In unserem Land muss ein Chef eine Glatze und einen dicken Bauch haben. Da mein Onkel weder eine Glatze noch einen dicken Bauch hat, kannst du, wenn du ihn siehst, nicht auf Anhieb erkennen, dass er ein echter Chef mit einem großen Büro im Stadtzentrum ist. Er ist „Verwaltungs- und Finanzdirektor“. Laut Mama Pauline ist ein Verwaltungs- und Finanzdirektor jemand, der auf das ganze Geld eines Unternehmens aufpasst, und er ist auch derjenige, der sagt: Dich stell ich ein, dich stell ich nicht ein, dich schick ich zurück in dein Dorf.

Mit diesen Worten beginnt Alain Mabanckou’s Roman „Morgen werde ich zwanzig“. Die Rede ist von Tonton René, dem Onkel von Michel, der uns von seinem Leben als Zehnjähriger in der kongolesischen Hafenstadt Pointe-Noire und seinem Verständnis von der Welt erzählen wird. Besagte Welt tut indessen das, was sie eigentlich immer tut, nämlich hier und da und dort aus den Fugen gehen.

Ist Michel ins Haus seines Onkels eingeladen, der zwar wie ein Kapitalist lebt, von sich aber behauptet Kommunist zu sein, so bekommt Michel am Tisch „immer den schlechten Platz genau gegenüber von dem Foto mit einem alten Weißen, der Lenin heißt“. Er besucht den Onkel daher ungern, obwohl er von ihm jedes Jahr zu Weihnachten einen Lastwagen aus Plastik, eine Harke und eine Schaufel geschenkt bekommt, denn der Onkel möchte, dass Michel dereinst Bauer wird. Weitaus lieber besucht Michel Mama Martine, die erste Frau von Papa Roger, und seine Geschwister, denn als Halbgeschwister bezeichnet weder er sie noch sie ihn als Halbbruder. Am liebsten aber ist er zu Hause bei Mama Pauline, besonders dann, wenn Papa Roger auch dort ist, weil er gerade nicht seiner Arbeit als Rezeptionist im Victory Palace Hotel nachgehen oder bei seiner anderen Familie sein muss. Papa Roger überlässt ihm oft ein großes Stück Rindfleisch von seinem Teller, wenn es Michels Lieblingsessen, Rindfleisch mit Bohnen, gibt. Außerdem erklärt er ihm die Nachrichten, die der Sprecher von Voix de l’Amérique, Roger Guy Folly, verliest.

Wir schreiben das Jahr 1979. Der Schah des Iran befindet sich auf der Flucht und hat Michels vollstes Mitleid, denn er hat Krebs und wird in keinem Asyl lange geduldet, weil die jeweiligen Staatschefs sich vor Ajatollah Khomeini fürchten. Auch der ugandische Diktator Idi Amin ist geflohen – nach Libyen, wo er es sich, Michels Meinung nach, in einem luxuriösen Swimmingpool gutgehen lässt und niemand ihn schnell wieder loswerden will. Vietnamesische Truppen vertreiben die Roten Khmer aus Phnom Penh, und Mutter Teresa erhält den Friedensnobelpreis.

Doch hat Michel durchaus auch eigene Probleme. Wie es sich für einen Zehnjährigen gehört, ist er verliebt – in Caroline, die Schwester seines besten Freundes Lounès, Dann aber taucht ein Nebenbuhler auf, der nicht nur stärker ist als Michel sondern auch ein guter Fußballspieler. Auch Michels Versuche, seinen ältesten Bruder dazu zu bringen, sich endlich ausschließlich der reizenden Geneviève zuzuwenden, sind zunächst von wenig Erfolg gekrönt. Richtig schlimm aber wird es, als ein Schamane, den Mama Pauline und Papa Roger aufgesucht haben, weil Mama Pauline schon lange vergeblich darauf wartet, noch einmal schwanger zu werden, den Eltern einredet, er, Michel, habe den Bauch seiner Mutter verschlossen, um ihr einziges Kind zu bleiben, und sie sollten ihn mit Geschenken dazu bewegen, den Schlüssel herauszurücken. – Nun bekommt Michel alles was er will – aber eben doch nicht will. Verzweifelt macht er sich auf die Suche und durchwühlt schließlich die Mülltonnen der Stadt in der Hoffnung, einen Schlüssel zu finden, den er seiner Mutter bringen könnte. Dabei hilft ihm ein als verrückt geltender Obdachloser, der in Wahrheit jedoch ein Philosoph ist. In all diesen Verwirrungen findet Michel Trost, indem er zu seinen beiden Schwestern betet, seiner Sternenschwester und seiner Namenlos-Schwester, die direkt vom Bauch der Mutter in den Himmel gereist waren, ohne einen Zwischenstopp auf der Erde einzulegen. Dann gibt es aber auch noch den Radio-Recorder, den Papa Roger von einem Hotelgast geschenkt bekommen hat – mit einer einzigen Kassette, auf der Georges Brassens (von Michel nur der schnurrbärtige Sänger genannt) „Auprès de mon arbre“ singt, und das ebenfalls Papa Roger gehörende Buch „Eine Zeit in der Hölle“ von Arthur Rimbaud, von dessen Rückendeckel Arthurs Porträt Michel aufmunternd zulächelt.

Es ist nicht lange her, dass ich irgendwo – ich glaube in einem Kommentar – mich dazu geäußert habe, dass es m.E. dringend notwendig ist, über das Leben in Afrika auch in einer Weise zu schreiben, welche die politischen Auseinandersetzungen und zum Teil unvorstellbar grausamen Kämpfe auf dem Schwarzen Kontinent nicht in den Mittelpunkt stellt – freilich ohne die Realität zu verschweigen. Dem Jungen, den man beim Lesen dieses Romans mehr und mehr lieb gewinnt, mit dessen kleinen Gewissenkonflikten, Träumen und Ängsten man sich aus der eigenen Kindheitserinnerung bestens identifizieren kann, wünscht man von ganzem Herzen ein gutes, glückliches und erfolgreiches Leben und ein friedliches Alter. Ich denke, dass es auch solcher Bücher bedarf, um unsere Empathie mit von Gewaltherrschaft und Krieg betroffenen oder bedrohten Völkern wach zu halten, uns nicht zu sperren gegen ein Maß von Brutalität, das wir uns nicht nur kaum vorstellen können, sondern auch kaum vorstellen wollen.

In einem 2013 vom Africa Book Club geführten Interview antwortete Alain Mabanckou auf die Frage, warum es ihm wichtig gewesen war, diesen fiktional-autobiographischen Roman zu schreiben: „Es war sehr wichtig, weil ich herausgefunden hatte, dass uns in der kongolesischen Literatur keine Geschichten mit der Stimme eines Kindes erzählt wurden. In ‚Morgen werde ich zwanzig‘ wollte ich erklären, wie wir unter diesem kongolesischen Regime lebten, das als „Sowjet-Sozialismus“ bezeichnet wurde. Wir waren ein rotes Land! Immer ging es um Marx und Engels, um den Materialismus und die Philosophie, die aus der UdSSR kamen.“


Alain Mabanckou
Morgen werde ich zwanzig
Roman
Aus dem Französischen von
Holger Fock und Sabine Müller
368 Seiten, € 22,00
ISBN978-3-95438-040-4

Georges Brassens „Auprès de mon arbre“

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