Als ich im Alter von zehn Jahren die Großen Ferien in Frankfurt-Sossenheim verbrachte, da war die Familie, die mich eingeladen hatte, recht enttäuscht von ihrem Berliner Ferienkind, das zwar mit Spreewasser getauft war aber ums Verrecken nicht berlinerte. Außer „Icke, dette, kieke mal, Oogen, Fleesch und Beene“ konnte ich nichts, denn von dem Zitat kannte ich nicht die Fortsetzung „Wenn de döst, verlierst de se, wieder kriechst de keene“, sondern nur „Nein, mein Kind, so heißt das nicht: Augen, Fleisch und Beine.“ Man hatte mir den Berliner Dialekt konsequent aberzogen bzw. mir nach Möglichkeit gleich keine Chance geboten, ihn jemals zu erlernen. Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht verwunderlich, dass ich – als ich es fast 30 Jahre später übernommen hatte, für ein Stadtteilblättchen eine Kolumne in der Mundart meiner Geburtsstadt zu schreiben – ein dickes Problem hatte. Ich versuchte, mich an die Stimmen der alten berlinernden Taxifahrer zu erinnern, von denen es in meiner Jugend noch einige wenige gegeben hatte, ich besorgte mir ein Berliner Wörterbuch, und als auch das noch nicht ausreichte, nahm ich Zuflucht bei Jonny Liesegang und seinen zwischen 1938 und 1942 erschienenen Geschichten aus dem Wedding im schönsten Dialekt. Zwei davon sind mir die liebsten, und in beiden kommt etwas Saures vor – einmal essigsaure Tonerde und einmal „Sauern Aal“. Letztere habe ich in einem Blogeintrag wiedergegeben, und Interessierte sind herzlich eingeladen, sie dort nachzulesen. Der Saure Aal sollte helfen, einen Ehemann zu einem Ausflug nach Woltersdorfer Schleuse zu überreden (statt nach Finkenkrug). Jedenfalls – als ich gestern überlegte, wohin ich heute einen Ausflug machen könnte, fiel mir Liesegangs Geschichte wieder ein.

Ich recherchierte, wie ich am besten nach Woltersdorf und wie ich nach Finkenkrug käme, und was es hier und dort zu sehen gäbe. Die Entscheidung fiel zu Gunsten der Woltersdorfer Schleuse – hauptsächlich deshalb, weil ich vor einem Besuch von Finkenkrug doch nochmals in Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ nachlesen möchte.

Woltersdorf ist die kleinste Kommune Deutschlands mit eigener Straßenbahn, und wer den Ausflug mit dem Auto unternimmt, der sollte sich nicht um den Spaß dieser Straßenbahnfahrt bringen, sondern das eigene Gefährt am S-Bahnhof Rahnsdorf stehenlassen und in die Straßenbahn umsteigen. Da die Bahn bereits 1913 in Betrieb genommen wurde, kann man davon ausgehen, dass auch Liesegangs Weddinger Ehepaar sie benutzt hat. Schon auf dem letzten Stück der S-Bahnfahrt – zwischen Friedrichshagen und Rahnsdorf – zeigt die lange Strecke durch waldiges Gebiet an, dass man die urbanen Bezirke der Hauptstadt hinter sich gelassen hat, und mit der Straßenbahn geht es dann gleich weiter durch den Berliner Stadtforst (Köpenicker Wald) – und zwar in einem für eine Straßenbahn höllischen Tempo.

In der Straßenbahn zwischen Rahnsdorf und Woltersdorf (bei Berlin)

Straßenbahnhaltestelle Woltersdorf Schleuse

Kinderzeichnung an der Straßenbahnhaltestelle Woltersdorf Schleuse

Die Endhaltestelle befindet sich in Sichtweite der Woltersdorfer Schleuse, und auf einer Fußgängerbrücke über die Schleuse finden sich stets Väter und Mütter, die ihren Sprösslingen Sinn und Funktion einer Schleuse erklären. Erwachsene, die hier eine uneingestandene Wissenslücke haben, können diskret lauschen.

Schleuse, Woltersdorf (bei Berlin)

Jenseits der Brücke öffnet sich der Blick auf den Flakensee, und entlang des Ufers führt ein komfortabler Weg und bietet Gelegenheit, den Blick über das Wasser in die Ferne schweifen zu lassen.

Flakensee, Woltersdorf (bei Berlin)

Flakensee, Woltersdorf (bei Berlin)

Zwar hat sich an Berlin viel verändert, nicht aber, dass es von so vielen schönen Seen umgeben ist. Was nun aber den „Sauern Aal“ anbelangt, so sucht man – jedenfalls auf der Speisekarte des Restaurants „Liebesquelle“ vergeblich danach. Immerhin aber kann man hier noch ein „Kännchen Kaffee“ bestellen – heute auch keine Selbstverständlichkeit mehr.

Restaurant "Liebesquelle" an der Woltersdorfer Schleuse (bei Berlin)

Kännchen Kaffee

Gleich hinter dem Restaurant befindet sich jene Woltersdorfer Sehenswürdigkeit, welcher die Gaststätte ihren Namen verdankt, die „Liebesquelle“.

Liebesquelle, Woltersdorf (bei Berlin)

Als ich – kurz nach der Wende – zum ersten Mal in Woltersdorf war, hatte man die Quelle noch nicht in diese „Voliere“ gesperrt, dafür aber spendete sie noch echtes Quellwasser (wirklich lecker!). 2005 versiegte die Quelle plötzlich, und dass man gleich daneben einen Trinkwasserbrunnen (Leitungswasser) angelegt hat, ist in meinen Augen – und in meiner Kehle – wahrlich kein Ersatz und irritiert mich ähnlich wie die bunten Vorhängeschlösser, mit denen Liebende ihre Gefühle an diesem Gitter festzuhalten versuchen.

Versiegte "Liebesquelle", Woltersdorf (bei Berlin)Trinkwasserspender bei der versiegten "Liebesquelle", Woltersdorf (bei Berlin)Vorhängeschlösser an der "Liebesquelle", Woltersdorf (bei Berlin)

Straßenbahn nähert sich der Haltestelle Woltersdorf Schleuse (bei Berlin)

Nach dem fehlenden sauren Aal die zweite Enttäuschung, aber dafür winkte die Rückfahrt mit der Straßenbahn. Das (ziemlich herausfordernde!) Rezept für „Sauern Aal“, der zu den kalten Vorspeisen zählt und entweder in Aspik oder in kräftig mit Zitrone abgeschmeckter Brühe serviert wird, habe ich passenderweise aus „Koch- und Backrezepte aus Großmutters Zeit“ abgeschrieben:

1 Aal von etwa 500 g, Zitronensaft, Fischabfälle (Kopf und Flossen) ,
1 Glas Weßwein, einige Pfefferkörner, einige Wacholderbeeren,
1 Lorbeerblatt, Salz und Pfeffer, 1 Eiweiß

Man schneidet den Aal in Portionsstücke und beträufelt ihn mit Zitronensaft. Die Fischabfälle werden in kaltem Wasser aufgesetzt und 30 Minuten gekocht, dann gibt man die Gewürze und den Weißwein hinein und läßt alles noch 10 Minuten durchkochen. Der Sud wird abgeseiht, die Aalstücke hineingegeben und für ca. 15 Minuten aufs Feuer gestellt, wo sie ziehen müssen. Dann nimmt man sie heraus, läßt sie erkalten und richtet sie in einer Schüssel an. Der Fischsud wird auf ein Viertel der Menge eingekocht, mit dem geschlagenen Eiweiß geklärt, durch ein Tuch gegossen und über die Aalstücke gegossen. Zum Gelieren kalt stellen.

Kleiner Nachtrag für alle, die sich die Mühe gemacht haben, die Geschichte vom „Sauern Aal“ zu lesen: Ich bin ohne einen einzigen Mückenstich aus Woltersdorf zurückgekommen. Allerdings haben wir ja gerade auch keine Mückenwetter.

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