Kurfürstendamm 203

Das Licht, das uns beleuchtet, hat nichts zu bedeuten.
Auch die Kleidung, die wir tragen, hat nichts zu bedeuten.
Sie zeigt nichts, sie sticht nicht ab, sie bedeutet nichts.
Sie will Ihnen
keine andere Zeit bedeuten,
kein anderes Klima,
keine andere Jahreszeit,
keinen anderen Breitengrad,
keinen anderen Anlaß, sie zu tragen.
Sie hat keine Funktion.
Auch unsere Gesten haben keine Funktion,
die Ihnen etwas bedeuten soll.
Das ist kein Welttheater.

Wer 1967 abends durch die Knesebeckstraße flanierte, dem konnte es passieren, dass ihm, aus einem plötzlich aufgerissenen Fenster heraus, ein Schimpfwort an den Kopf geworfen wurde. Das Schimpfwort stammte aus dem Text von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“; das Aufreißen des Fensters war Bestandteil der Inszenierung von Günther Büch.

1962 übernahm Dr. Klaus Hoser mit H. Köppen und F. Burckner die Leitung des Forum Theaters am Kurfürstendamm 203, über dem Mercedes-Salon. Ziel: avantgardistisches, experimentelles und literarisch-politisches Theater zu machen. 1975 stellte das Forum Theater wegen Subventionsentzug den Spielbetrieb ein.

Wie das Leben so kullert, durfte ich als Ganz-am-Randfigur an einem kleinen Ausschnitt der Forum-Theater-Zeit teilhaben. Hoser stellte mich 1967 für die Einlasskontrolle ein. Manchmal durfte ich auch die Garderobe annehmen oder herausgeben, eine Aufgabe, die ich nur deshalb nicht gern übernahm, weil ich dann den liebestollen Angriffen des Königspudels, welcher der Frau an der Kasse gehörte, ausgesetzt war – sehr zur Belustigung all derer, die zuschauten, während ich versuchte, das schwarze Ungeheuer von meinem Bein fernzuhalten.

Waren alle Zuschauer drin, durfte auch ich mich in den Theatersaal setzen, dessen 180 Plätze selten restlos verkauft waren. Passagen der „Publikumsbeschimpfung“ könnte ich heute noch mitsprechen, und kriege den Rhythmus nicht aus dem Kopf, bin also für eine objektive Rezeption dieses Stücks total versaut. Für mich müsste es immer die Inszenierung von Büch, müssten die Schauspieler immer Hans-Werner Bussinger, Reinhard Jahn, Manfred Lehmann und Michael Rüth sein.

Das Stück lief – mit Unterbrechungen – angeblich fünf Jahre lang. So lange blieb ich jedoch nicht „bei der Truppe“, zu der ich ja auch nicht wirklich gehörte. Obwohl – so etwas wie ein Zugehörigkeitsgefühl kam manchmal dennoch auf – besonders wenn Robert Wolfgang Schnell sich die Ehre gab, der mir Standpauken hielt wie: „Mädchen, rauchen tust’e nich. saufen tust’e nich. Willst’e irgenwann ’nen ganz intakten Körper in Sarg legen lassen? Wär doch schade drum!“, wenn er nicht gerade gewagte Theorien entwickelte, z.B. dass die Bildhauer der Antike vielleicht gar nicht so selbstverleugnerisch gewesen seien, wie gerne geglaubt würde. „Wer sagt, denn, dass nicht der Eine die Pimmel rot angemalt hat und der Andere blau – als Markenzeichen sozusagen, bloß dass man heute von der Farbe natürlich nix mehr sieht.“ [Ich bitte, weder das eine noch das andere Thema mit mir zu diskutieren. Ich zitiere nur (sinngemäß).] Mit Schnell und einigen aus der Truppe nach der Vorstellung noch in den Weißer Mohr zu gehen, war jedenfalls immer ein großes Vergnügen – und das nicht nur, weil man im Weißen Mohr zu jeder beliebigen Nachtstunde noch ein Frühstück bekam (Schrippe mit Butter und Marmelade + pflaumenweich gekochtes Ei).

Handkes „Publikumsbeschimpfung“, uraufgeführt in Frankfurt 1966 (Video weiter unten), sollte, wie gesagt, in Berlin ein Dauerbrenner werden. Skandale, wie bei der Uraufführung, blieben – zumindest in der ersten Spielzeit, die ich miterlebte, aus. Nur einmal sorgte ein kleiner Zwischenfall für eine Schlagzeile. In eine (übrigens besonders schlecht besuchte) Vorstellung waren einige Schauspieler gekommen, ehem. Mitschauspielschüler von (wenn ich mich recht erinnere) Michael Rueth. Sie saßen in der ersten Reihe und bald war klar, dass sie mit dem festen Vorsatz (und gut vorbereitet) gekommen waren, die Vorstellung zu sprengen. Als es unseren Schauspielern schließlich reichte, sprang einer von ihnen über die Rampe und haute dem Anführer der Störenfriede eine runter. Am nächsten Tage titelte die B.Z. auf der ersten Seite: „Schauspieler schlägt Zuschauer!“ Davon abgesehen, verhielt sich das Berliner Publikum in dieser frühen Phase – nun, schlimmstenfalls zu passiv. Handke wollte ja durchaus schockieren, dass Zuschauer empört den Saal verließen, wurde billigend in Kauf genommen, Betroffenheit war in jedem Fall erwünscht, angeblich auch Zwischenrufe, ein gedämpfter Tumult, … Ich persönlich fand, das Zwischenrufe immer störten. Das muss gesagt werden: Das Stück funktionierte am besten, wenn das Publikum mitmachte, indem es ein normales Publikum spielte, nicht eine auf Skandal gebürstete Horde.

Ich versuche, mich zu erinnern, was nach der Publikumsbeschimpfung kam. Ich glaube, das muss so eine Art Lückenbüßer gewesen sein vor der Premiere der „Hanswurstiaden“. Ja, dann wurde Goethe gezeigt. Robert Wolfgang Schnell hatte das Stück zusammengeschrieben aus Goethes „Jahrmarktsfest von Plundersweilen“ und „Hanswursts Hochzeit“. Sehr deftige Texte, die der junge Goethe da zu Papier gebracht hatte. Die Kostüme dafür entwarf und fertigte Ray Abel, und zusammen mit einigen anderen jungen Leuten aus „der Truppe“ half ich dabei. Sollte ein Leser das Stück zufällig gesehen haben und sich erinnern: Die unzähligen Knöpfe am Rock des Pfarrers, die hatte ich angenäht, und daher weiß ich, dass Theaterkostüme viel sorgfältiger verarbeitet werden, als normale Kleidung. Da darf kein Knopf abspringen und keine Naht platzen. Was ich damals nicht wusste, sondern erst viel später gelesen habe: Rio Reiser und sein Bruder, damals noch als Ralph und Gert Möbius bekannt, verdächtigten den englischen Kostümbildner des Forum-Theaters der Werkspionage und fürchteten Ideenklau. Es ist schon bemerkenswert, wer und was sich alles im Dunstkreis dieses kleinen Berliner Theaters bewegte. Wenn jemand damals geklaut hat, dann war ich das – nämlich Ray Abels wunderbares Eintopfrezept. Die Beköstigung war so ziemlich die einzige Entlohnung für die Mithilfe in der Kostümschneiderei.

Auf der Bühne habe ich die „Hanswurstiaden wohl nur ein Mal gesehen. Meine Forum-Theater-Zeit ging zu Ende, was an den privaten Turbulenzen in meinem Leben lag, und die hatten wiederum mit dem Theater nichts zu tun. Es muss im Winter 1970/71 gewesen sein, dass ich das Forum-Theater noch einmal besuchte. Trotz heftiger Erkältung und leichten Fiebers hatte ich einen kleinen Ku’dammbummel gemacht und verspürte plötzlich Lust, mal nachzuschauen, wer von der alten Garde noch da war – nur eben schnell guten Tag sagen. An der Kasse saß noch dieselbe Pudelbesitzerin. Ob ich mir nicht die Vorstellung anschauen wollte, ich könne eine Freikarte haben, bot sie mir an. Gespielt wurde „… und sie legen den Blumen Handschellen an“ von Fernando Arrabal. Wie gesagt, hinter mir lag eine Zeit, in der ich wenig Gelegenheit gehabt hatte, mich mir der Kultur in der Stadt zu beschäftigen. Ich tappte also ahnungslos durch die Einlasskontrolle, und dass ich das lieber nicht hätte tun sollen – jedenfalls nicht in meiner Verfassung – wurde mir erst klar, als es zu spät war. Völlige Dunkelheit. Ich wurde ein bisschen hin und her geschubst. Das war ja schlimmer als Geisterbahn fahren. Endlich ein Arm, der sich um meine Schultern legte, eine Stimme die leise und tröstend auf mich einredete und mich zu meinem Platz führte. Keineswegs ein normaler Theatersessel. Eine niedrige Holzbank ohne Rückenlehne. Dann noch sehr lange Dunkelheit, durch die man Schreie, Schüsse, Kommandostimmen, Stöhnen hörte, … Wenn jemanden das Stück interessiert, vielleicht den SPIEGEl-Artikel dazu lesen. Von mir nur noch soviel: So ziemlich am Ende pinkelte der nackte Manfred Lehmann, während er stranguliert wurde, auf Kommando in einen Eimer. Dafür habe ich ihn sehr bewundert, weil ich auf Kommando nie … Egal! Es war jedenfalls eine sehr nachhaltige Erfahrung.

Ich kann bis heute nicht an der Hausnummer 203 des Kurfürstendamms vorbeigehen, ohne dieser Zeit ein bisschen nachzutrauern.

„Publikumsbeschimpfung“
Uraufführung im Frankfurter Theater am Turm 1966
Regie: Claus Peymann

Advertisements