Wenn ich meine Leser bitte, mit mir noch einmal gedanklich zum Anhalter Bahnhof zurückzukehren, so ist der Grund dafür Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ (1929) oder vielmehr der Umstand, dass immer wieder behauptet wurde, die österreichische Autorin habe sich dazu durch das einst in der Königgrätzer Straße 112/113 (heute Stresemannstraße 78),
gegenüber dem Portal des Anhalter Bahnhofs gelegene Hotel Excelsior inspirieren lassen und/oder habe dort als Zimmermädchen gejobbt, um hinter die Kulissen eines Hotelbetriebs zu schauen. Die Schriftstellerin selbst widersprach diesen und ähnlichen Behauptungen in ihrer Autobiographie „Es war alles ganz anders“ (1962):

Kein Wunder, daß regelmäßig mein Blutdruck steigt, wenn ich zum tausendstenmal die immer wiederkehrende sinnlose Frage beantworten soll: „Frau Baum, wie stelle ich es an, wenn ich so etwas wie ‚Menschen im Hotel‘ schreiben möchte – Sie verstehen doch, einen Bestseller?“ Und: „An welches Hotel haben Sie dabei eigentlich gedacht? Sie müssen doch an ein bestimmtes gedacht haben, wie hätten Sie es sonst beschreiben können.“ […]

Nun, meine Lieben, wenn ich wirklich ein Rezept für das Schreiben von Bestsellern hätte, ich würde es bestimmt nicht benutzen, schon gar nicht, wenn ich jung und ehrgeizig wäre. Ich würde gar nicht auf den Gedanken kommen, hinter die Kulissen eines Hotels zu gucken, am wenigsten hinter die eines bestimmten Hotels.

Hätte ich selbst ein Rezept für das Schreiben von Bestsellern, würde ich es sehr wohl nutzen – ich würde es lediglich nicht verraten. Davon abgesehen jedoch, glaube ich Frau Baum. Die Erzählperspektive des Romans, in dem es um die sich in einem Luxushotel kreuzenden Wege verschiedener Menschen und die sich daraus ergebenden Beziehungen geht, erfordert an keiner Stelle besonderes Wissen über die Arbeitsabläufe in einem Hotel. Als Hotelgast aufmerksam zu beobachten, genügte vollkommen, und Vicki Baum hätte sich ganz überflüssigerweise beim Einstecken der Laken die Fingernägel abgebrochen. Umgekehrt ist die Lektüre von „Menschen im Hotel“ durchaus geeignet, sich das Leben im Excelsior (oder im Adlon oder im Kaiserhof …) in den 20er Jahren vorzustellen.

Berlin, Hotel Excelsior am Anhalter Bahnhof, 1924

Im Auftrag der Vermögensverwaltung des Fürsten Christian von Hohenlohe-Oehringen begann man 1905 nach Plänen des Architekten Otto Rehnig (1864-1925) gegenüber dem Anhalter Bahnhof mit dem Bau des Hotels, und am 2. April 1908 wurde das Excelsior eröffnet, mit 200 Zimmern, Restaurant und Festsälen hinter der neobarocke Fassade. Bereits vier Jahre später wurde es durch einen im Stil der Moderne gehaltenen Erweiterungsbau mit Zugang in der Anhalter Straße 6 ergänzt. Der Hotelkomplex umfasste nun 450 Zimmer und war das zweitgrößte Hotel der Stadt. Diese Investition jedoch zahlte sich auf Dauer nicht aus. Bedingt durch die schlechte wirtschaftliche Situation nach dem Ersten Weltkrieg und die zahlreiche Konkurrenz an Hotels in der Umgebung des Bahnhofs, blieben viele Zimmer leer. So gelang es Curt Elschner, einem 43jährigen Gastronom aus Thüringen, der sein Metier von der Pike auf gelernt und die richtige Nase für gute Geschäfte hatte, das heruntergewirtschaftete Hotel 1919 zu einem sehr günstigen Preis zu erwerben.

Der Aufschwung ließ nicht lange auf sich warten, und 1925/26 konnte Elschner das Hotel von Grund auf modernisieren und nach Plänen der Architekten Heidenreich und Michel nochmals vergrößern lassen, wobei es dem Hotelier weniger um Exklusivität als um Masse(n) ging. Das Excelsior verfügte nun über 600 Zimmer (750 Betten), über ein eigenes Kraft- und Wasserwerk nach amerikanischem Vorbild, Gasheizung anstelle der staubigen Kohleheizung, und alle Küchen sowie die hoteleigene Bäckerei waren auf Elektrobetrieb umgestellt worden. Auch auf luxuriöse Annehmlichkeiten mussten die Hotelgäste nicht verzichten. Als Krönung der Erweiterung der Räumlichkeiten wurde nicht nur die Hotelhalle größer und repräsentativer gestaltet, es entstand 1927/28 auch im Kellergeschoss des Erweiterungsbaues in der Anhalter Straße ein Schwimmbad – „unter einem Plafond aus Glasmosaik und Marmorverkleidung […] Wasserbecken mit Fayenceplatten in grünlichen Glasuren, umgeben von Springbrunnen aus emaillierter Bronze und Glas“ nach Plänen des Architekten Johann Emil Schaudt (KaDeWe). Das Excelsiorbad wurde medizinisch geleitet und ergänzt durch Schönheitssalons, Dampfbäder, Massage- und Gymnastikräume – ein „Wellnessbereich“ also, der seiner Zeit voraus war. Doch auch darüber hinaus bestanden zukunftsweisende Pläne.

Innenseite einer Hotelbroschüre des Excelsior mit Darstellung des Tunnels zwischen Bahnhof und Hotelhallte

Im Mai 1927 schloss Curt Elschner mit der Deutschen Reichsbahn und der Stadt Berlin einen Vertrag, mit welchem er sich verpflichtete, der Stadt jährlich 1.000 Reichsmark und der Reichsbahn 10.000 Reichsmark für die Nutzung eines auf seine eigenen Kosten noch zu bauenden Tunnels zwischen der Bahnhofhalle und dem Hotel zu bezahlen, und am 15. März 1928 wurde eben dieser Tunnel nach gut halbjähriger Bauzeit eröffnet. 80 Meter lang, drei Meter breit, drei Meter hoch und an beiden Enden mit jeweils zwei Fahrstühlen versehen, verband er die Hotelhalle mit dem Querbahnsteig des Anhalter Bahnhofs, konnte über separate Zugänge aber auch von der Öffentlichkeit zur Unterquerung der stark befahrenen Königgrätzer Straße genutzt werden. In dem sich durch den öffentlichen Ausgang und den Tunnel zur Bahnhofshalle ergebenden spitzen Winkel wurden Ladenlokale eingebaut, der Tunnel mit Kübelpalmen geschmückt und mit Ruhebänken ausgestattet, und die Zeitungen zollten dieser Modernisierung euphorischen Tribut. Über den Presserummel hinaus, der das Excelsior einmal mehr zum Gesprächsthema in der Stadt machte, sollten sich Elschners Erwartungen jedoch nicht erfüllen. Die unterirdischen Läden erwiesen sich als unvermietbar. Lediglich ein Blumenladen zog im Mai 1928 ein, gab das Geschäft aber nach drei Monaten wieder auf. 1931 erwog Elschner, den Tunnel wieder zu schließen, um sich die Zahlungen an die Stadt und die Reichsbahn zu ersparen, denen kein nachweisliches Mehr an Übernachtungen gegenüberstand. Und wenn auch der Tunnel geöffnet blieb, so fiel doch das luxuriöse Schwimmbad dem Rotstift des Hoteliers zum Opfer. An seiner Stelle eröffnete 1932 ein weitaus rentablerer Bierkeller mit 1.500 Plätzen. Auf den Durst der Berliner und Berlinbesucher war Verlass. An guten Tagen wurden hier 8.000 Liter von dem Bier gezapft, das Elschner mit eigenen Lastwagen aus Bayern heranschaffen ließ.

Indessen schleppten sich Elschners Verhandlungen mit der Reichsbahn wegen einer Senkung der Tunnel-Gebühren dahin. Anfang Juli 1934 endlich ließ die Reichsbahn eine Zählung der Tunnelnutzer durchführen. Am 5. Juli waren es 82 Reisende, am 6. Juli 130 Reisende und am 7. Juli 129 Reisende. Ab 1935 musste der Hotelier dann nur noch 2.500 RM zahlen. Ein Jahr später hatte sich seine Finanzlage (vielleicht dank des Bierkellers) so weit entspannt, dass er wieder investieren konnte. Er ließ den Tunnel auf seinem Grundstück auf eine Gesamtlänge von 350 Metern verlängern, und es wird niemanden überraschen, dass dieser direkte Zugang vom Bahnhof nun bis zur Anhalter Straße (Bierkeller!) führte. 1938 fand sich sogar für die Läden im Tunnel ein Mieter: die Deutsche Reichsbahn selbst, die wegen Umbauarbeiten in der Bahnhofshalle ein Ausweichquartier für die Fahrkartenausgabe brauchte.

Obwohl nicht das „erste Haus am Platz“ – ein Titel, um den wohl Adlon und Kaiserhof wetteiferten, war das Excelsior doch ein Inbegriff der Superlative. Unter der Leitung Curt Elschners war der Umsatz von 400.000 Mark auf acht Millionen gestiegen. Und während anfangs 60 Angestellte den Hotelbetrieb aufrecht erhalten hatten, arbeiteten inzwischen mehr als 700 Menschen im Hotel. Dazu gehörten die Köche und Kellner der zehn Restaurationen, hoteleigene Bäcker, Fleischer, Stenotypisten, Dolmetscher, Musiker, Blumen- und Zeitungsverkäufer, und die Bibliothekare für die 7.000 Bände umfassende hoteleigene Bibliothek. Doch auch dieses starke Unternehmen blieb von den Auswirkungen der Naziherrschaft nicht verschont.

Neben anderen Dienstleistungen bot das Hotel den Verkauf von Flugscheinen der Deutschen Luft Hansa und Bahn- und Schiffskarten sowie Valuta an, und die Konzessionen für solche Geschäfte wurden Elschner bald entzogen. Die Jazz-Kapelle und die hauseigene Bigband, die – neben dem zu keiner Parteizugehörigkeit zu bewegenden „Betriebsführer“ Elschner – den Nazis schon vor 1933 ein Ärgernis gewesen waren, mussten entlassen werden. SS-Angehörigen und später sogar allen NSDAP-Mitgliedern wurde der Besuch des Hotels untersagt. Elschner – im Grunde seines Herzens kein Antisemit – unternahm mehrere Versuche, dieses „Hausverbot“ aufheben zu lassen, und verwies immer wieder auf seine nationalsozialistische Gesinnung – doch vergebens. Schließlich wurde ihm durch den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, mitgeteilt, dass eine Aufhebung des Verbots nicht möglich sei. Daraufhin zog Elschner sich nach Thüringen zurück, und das Excelsior wurde von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, einer Parteiorganisation der NSDAP, übernommen.

Anhalter Bahnhof und Hotel Excelsior, 1947

Der Anhalter Bahnhof war bereits durch Luftangriffe stark in Mitleidenschaft gezogen, als das Excelsior gegen Ende April 1945 in Flammen aufging. Das genaue Datum ist nirgendwo festgehalten, und darin, ob letzte Bombenabwürfe oder Brandstiftung während des „Kampfes um Berlin“ verantwortlich waren, widersprechen sich die Chronisten. 1946 kehrte Curt Elschner nach Berlin zurück. Er wollte wiederaufbauen, einen Hotelturm mit 1.500 Betten errichten, aber als er seine Bauanträge einreichte, schien bei den zuständigen Stellen ihn niemand mehr zu kennen. Im Juli 1954 war er es leid, die Ruine seines einst weltberühmten Grand-Hotels sehen zu müssen, und er veranlasste den endgültigen Abbruch. Dem Anhalter Bahnhof erging es nicht besser. Bis 1952 hatte es dort noch einen (allerdings sehr eingeschränkten) Zugverkehr gegeben. Obwohl rekonstruierbar, fiel das historische Bauwerk der Abrisspolitik der 60er Jahre zum Opfer. Lediglich ein Fragment des Portals ließ man als Mahnmal stehen. Als letztes Relikt einer glorreichen Vergangenheit wurde Mitte der 1980er Jahre im Zuge von Straßenbauarbeiten der Excelsior-Tunnel abgetragen.

Zu diesem Zeitpunkt lebte Curt Elschner schon lange nicht mehr (er starb 1963 in Erfurt; Sein einfaches Geburtshaus in Willerstedt ist auch heute noch Gasthaus), und in der Stresemannstraße 68-78 – am ehemaligen Standort des Hotels Excelsior also – erhob sich ein zwischen 1967 und 1972 errichtetes 17stöckiges Wohn- und Geschäftsgebäude.

Eingang des Excelsior Hauses in der Stresemannstraße 68-78, Berlin-Kreuzberg

Seine Architekten Heinrich Sobotka und Gustav Müller hatten davor bereits das inzwischen teilweise wieder abgerissene Schimmelpfeng-Haus über der Kantstraße gebaut. Oft erschüttert es mich, wie viele Bauten, die in meiner Jugend als Architektur der Zukunft bejubelt wurden, schon wieder verschwunden sind. Auch das Excelsior Haus trug langfristig nicht wirklich zur Aufwertung des ihn umgebenden Quartiers bei. Am 19. November 2011 berichtete der Tagesspiegel, eine „unsanierte Einzimmerwohnung kostet rund 300 Euro warm“, und dass die Bewohner sie nicht gerne herzeigten. „Zu schäbig“, und die vertikal um die Mittelachse drehbaren Fenster reißen da auch nicht wirklich viel raus – die Vor- und Nachteile dieser Apartheit kann jeder für sich abwägen.

Excelsior Haus, Berlin-Kreuzberg

So ist es hauptsächlich die Aussicht, die das Excelsior Haus zu einer „Top Location“ macht. Sobald der Tag sich neigt und bis spät in die Nacht (bzw. den frühen Morgen) wird das Haus zu einer Touristenattraktion für Findige, denn leicht ist der Eingang zum Skybar-Lounge-Restaurant „Solar“ nicht zu entdecken. Von hier befördert ein gläserner Außenfahrstuhl die Besucher hinauf zur linken Ecke des 16. und 17. Stockwerks, von wo aus sich Sonnenunter- und -aufgänge und dazwischen das Lichtermeer des nächtliche Berlin beim Genuss von Speisen und Getränken bewundern lassen.

Excelsior Haus, Berlin-Kreuzberg (Seitenansicht)  20160817_153516_opt Eingang zum Skybar-Lounge-Restaurant "Solar"; Berlin-Kreuzberg

Mir als Erdenwurm fällt nur auf, dass in den letzten Jahren die ALDI-Filiale aus- und dafür eine LIDL-Filiale eingezogen ist. Und ob das eine Verbesserung darstellt …? Ich überlege, ob ich nicht „Menschen im Hotel“ lieber zum Anlass für einen Eintrag über die AVUS hätte nehmen sollen. Irgendwie origineller wäre das gewesen.

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