jedenfalls handelt es sich beim Vorbeigondeln der Fruchtfliege genau um die Art von Erlebnis, die bei Jules van der Ley eine Geschichte ins Rollen bringen. Und wie!

Menschen, deren Wischfinger und Scrollaugen ständig mit ihrem Smartphone, iPad oder Tablet beschäftigt sind, verpassen mehr als sie ahnen, und wenn dies eines Beweises bedarf, so liefert den mühelos Jules van der Leys kleine Sammlung schräger Geschichten mit dem Titel „Die schönsten Augen nördlich der Alpen“. Hier geht es fast nie um Aufsehenerregendes, Spannendes, Dramatisches oder noch nie Dagewesenes, sondern sehr oft um Dinge, die jeder von uns bei sich selbst oder bei anderen des öfteren beobachten könnte, wenn er sich denn herabließe, ihnen Beachtung zu schenken, und die dennoch an Komik, Skurrilität und Überraschendem nichts zu wünschen übriglassen.

Leser, die Jules van der Leys Blog Teestübchen Trithemius folgen, wissen, worauf sie sich einlassen und werden sogar die eine oder andere, bei weitem aber nicht alle Geschichten wiedererkennen. Ein Völkerkundler des Alltags mit Sinn für das Skurrile und surreales Kopfkino, nimmt der Autor uns mit auf seinen täglichen Wegen, sei es in den Supermarkt, ins Café, die Stammkneipe, auf eine Radtour oder eine Bahnfahrt, schmeißt auch in den kürzesten Texten den Projektor im Kopf des Lesers an und lässt ihn staunend teilhaben an Ereignissen, die zum Beispiel mit einem umgestürzten Bierglas beginnen, um endlich den Globus zu erschüttern. Und was mir beim Lesen auch sehr sympathisch war: Es kommt immer wieder – wie schon der Titel vermuten lässt – die Verehrung des weiblichen Geschlechts ins Spiel,ohne dass eine sexistisch fehlgeleitete Studentenvertretung etwas dagegen ausrichten könnte.

Man fragt sich, worin das Geheimnis dieses intensiven Alltagserlebens liegt, und kommt zu dem Schluss, dass hier einer schreibt, der sich in seinen Lebensumständen zwar eingerichtet aber nicht etabliert hat, ein Wanderer zwischen den Provisorien, aus denen die Welt (auch die in jedermanns Sichtweite) besteht.

Natürlich werde ich auch weiterhin Jules van der Leys Blog folgen, doch ist es ein schönes Gefühl, ein kompaktes Stück Teestübchen im Bücheregal zu haben.

Jules van der Ley
Die schönsten Augen nördlich der Alpen
46 schräge Geschichten
Taschenbuch, 156 Seiten
ISBN 9783745071344