Berlin, Anhalter Bahnhof "Zustand 1935"

 

Frühlingsanfang auf der Bank vorm Anhalter Bahnhof

Vierter Klasse wär‘ es noch mehr billig.
Aber da käme ich später an.
Und dann ist die Stellung vielleicht schon vergeben,
Und die Frau Bauratswitwe sagt dann
Wieder: Ich sei arbeitsunwillig.
Und wovon soll ich dann am Freitag leben?
Am liebsten möchte ich gar nicht fahren.
Da könnten wir all das Fahrgeld sparen,
Und lieber versaufen.
Und da können wir noch die beiden Weinflaschen verkaufen.
Da wird man wieder mal richtig vergnügt.
Und hauen uns nachts auf die Bretter am Halleschen Tor,
Wo manchmal der Bolzenmax liegt.
Jetzt kommen schon die Krokusse vor,
Da ist es schon nicht mehr so kalt.
Und morgen werden wir sehn, wo wir bleiben.
Da werden sie uns auseinandertreiben
Wie die Pferdeäppel auf’m Asphalt.
Ob es wohl wahr ist, wenn man noch lebt – daß man
Seine Knochen an die Akademie verkaufen kann?

(aus „Kuttel Daddeldu“ von Joachim Ringelnatz – Erstveröffentlichung 1920)

Auf den alten Abbildungen suche ich vergeblich nach der Bank vor dem Anhalter Bahnhof. Den Aufenthalt obdachloser Menschen hat man auch damals lieber aus dem Gesichtsfeld verbannt, hat buchstäblich darüber hinweggesehen. Nicht so der Schriftsteller, Kabarettist und Maler Joachim Ringelnatz, dessen Kunstfigur Kuttel Daddeldu einem Alter Ego ihres Schöpfers wohl recht nahekam. Wessen Existenz prekär ist, der ist sich dessen bewusst – auch wenn der Anschein eines auskömmlichen Daseins noch gewahrt ist. Mehrere erfolgreiche Auftritte im 1901 von Max Reinhardt in Berlin gegründeten Kabarett „Schall und Rauch“ schienen zu einigen Hoffnungen zu berechtigen.

Bank vor dem Fragment des Portals des Anhalter Bahnhofs, Berlin

Heute jedenfalls gibt es eine Bank vor dem Anhalter Bahnhof bzw. vor dem Fragment des Eingangs, das noch erhalten ist. Mehr Kopfzerbrechen als die Bank bereiteten mir allerdings die „Bretter am Halleschen Tor“. Nicht so neugierige Zeitgenossen könnten für sich die Erklärung geben, dort habe möglicherweise zur fraglichen Zeit zufällig ein Stapel Bretter gelegen – solche, wie sie für Baugerüste verwendet werden, Und natürlich macht es sich auf Brettern gemütlicher „Platte“ als auf Granitstufen. Vielleicht hätte auch ich mich mit einer solchen Möglicherweise-Erklärung zufrieden geben müssen, wäre ich nicht auf ein Foto gestoßen, das einer der besten Fotojournalisten der Vorkriegszeit in Deutschland am 11. Oktober 1928 unter den Hochbahngleisen zwischen Möckernbrücke und Halleschem Tor gemacht hat. Könnten es solche Bretter gewesen sein, die Kuttel Daddeldu im Sinn hatte?

Hochbahnviadukt am Landwehrkanal, aus Richtung Möckernbrücke
Foto: Willy Pragher
Hochbahnviadukt am Landwehrkanal, aus Richtung Möckernbrücke
Landesarchiv Baden-Württemberg

Ich wandte mich jetzt aber nicht vom Anhalter Bahnhof die Stresemannstraße (damals Königgrätzer Straße) hinunter Richtung Hallesches Tor (wo ein aktueller Bretterfund ohnehin nichts bewiesen hätte), sondern betrat den nicht mehr vorhandenen Bahnhof.

Sportplatz hinter dem Portalfragment des Anhalter Bahnhofs, Berlin

Dort, wo einst die Bahnhofshalle war, befindet sich heute ein Fußballplatz, hinter dem [also hinter dem Rücken der Fotografin – sprich: meiner Wenigkeit] sich das Tempodrom erhebt, dessen Name mich spontan an eine Radrennbahn denken lässt, während die Architektur mir erscheint, als sei Baron Münchhausen auf seiner Kanonenkugel durch das Dach eines Zirkuszelts entwichen. Dieser Veranstaltungsort beherbergt u.a. ein Solebad – ein gechlortes Solebad, wie man olfaktorisch feststellen kann, wenn man rechter Hand am Gebäude vorbei Richtung „Park am Gleisdreieck“ läuft.

Im Park am Gleisdreieck, Berlin

Ab hier bietet sich dem Auge deutlich mehr Romantik, wie zum Beispiel dieser einstige Bahnsteig (jedenfalls halte ich es für einen solchen) zwischen Bäumen.

Offenbar hat man zum Naturschutzgebiet auch jenen Zipfel des Parks erklärt, …

Hallesches Ufer am Elise-Tilse-Park, Berlin

… welcher nach einer ehemaligen Leiterin des Kunstamts Kreuzberg benannt ist.

Schild im Elise-Tilse-Park, Berlin

Elise-Tilse-Park, Berlin

Es ist schon seltsam, was in Berlin manchmal unter „jemanden ehren“ verstanden wird. Bleibt zu hoffen, dass Elise Tilse an diesem Wildwuchs Gefallen gefunden hätte. Mir jedenfalls gefiel es ganz gut, dass auch die Stufen, die von hier zu einer Brücke über den Landwehrkanal hinaufführen, teils von Wildkräutern überwuchert waren, so dass ich sie – beseelt von Rücksicht auf die Natur – erklomm. Darüber hinaus zeigte das unbeschadete Grün mir an, dass ich mich hier nicht auf einem Touristentrampelpfad befand, und ich bewege mich sehr gern jenseits solcher Pfade.

Brücke über den Landwehrkanal zum Technikmuseum, Berlin

Am gegenüberliegenden Ufer des Landwehrkanals wartet das Technikmuseum auf diejenigen, die einen Ausgleich für die ungezähmte Natur suchen. Aber auch das war nicht das Ziel meines kleinen Ausflugs. Vielmehr hatte ein weiteres Gedicht von Joachim Ringelnatz mich hierher getrieben.

Berlin

Da fährt die Hochbahn in ein Haus hinein
Und auf der andern Seite wieder raus.
Und blind und düster stemmt sich Haus an Haus.
Einmal – nicht lange – müßtest du hier sein.
Wo das aufregend gefährlich flutet und wimmelt
Und tutet und bimmelt
Am Kurfürstendamm und am Zoo.
Das Leben in Pelzen und Leder.
Es drängt einen so oder so
Leicht unter die Räder.
Sonst habe ich gut hier gefallen.
Man hat mir hohe Gagen angeboten.
Aber weißt du: jeder verkehrt hier mit allen,
Nur nicht mit stillen Menschen oder mit toten.
Ich bin so stolz darauf, dir einen Scheck zu überweisen.
Ja, ja, hier heißt es sich durchbeißen.
Das gibt mir mancherlei Lehre.
Heute ging mir beim Kofferflicken die Nagelschere
Entzwei. Not bricht Eisen. –

(Aus der Sammlung „103 Gedichte“ von Joachim Ringelnatz)

So sah es damals aus, wo die „Hochbahn in ein Haus hinein“ fuhr:

Überführung der Hochbahn über den Landwehrkanal, Berlin (Postkarte)

Und so sieht „die Ecke“ heute aus:

Überführung der Hochbahn über den Landwehrkanal, Berlin

Da fährt sie hin, die U-Bahn – über den Bülowbogen und Nollendorfplatz zum Wittenbergplatz (hier aber schon unterirdisch) und weiter zum Zoo. Das heißt, der kritische Betrachter wird merken, dass diese Bahn hier in die Gegenrichtung unterwegs ist. Egal. Es „flutet und wimmelt“ und „tutet und bimmelt“ hier wie dort, und wer heute seinen Koffer mit einer Nagelschere flicken muss, …

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