Gepflegte, in Gärten zurückversetzte Häuser. Teilweise hell verputzt oder mit Klinker. Saubere gepflasterte Wege. Immergrüne Hecken oder tadellos gestrichene Jägerzäune.

Dies wäre eine tadellose Beschreibung gepflegter Langeweile, wären da nicht die „tadellos gestrichenen Jägerzäune“. Ich blieb beim Lesen hängen, wie es mir leider des öfteren passiert. Wo eben noch eine schnurgerade Straße in einer am Stadtrand gelegenen Einfamilienhaus-Siedlung vor meinem geistigen Auge verlaufen war, tauchten nun Jägerzäune auf. In Nahaufnahme. Verwitterte hatte ich gesehen und solche, die noch neu aussahen, mit Holzschutzmitteln imprägniert. Aber gestrichene Jägerzäune? Gab es die überhaupt? Und wenn es sie gab – was für ein Stilbruch! Von „tadellos“ konnte da keine Rede sein. Über die Betrachtung meiner geistigen Erinnerungsbilder und das Rekapitulieren meines bescheidenen Wissens über Zäune verlor ich fast den Faden der Kurzgeschichte von Fanny Morweiser (1940-2014): Martinstag, in der es darum geht, das dunkle Elemente versuchen, den Aufenthalt eines untergetauchten Mannes herauszufinden, und nicht davor zurückschrecken, sich dazu seines achtjährigen Sohnes zu bedienen, der bei Tante und Onkel (in der oben beschriebenen Siedlung) lebt. Ich aber war am Zaun hängen geblieben und nutzte die erste Gelegenheit, bei der ich wieder an meinem Computer saß, um über Jägerzäune nachzulesen.

Der Jägerzaun, auch Scherenzaun oder Kreuzzaun, ist ein kostengünstiger Holzzaun, der früher zum Schutz vor Wildverbiss aufgestellt wurde. Er besteht aus x-förmig angebrachten Latten, die sich überlagern. Zum Transport lässt er sich wie eine Nürnberger Schere zusammenschieben. Adelsleute ließen den Wildbestand zur Jagd gern übernatürlich anschwellen, und betroffene Bauern durften sich aus den Adelsforsten Holz zum Schutz ihrer Schonungen kostenlos schlagen, um Jägerzäune als effektiven Schutz zu bauen.

Quelle: Wikipedia

Jägerzaun

Foto: Markus Hagenlocher

Manchmal wünschte ich, zu jenen Lesern zu gehören, die Jägerzäune tadellos streichen und sich beim Lesen keinem Kopf machen, sondern einfach gut unterhalten sein wollen.

Bei dem erwähnten Buch handelt es sich um:

Fanny Morweiser
Der Taxitänzer (Erzählungen)
Diogenes Verlag, Zürich, 1996

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