Ich habe festgestellt, dass ein Milchtopf und mein Postzusteller etwas gemeinsam haben: Bewachter Milchtopf kocht nie, und erwarteter Postbote kommt nie.

Dazu muss ich sagen, dass ich nie – oder jedenfalls sehr selten – auf den Postboten warte. Was im Briefkasten landet, sind der dicke Packen in eine Plastikhülle eingeschweißter Werbung (Ich sollte endlich mal so einen Aufkleber „Keine Werbung!“ anbringen.), Kontoauszüge, Wahlbenachrichtigungen, Privates eigentlich nur zu Weihnachten und zum Geburtstag, selten eine Urlaubskarte. Man mailt und whatsappt eben. Ich muss dazu aber sagen, dass ich mich über „richtige“ Post von lieben Menschen sehr freue; das Darauf-Warten habe ich eingestellt – jedenfalls bis Anfang dieser Woche.

Am Sonntag hatte mein Tochter mich angerufen, um mir einen Brief anzukündigen und sich gleichzeitig für das „Attentat“ zu entschuldigen, denn der Brief enthielt u.a. ihre Versicherungskarte mit der Bitte, bei ihrer Ärztin ein Rezept abzuholen, und wegen des neuen Quartals musste dafür die Karte eingelesen werden. Mit einer Neugeborenen und eine noch nicht Zweijährigen sind solche Erledigungen für die junge Mutter ziemlich umständlich, während es mir kaum Umstände machen würde … Oder ich sollte besser sagen: …kaum Umstände gemacht hätte.

Am Montag war der Brief noch nicht in der Post. Mein Eindruck: Es war überhaupt keine Post für unser Haus gekommen. Alle sechs Briefkästen leer. Das war nicht wirklich verwunderlich, denn montags kommt immer besonders wenig Post, und dass ein sonntags in einen Briefkasten geworfener Brief auch innerhalb der Grenzen unserer Hauptstadt mal etwas länger brauchte, mochte an der Leerungszeit des Briefkastens liegen. Am Dienstag versuchte ich, den Postboten auf der Straße abzupassen. Da hatte die Ärztin nur vormittags Sprechstunde, und ich hätte die Sache gerne erledigt. Straßauf, straßab, um die Ecke, … das gelbe Postfahrrad war nirgends zu sehen. Nachmittags dann mehrmals die Treppe runter, um von sechs leeren Briefkästen angegähnt zu werden. Am Mittwoch dasselbe Spiel – oder nicht ganz dasselbe, denn am Mittwoch sichtete ich den Postboten. Er kam aus einer Nebenstraße, ich befand mich auf der anderen Seite der Hauptstraße, zwischen uns tobte der Verkehr. Bis ich den Fußgängerüberweg erreichte, war der Postbote in einem Amtsgebäude verschwunden – für längere Zeit. Danach würde er (MUSSTE ER!) die Straßenseite wechseln – so dachte ich jedenfalls. Der gute Mann erschien endlich, schwang sich auf sein Fahrrad und radelte flugs auf seiner Seite des Verkehrsstroms und in entgegengesetzter Richtung davon. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich es ohnehin nicht mehr in die auch am Mittwoch nur vormittags gehaltene Sprechstunde schaffen würde. Ich konnte also abwarten, bis die Post in meinem Kasten landete. Sie war ja offenbar unterwegs. Nachmittags wieder mehrere Male die Treppen und sechs Briefkästen, hinter deren Sichtfenstern absolut nichts von eingeworfener Post zu sehen war. Inzwischen hätte ich Zusammenrottungen der aufgebrachten, ihre Post vermissenden Mieter erwartet, aber es rottete sich niemand. Scheinbar nehmen alle das Ankommen oder Ausbleiben der Post als etwas Schicksalsgegebenes hin, und ich hätte das schließlich auch getan, wäre da eben nicht dieser eine, mir so wichtige Brief gewesen. Seltsam war es natürlich in jedem Fall. Wir schrieben den 5. des Monats – noch dazu zu Beginn eines Quartals. Wo blieben meine Kontoauszüge? Das beunruhigte mich nicht, denn ich konnte den Kontostand ja online einsehen, aber es wunderte mich und störte mich nun auch aus Prinzip. Noch war ich nicht an dem Punkt, mich offiziell zu beschweren, aber ich schaute im Internet schon mal nach, wo und wie man eine Beschwerdestelle erreichen konnte. Bei giga.de wird geraten, Beschwerde nur im Falle von anhaltenden oder wiederholten Unregelmäßigkeiten zu führen. Waren drei postlose Tage „anhaltend“. War dies ein wiederholter Fall und mir nur früher nie bewusst geworden?

Am Donnerstag (gestern), stellte ich mich bei meiner Briefzusteller-Abfang-Aktion geschickter an. Ich begab mich zum frühestmöglichen Zeitpunkt, zu dem man dem Postboten begegnet (das ist in meiner Gegend Viertel vor zwölf) diesmal gleich auf die andere Seite der Hauptverkehrsstraße, und an der nächsten Kreuzung erspähte ich das Postfahrrad tatsächlich in der Nebenstraße. Fest entschlossen, keinen – vielleicht ja ganz unberechtigten – Vorwurf im Ton zu haben, sprach ich den Postboten freundlich an, setzte kurz auseinander, dass ich seit Montag – sehr dringen! – einen Brief erwartete und ihn deshalb bäte, ihn mir doch jetzt und hier auszuhändigen, den Ausweis hätte ich dabei. Der Ausweis wäre nicht einmal nötig gewesen. Mein Postzusteller kannte mich mit Namen. Donnerwetter! Heute habe er mit Sicherheit einen Brief für mich – von meiner Bank. Er erwähnte sogar den Namen des Kreditinstituts. Das begeisterte mich schon weniger. Schließlich sind wir hier nicht auf dem Dorf. Ich fragte mich, was er sonst noch so im Lauf der Jahre an Informationen über mich in seinem Gedächtnis gespeichert hatte. Versuchte er mit Google Schritt zu halten? – Nein, an einen weiteren Brief konnte er sich nicht erinnern, und auch den Bankbrief konnte er mir nicht aushändigen. Die Post für diesen Abschnitt der Tour war irgendwo eingeschlossen; die musste er erst abholen.

Mittlerweile war ich sensibilisiert. Das zweimalige Schlagen der Haustür in kurzem Abstand gegen halb drei veranlasste mich zu einem Gang durchs Treppenhaus. In meinem Briefkasten der bereits vom Zusteller erwähnte Bankbrief. Einer! Zu Quartalsbeginn sind es normalerweise drei. Vom Brief meiner Tochter keine Spur.

Ich habe dann ein bisschen recherchiert. Auch wenn man von keiner Häufung sprechen kann, so ist es doch auch kein Einzelfall, wenn Post mit erheblicher Verspätung oder gar nicht zugestellt wird. Beschwerden führen – bestenfalls – zu einem Antwortschreiben, in dem die Post ihr Bedauern ausdrückt. Ob, wie und mit welchem Ergebnis einer Beschwerde nachgegangen wurde, bleibt für den Postkunden ein Geheimnis. Man kann nur froh und dankbar für die Möglichkeiten zur „Nachverfolgung“ bei den mit DHL verschickten Paketen sein. Im Fall von Briefen heißt es: Shit happens!

Die laxe Vorgehensweise bei „Brief-Beschwerern“ führt allerdings dazu, dass mich eine andere böse Ahnung beschleicht. Vielleicht würde man uns durch solchen Schlendrian den altmodischen analogen Briefverkehr gerne abgewöhnen, um sich ganz auf die Beförderung der online eingekauften Waren konzentrieren zu können. – „Schreib mal wieder!“ war mal.

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