Wer war nur auf die Idee gekommen, der Kneipe diesen Namen zu geben? Renato wohl eher nicht. Oder vielleicht doch? Um Kundschaft von der nahen US Air Base anzulocken?

Woher der Name stammte, den ich seltsamerweise nie vergessen habe, fand ich erst vor drei Tagen und rein zufällig heraus. Er war eine Anspielung auf den Song „Dirty Old Man“ von dem Album „The Fugs“ – das zweite Album der gleichnamigen Rockband, erschienen 1966. Es handelt von einem „dreckigen alten Kerl“, der am Schultor herumlungert, den Mädchen in den Busen kneift und neben Pornos und Pillen auch Joints an die Jugendlichen vertickt.

Es war im Winter 1967/68. Seit dem Erscheinen der Platte war nur etwas über ein Jahr vergangen, als ich zum ersten Mal diese Kneipe betrat, die so hieß, wie nur eine Kneipe Ende der Sechziger heißen konnte – in Harper-Valley-P.T.A.-Zeiten – und die auch wie eine Kneipe aussah, bei der es sich aber – das muss fairerweise gesagt werden – um ein Speiselokal handelte. Das erhärtet natürlich den Verdacht gegen Renato, für diesen Namen verantwortlich zu sein. Dennoch habe ich weder beim ersten, noch bei späteren Besuchen auch nur einen Hauch von Gras feststellen können. In Renatos Restaurant duftete es nach frisch gebackener Pizza.

Das muss ich an dieser Stelle auch noch erzählen: Ich betrat nicht nur zum ersten Mal „The Dirty Old Man’s Joint“, ich hatte davor auch noch nie Pizza gegessen. Ich wusste nicht einmal, was eine Pizza war, bis … Okay, eins nach dem anderen.

Ich war damals im Begriff in meine erste eigene Wohnung zu ziehen. Eigentlich war es nur eine halbe Wohnung und (aus meiner heutigen Sicht) eine Unmöglichkeit. Sie lag im vierten Stock eines Hauses in der Willibald-Alexis-Straße/Ecke Chamissoplatz. Vier Treppen und Ofenheizung! Aber wenn man jung ist und seine Unabhängigkeit will, lässt man sich davon nicht schrecken. Auch dass, wer auch immer irgedwann aus einer Wohnung zwei gemacht hatte, konsequent das einstige Badezimmer in zwei Toiletten (immerhin Innentoiletten!) umgebaut hatte, hielt mich nicht ab. Auf die Dauer ging es mir dann allerdings doch auf die Nerven, dass ich meine Toilette nur vom kleineren der beiden Zimmer aus betreten konnte – durch eine Tür, die so niedrig war, dass auch ein eher klein gewachsener Mensch den Kopf einziehen musste. Aber das hier ist keine Beitrag zum Welt-Toilettentag (der war am 19. November). Ich will mich bemühen, nun doch schleunigst auf den Anlass meiner ersten Begegnung mit Renato und mit Pizza zu sprechen zu kommen.

Mein Einzug in diese Luxusbehausung stand kurz bevor, und ich hatte zwecks Renovierung Farben und Tapeten gekauft, hatte aber noch nie selbst eine Wohnung renoviert. Meien Familie pflegte für so etwas einen Maler kommen zu lassen. Die Do-it-yourself-Zeiten brachen gerade erst an. Also hatte ich im Farben-und-Tapeten-Laden darum gebeten, dass man mir jemanden vermittelte. Der Typ, der daraufhin vorstellig wurde, hatte eine wirklich erschütternde Ähnlichkeit mit meiner ersten großen Liebe – jedenfalls solange er den Mund nicht aufmachte. Da er das aber beständig tat, legte sich meine Erschütterung ziemlich schnell, und wir kamen überein, dass er und sein Kumpel die zwei Zimmer, Flur und Küche renovieren würden – bei dem Preis, auf den wir uns einigen konnten, natürlich ohne Rechnung.

Vielleicht lag es ja an meinen beschränkten finanziellen Möglichkeiten, dass die Sache nur schleppend voran kam. Der Möbelwagen war schon bestellt, und wenn die Wohnung zum geplanten Termin bezugsfertig sein sollte, musste ich dem Typen und seinem Kumpel nicht nur endlich mal Dampf machen, sondern würde das Streichen der Rauhfasertapeten auch selbst übernehmen müssen. Und so kam es dann, dass wir noch spät am Abend vor dem Morgen, für den der Umzug angesetzt war, letzte Hand anlegten. Wir waren müde und … natürlich hungrig. Ich weiß nicht mehr, ob es der Typ war oder sein Kumpel, der etwas von „noch nichts gegessen“ brummte. Da die beiden durchgehalten und mich nicht im letzten Moment hängen gelassen hatten, fühlte ich mich verpflichtet, ihnen außer der stets nachgefüllten Kiste Bier (Damals war es wirklich noch üblich, Handwerker besoffen zu machen. Was für ein Schwachsinn!) etwas Essbares anzubieten. Und da schlug der Kumpel des Typen vor, ich könne ja Pizza von Renato holen.

Pizza? – Er versuchte, mir zu erklären, was das war, und versprach: Schmeckt ganz prima! Dann beschrieb er mir, wo ich Renatos Lokal finden würde: ein ganzes Stück die Straße rauf, auf der anderen Seite, noch hinter der Friesenstraße. – Ich zog los.

Auf der anderen Straßenseite hinter der Friesenstraße gab es nur ein Lokal: „The Dirty Old Man’s Joint“. Wie schon gesagt, es sah aus wie eine Kneipe, und ich hatte ernthafte Zweifel, ob dies das Etablissment war, in dem ich die Pizza bekäme, von der man mir vorgeschwärmt hatte. Als ich aber die Tür öffnete, die, wie es sich für eine Kneipentür gehörte, nach außen auf ging, roch es nicht nach abgestandenem Zigarettenrauch und schalem Bier, sondern verführerisch nach … Pizza eben.

Es gibt so erste Male, die vergisst man nicht, und ich glaube, dazu gehört auch die erste Pizza – jedenfalls wenn sie so gut ist wie die von Renato es war. Eine Speisekarte gab es nicht. Neulingen zählte Renato auf, was als Pizzabelag zur Auswahl stand. Jede Kombination war möglich, und jede Pizza kostete 4 Mark oder einen Dollar, was dem damaligen Wechselkurs entsprach. Tatsächlich waren über die Hälfte der Gäste in dem kleinen Lokal Soldaten von der US Air Base auf dem Flughafen Tempelhof. Im Laufe der nächsten Monate sollte ich die Gepflogenheiten in diesem Lokal kennenlernen. Normalerweise beschäftigte Renato eine Kellnerin, die die Gäste bediente. Verzögerungen in der Bedienung gab es nur, wenn Renato gerade seine Pizzasoße neu anrührte, denn deren Rezept war so geheim, dass dann nicht einmal die Kellnerin die Küche betreten durfte. Hatte die Kellnerin frei oder war sie krank, zapften sich die Stammgäste ihr Bier selbst und machten einen Strich auf ihrem Bierdeckel. Ich habe dieses Lokal bis heute in sehr guter Erinnerung, und ich habe nie bessere Pizza gegessen.

Nachtrag:
Laut Selbstauskunft ist die älteste Pizzeria Berlins die „Trattoria Pizzeria Roma„, die 1965 in der Belziger Straße in Berlin-Schöneberg eröffnete.

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