Zu den kleinen Ritualen am letzten Tag des Jahres gehört für mich die Inbetriebnahme des neuen Taschenkalenders. Ja, ich benutze tatsächlich noch einen Papierkalender. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich meine Termine nicht auch im digitalen Kalender vermerke, meistens am Laptop, manchmal am Smartphone, nie auf dem Tablet, was dieses – da alles sich mit allem synchronisiert, keineswegs hindert, gleichzeitig mit Laptop und Smartphone (jedes mit einem eigenem Warnton) mir mitzuteilen: Du hast einen Termin! Und eben weil die Technik so fabelhaft funktioniert, kann ich es mir erlauben, den neuen Papierkalender bis zum Jahresende jungfräulich zu belassen. Die anderen Nervensägen werden mich die schon feststehenden Termine im Januar und Februar nicht verpassen lassen.

Wie jedes Jahr habe ich mir einen Moleskine-Kalender gekauft, ein schmales Büchlein im Oktavformat und pechschwarz, wie es sich gehört. Und obwohl ich das von Moleskine ja kenne, ärgere ich mich jedes Jahr erneut beim ersten Aufschlagen des Kalenders. Auf der Seite, die man mit Fug und Recht als Schmutztitelseite bezeichnen könnte, weil sie aus festerem Papier ist und die eigentliche Titelseite („MOLESKINE WOCHEN-NOTIZKALENDER 2018“) vor Schmutz und Eselsohren schützt, gibt es vier vorgedruckte Schreiblinien. Darüber steht: „Bei Verlust bitte zurückgeben an:“, darunter: „Finderlohn: €“, gefolgt von einer weiteren Schreiblinie.

Wie kommen die Moleskine-Macher auf die Idee, dass ich bereit wäre, dem Finder meines Taschenkalenders einen Finderlohn zu zahlen? Und wenn ich nun hinter dem Euro-Zeichen einfach einen Strich mache, wie sieht DAS denn aus?

Wenn ich einen mit Adresse des Besitzers versehenen Taschenkalender fände (was mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert ist, so wie ich auch in meinem ganzen Leben noch nie einen Taschenkalender verloren habe), dann wäre es mir eine Selbstverständlichkeit ihn zurückzugeben, ohne dafür einen Finderlohn zu erwarten. Es handelt sich ja nicht um eine prall gefüllte Geldbörse, die meine Anständigkeit hätte ins Wanken bringen können, so dass ein gewisser mentaler Kraftaufwand von Nöten wäre, meinen inneren Schweinehund … Nun, der geneigte Leser wird sicher wissen, worauf ich hinaus will. Finderlohn für eine Sache, an welcher der Finder sich hätte bereichern können, mag üblich oder sogar gesetzlich geregelt sein. Finderlohn für einen bestenfalls idellen Wert – bestenfalls, denn noch steht ja gar nichts drin in dem Kalender – also, das ist lächerlich.

Sollte ein Finder sich wegen meines Kalenders Mühe machen und mehr tun, als mich z.B. anzurufen, um mir zu sagen, wo ich mir das Ding abholen kann, wenn ich es zurück haben will, so würde ich sicherlich spontan entscheiden, wie ich sie/ihn für die Umstände entschädige. Das wäre aber kein Finderlohn, sondern eine Art Aufwandsentschädigung, und deren Höhe ist nun mal abhängig vom Aufwand. Das kann man nicht schon vorab in den Kalender schreiben. Das braucht auch Fingerspitzengefühl, ob man den Finder durch einen in die Hand gedrückten Geldschein nicht eher beleidigen würde; ob ein Blumenstrauß, eine Schachtel Pralinen, eine Flasche Wein nicht angemessener wäre. – So eine blöde Idee aber auch von Moleskine!

Ich könnte natürlich künftig auf die Marke „Leuchtturm“ umsteigen. Bei „Leuchttum“ gibt es keinen Finderlohn. Aber jeder Moleskine-Fan wird mir zustimmen, dass der Einband eines Moleskine sich angenehmer anfühlt, das Papier griffiger ist, die Schreiblinien dezenter, … Bleibt als letzter Ausweg das Überkleben.

Ich werde mir ein „blickdichtes“ Etikett in ausreichender Größe besorgen, eines das von Finderlohn und Euro-Zeichen nicht den leisesten Schatten erahnen lässt. Darauf schreibe ich: „Sehr geehrter Finder dieses Kalenders, es wäre mir viel daran gelegen, wenn Sie mir das Büchlein zusenden. Um die Mühe für Sie so gering wie möglich zu halten, finden Sie in der Rückentasche des Kalenders einen an mich adressierten und ausreichend frankierten Umschlag, in den ich Sie bitte, den Kalender zu stecken, und beides bei nächster Gelegenheit in einen Postkasten einzuwerfen. Ich danke ihnen vielmals und grüße Sie mit meinen besten Wünschen.“ [Unterschrift]

Was bin ich doch für ein kluges Kind! Damit erübrigt sich auch die Gewissensqual, ob Geldschein, Blumen oder Schokolade. Die 1,45 € Porto auf einem an mich selbst adressierten Umschlag sind natürlich rausgeschmissenes Geld, denn – wie gesagt – ich habe noch nie einen Kalender verloren. Eine noch bessere Idee: Ich schreibe in die rechte obere Ecke des Umschlags „Porto zahlt Empfänger“.

Ich wünsche allen Lesern dieses Blogs einen guten Rutsch und ein verlustfreies Jahr 2018 und viele erfreuliche Termine in ihrem jeweiligen Kalender, sowie eine gut bemessene Zahl von Tagen ganz ohne Termin.

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