Buchillustration: The_overthrow_of_dr_slop

Es kann einem schon den Geduldsfaden reißen lassen, wenn ein Gesprächspartner ständig abschweift – besonders dann, wenn dieses Abschweifen weg von einem interessanten Thema führt und immer wieder hin zur eigenen Person, von deren Tun, Lassen, Befindlichkeiten und Meinungen man bereits mehr als genug gehört hat. Tatsächlich fällt mir gerade nur einer ein, der es, was Abschweifungen angeht, zur hohen Kunst gebracht hat. Und diese besteht nicht zuletzt darin, die umgekehrte Richtung zu wählen und – selbst wenn man ursprünglich vorhatte oder gar aufgefordert war, von sich selbst zu sprechen, die erste Gelegenheit zu ergreifen, auf etwas anderes zu kommen. (Dies ist übrigens auch eine gute Methode, nichts von sich preiszugeben, was man später lieber zurückholen würde.)

„Yorik-Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele. […] Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke wieder zur Hand nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert erführe, was wir ihm schuldig sind, und einsähe, was wir ihm schuldig werden können.“ Mit diesen Sätzen erwähnte Johann Wolfgang von Goethe Laurence Sterne in Wilhelm Meisters Wanderjahre (Ausgabe: Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1982). Friedrich Nietzsche nannte Sterne den „freiesten Schriftsteller aller Zeiten“, Thomas Mann sprach von seiner „humoristischen Großartigkeit“ und von Gotthold Ephraim Lessing ist das Zitat überliefert. „Gern hätte ich Sterne fünf Jahre meines Lebens abgetreten, […] und hätt ich auch gewiß gewußt, daß mein ganzer Überrest nur acht oder zehn betrüge, mit der Bedingung, daß er hätte schreiben müssen, gleich was, Leben und Ansichten, oder Predigten oder Reisen.“

Bei so viel erlauchtem Lob ist es nicht verwunderlich, dass Sternes neunbändiger Roman „ Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ zur Weltliteratur zählt. Die ZEIT ihn in ihre Liste der 100 Bücher aufnahm, es sich also um ein Löffellistenwerk handelt und einige Leser dieses Eintrags – wenn nicht die Mehrzahl – es bereits gelesen haben. Für die anderen hier eine sehr kurze Zusammenfassung des Inhalts:

Tristram macht sich daran, die Geschichte seines Lebens niederzuschreiben, beginnt mit dem Bericht von seiner Zeugung, doch schon dabei fallen ihm so viele wunderliche Begebenheiten und Schrullen ein, der seltsame Ehevertrag seiner Eltern, das Steckenpferd seines Onkels Toby – unter anderem auch ein Kapitel über den Gedankenstrich, … Jedenfalls wird von seiner eigenen Geburt erst im dritten Band berichtet. Und ähnlich zerstreut und in der Manier vortrefflichster Zerstreuung geht es weiter. Am Ende weiß der Leser kaum, was er da gerade gelesen hat. Ein Lebensbericht war es nicht, eher ein tour d’horizon des Lebens im ganz Allgemeinen und im sehr Besonderen.

Ich selbst wurde auf das Werk wieder aufmerksam dadurch, dass der Bayerische Rundfunk zwischen dem 11. Oktober und dem 13. Dezember 2015 eine (m.E. sehr gelungene) 9-teilige Hörspielfassung unter der Regie von Karl Bruckmaier ausstrahlte, die man auf der Seite des Senders [Hörspielpool] anhören oder als mp3 herunterladen kann.

Als Amuse-Gueule wollte ich ursprünglich eine der Passagen, die mich besonders amüsiert haben, transkribieren. Doch ein Hörspiel sollte man hören, und so habe ich stattdessen die entsprechende Szene aus der bei www.zeno.org veröffentlichten Buchfassung „Tristram Shandy“ (Edition Holzinger) abgeschrieben, obwohl ich gestehen muss dass mir einige Übersetzungen bei der Hörspielfassung (Übersetzer Michael Walter) besser gefielen, als die Buchübersetzung von F. A. Gelbcke (1812-1892). Wer des Englischen mächtig ist, ist ohnehin am besten beraten, Laurence Sterne im Original zu lesen. Das soll die Verdienste der Übersetzer nicht schmälern, im Gegenteil. Es sind die guten Literaturübersetzungen, die wesentlich dazu beitragen, unsere eigene Sprache zu bereichern, manches am Leben zu erhalten oder neu zu beleben.

Sei’s drum! Hier die Vorgeschichte, welche zu der folgenden Szene führt: Tristrams Mutter ist im dritten Band endlich so weit, mit ihm (dem Ich-Erzähler) niederzukommen. Es ist eine Hausgeburt vorgesehen, denn nachdem Mrs Shandy ihren Mann einmal vergeblich zur Fahrt nach London veranlasst hatte, verpflichtet ihn der Ehevertrag nicht mehr zu dieser Ausgabe. Dennoch beunruhigt es ihn nicht wenig, dass seine Frau nun einzig die Hilfe der alten Hebamme in Anspruch nehmen will, statt den Geburtshelfer aus der nächsten Stadt rufen zu lassen. Als die Geburt sich hinzieht, schickt Walter Shandy seinen Bediensteten Obadiah nach jenem Dr. Slop. Indessen hat sich Letzterer seinerseits schon auf den Weg nach Shandy-Hall gemacht, um nach der Hochschwangeren zu sehen.

Denkt Euch also die kleine, untersetzte, unansehnliche Gestalt des Dr. Slop, kaum 4 ½ Fuß hoch, mit breitem Rücken und einem anderthalb Fuß hervorstehenden Bauch, der einem Sergeanten des Leibkürassier-Regiments Ehre gemacht hätte.

So waren die Umrisse von Dr. Slops Gestalt, die man, wie Ihr wissen müßt, wenn Ihr nämlich Hogarths Analyse der Schönheit gelesen habt – und habt Ihr sie nicht gelesen, so thut’s! – ebenso gut mit drei als dreihundert Strichen karikieren und dem Geiste darstellen kann.

Stellt Euch also eine solche Gestalt vor, die dem Dr. Slop angehört, der jetzt langsam, Schritt vor Schritt, durch den tiefen Koth auf den vertebris eines ganz kleines Pony dahergeritten kam, eines ganz kleinen Pony von leidlicher Farbe, aber von Stärke, – du lieber Gott! – die unter einer solchen Last auch zum kleinsten Trab nicht hingereicht hätte, wären selbst die Straßen in einem trabbaren Zustande gewesen. Sie waren es nicht. Denkt Euch nun Obadiah auf einem wahren Unthier von Kutschpferd, in vollem Galopp so schnell als möglich in entgegengesetzter Richtung reitend.

Schenken Sie, Sir, diesem Bild einen Augenblick Ihre werthgeschätzte Aufmerksamkeit! Hätte Dr. Slop unsern Obadiah aus meilenweiter Entfernung in einem engen Wege so durch Dick und Dünn patschend und spritzend auf sich losstürmen sehen, würde da, frage ich, ein derartiges Phänomen mit einem solchen Wirbel von Koth und Wasser rund um seine Axe nicht ein Gegenstand gerechterer Befürchtung gewesen sein, als der schlimmste Whistonsche Komet? Gar nicht zu reden vom Kern, d.h. von Obadiah und seinem Pferde. Meiner Ansicht nach hätte der Wirbel allein hingereicht, wenn auch nicht den Doktor selbst, doch seinen Pony ganz einzuhüllen und mit sich fortzureißen. Stellen Sie sich nun den haarsträubenden Schreck und die Wasserscheu des Dr. Slop vor, wenn ich Ihnen sage (was ich hiermit thue), daß derselbe, nichts Böses ahnend, auf Shandy-Hall zuritt und sich dem Hause auf fünfzig, der plötzlichen Wendung des Weges um die Gartenecke aber auf fünf Ellen genähert hatte, als Obadiah auf seinem Kutschpferde in wüthendem Galopp um die Ecke bog, – bautz – grade auf ihn los! – In der ganzen Schöpfung, glaube ich, kann man sich nichts denken, was unfähiger wäre, einen solchen Stoß aufzufangen, als Dr. Slop.

Was konnte er thun? er bekreuzte sich † – Pah! – Aber der Doktor, Sir, war Katholik. – Schadet nichts, er hätte sich lieber am Sattelknopf festhalten sollen. – Gewiß, und wie der Ausgang zeigte, hätte er lieber gar nichts thun sollen; denn bei dem Bekreuzen ließ er seine Reitpeitsche fallen, und als er versuchte, sie zwischen Sattel und Knie aufzufangen, verlor er den Steigbügel und dadurch das feste Gesäß – und zu all diesen Verlusten (die, nebenbei gesagt, beweisen, wie wenig das Kreuzschlagen taugt) verlor der arme Doktor noch seine Geistesgegenwart. So ohne Obadiahs Anprall anzuwartten, überließ er den Pony seinem Schicksale, indem er ihn in der Diagonale verließ, in der Art etwa, wie ein Ballen Wolle zur Erde fällt, glücklicherweise ohne weitere Folgen, als die, daß er mit seiner Breitseite zwölf Zoll tief in dem Koth zu liegen kam.

Obadiah nahm vor dem Dr. Slop zweimal die Mütze ab, einmal als derselbe fiel, das zweite Mal als er ihn festsitzen sah. – Unzeitige Höflichkeit! Hätte der Bursche nicht lieber vom Pferde steigen und dem Doktor helfen können? – Sir, er that Alles, was die Umstände ihm erlaubten, denn der Schuß, in welchem das Kutschpferd sich befand, war so heftig, daß ihm jenes vor der Hand unmöglich war; er ritt erst dreimal im Kreise um Dr. Slop herum, bevor es ihm gelang, sein Pferd zum Stehen zu bringen,und das war dann mit einer solchen Kothexplosion verbunden, daß Obadiah lieber eine Meile weg hätte sein sollen. Kurz, nimmer wurde ein Dr. Slop so besudelt und Transsubstantiiert, seit Transsubstantiationen überhaupt Mode geworden sind.

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