Grüne Gurken - Foto: Christa Hartwig

Über EU-taugliche Gurken ist schon viel geschrieben (und gelästert!) worden, doch als ich jetzt am Eingang des Supermarktes vor den aufgetürmten Kisten mit Gurken stand – alle fast gleichgroß und kaum bis nicht gekrümmt, fragte ich mich wieder einmal, ob es wirklich gelingt, alle Gurken so normgerecht zu ernten, und wenn nicht, was wohl mit den anderen, für unverkäuflich erachteten, Gurken geschieht. Und da fiel dieses seltsame Wort mir wieder ein, tauchte nach über dreißig Jahren aus der Erinnerung auf: Gurkenfeger.

Nun hat der Gurkenfeger mit Gurken – im landläufigen Sinne – gar nichts zu tun. Und überhaupt hat er nichts mehr zu tun. Sollte noch jemand über die entsprechende Qualifikation verfügen, so darf er diese als brotlose Kunst erachten. Ich fragte mich sogar, ob der Begriff im Internet noch auffindbar wäre, und tatsächlich hätte ich wohl sehr danach suchen müssen, wäre nicht im vergangenen Jahr der zweite Band der Buchreihe „texturen“ im UdK-Verlag erschienen. Er enthält Texte zum Thema „Spielen“ – darunter auch „Die Angst vorm Gewinnen“ von Alexander Stolle, der hier online gelesen werden kann, und aus dem ich mir kurz zu zitieren erlaube, um eine Definition des Begriffes „Gurkenfeger“ zu liefern.

Die Reportage vom Monarchen hab ich gesehen. Der Gurkenfeger, ein Typ der in den 80er Jahren mit seinem speziellen Talent das System der damals noch analogen Spielautomaten verstanden hatte. Die „Mint300“ waren seine Haupteinkommensquelle: 20.000 Mark im Monat. Er hatte sogar Angestellte.

Ja, auch ich hatte damals diese Reportage gesehen. Längst gibt es keine analogen Spielautomaten mehr, sieht man von denen ab, die in Privaträumen als Sammlerstücke stehen oder an der Wand hängen. Folglich kann heute niemand mehr ein regelmäßiges Einkommen durch geschicktes Bedienen von Spielautomaten erzielen. Es sind also nicht nur die Gurkenfeger arbeitslos geworden, auch der Begriff ist in die Bereiche des Vergessens versunken. Vielleicht könnte man ihn ja daraus hervorholen, indem man Menschen oder Roboter, die unverkäufliche Gurken aussortieren, so nennt. Ich will jetzt meiner Phantasie nicht die Zügel schießen lassen, wen oder was man sonst noch als „Gurkenfeger“ bezeichnen könnte.

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