Ein beabsichtigter Witz ist üblicherweise von robuster Natur, und ihn völlig kaputtzumachen gelingt auch schlechten Witzeerzählern nur selten. Ein beabsichtigter und dabei feinsinniger Witz läuft ebenfalls kaum größere Gefahr als einfach nicht verstanden zu werden. Ein den Dingen oder gesellschaftlichen Erscheinungen innewohnender, völlig unabsichtlicher Witz dagegen, wird – ist er erst einmal entdeckt – in vielen Fällen gnadenlos plattgemacht. Es ist, als würde man von einem Menschen verlangen, er müsse das Haus, in dem er wohnt, auch hochheben können. Der unabsichtlich in einer abstrakten oder konkreten Sache verborgene Witz ist aber weder berufen noch geeignet, die Sache als solche zum Witz zu machen. Er ist nicht mehr als eine Facette oder ein dem Ding entwichener, durch unser Verständnisdunkel geisternder Irrwisch.

„Irrwisch“ ist denn auch der Titel des Buches, das Jan Bräumers Kunst zeigt. Der Begleittext von Anke Schlecht ist den bebilderten Seiten nachgestellt, geht nicht, wie in vielen anderen Kunstbüchern, dem Werk voran, um dem Rezipienten vorzuschreiben, wie er diese Werkschau aufzufassen habe, oder ihn gleich gänzlich einzuschüchtern. Welcher Laie wagt denn noch, sich eine eigene Meinung zu bilden oder sie gar zu äußern, wenn er aus dem Gewölk einer kuratorischen Nebelmaschine wieder auftaucht, das Blubbern der Sprachblasen noch im Ohr. Nein, im „Irrwisch“ findet der aufmerksame Betrachter, nachdem er das Buch in Muße durchgeblättert hat – wahrscheinlich auch wieder zurück-, dann wieder vor- und noch einmal zurückblätternd und dabei erstaunlicherweise immer wieder Neues entdeckend, sich im Begleittext auf angenehm ergänzende Weise und ohne alle Langatmigkeit bestätigt. Und auch wenn es irgendwie falsch erscheint, dem Nachgestellten hier vorzugreifen möchte ich doch zwei (sehr kurze) Zitate anbringen: Das Eine ist die Formulierung „Wahrnehmungsschnipsel-Collage aus Pop- und Hochkultur“, denn eine treffendere Kurzbeschreibung für viele von Jan Bräumers Arbeiten wäre schwer zu finden. Das Andere ist der Satz „Zeichne mir ein Schaf!“ aus dem Märchen Der kleine Prinz. Ich ahne, wie die Heerschar jener, deren erklärtes Lieblingsbuch Antoine de Saint-Exupérys Märchennovelle ist, empfindsam zuckt. Doch einen Vorwurf kann man Anke Schlecht aus dem Vergleich nicht machen. Mit eben solchen Augen muss man Bräumers Bilder anschauen, und dann findet man großes Vergnügen daran. – Jedes Bild hat einen Titel, und dieser dient nicht dazu, das Bild in einem Katalog auffindbar zu machen, sondern ist Bestandteil des Kunstwerks. Die Frage, was zuerst da war, der Titel oder das Bild, bleibt unbeantwortet – sozusagen ein Betriebsgeheimnis des Künstlers.


Jan Bräumer: Irrwisch
Herausgeber: Institut für moderne Kunst Nürnberg
Verlag für moderne Kunst
Gestaltung: Ernst Christian Dümmler
Text: Anke Schlecht
128 S. / Hardcover/ dt. / engl. / 32 Euro
ISBN: 978-3-903004-65-8

Mein herzlicher Dank an Ernst Christian Dümmler für die Zusendung des Buches.

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