Briefmarke Deutsche Post 1998 - Glienicker Brücke

Ein bisschen unhöflich finde ich es. Wenn am Ende einer Kinovorstellung die Zuschauer sich in Jacken und Mäntel wurschteln, Taschen, Popcornverpackungen und Getränkebecher zusammenraffen und schließlich aufstehen, während auf der Leinwand noch der Abspann des gerade gesehenen Films läuft, die Liste der Namen derjenigen, die zum Gelingen dessen, was wir gerade gesehen haben, wesentlich beigetragen haben. Wenn ich selbst ebenfalls wurschtele, mich erhebe – allerdings nicht, bevor nicht die hinter mir Sitzenden aufgestanden sind und den noch weiter hinten Sitzenden (wenn sie denn noch sitzen) den Blick auf die Leinwand ohnehin versperren, dann geschieht dies, um andere Kinobesucher in meiner Reihe nicht zu blockieren. Ich gehöre nicht zu denen, die rechthaberisch andere an der Ausübung ihrer Unhöflichkeit hindern. Im Fall von „Bridge of Spies“ allerdings, würde ich empfehlen, dem oben geschilderten Verhalten noch eins drauf zu setzen. Der richtige Moment, den Kinosaal fluchtartig zu verlassen, wäre gleich nachdem man sich vergewissert hat, dass alle Spione, zwei zu Recht und ein zu Unrecht so bezeichneter –, ordnungsgemäß ausgetauscht wurden. Aber ich bin schon wieder beim Ende, statt mit dem Anfang zu beginnen.
Dem Film liegt eine Reihe historisch belegter Begebenheiten zugrunde, die ich hier in ihrer chronologischen Reihenfolge kurz beschreiben will.
1956 schied der Pilot Francis Gary Powers aus den Diensten der US Air Force aus, nachdem er von der CIA abgeworben worden war. Es begann seine Ausbildung zum Piloten des neuartigen Spionageflugzeugs U-2, das mit hochauflösenden Kameras ausgestattet war und mit einer Gipfelhöhe von 70.000 Fuß als unerreichbar galt für die zu jener Zeit eingesetzten Flugabwehrwaffen. Zunächst verbindet Powers‘ berufliche Veränderung mit den folgenden Ereignissen nur eines: Wir befinden uns mitten in Zeiten des Kalten Krieges.
In den frühen Morgenstunden des 21. Juni 1957 wurde Rudolf Iwanowitsch Abel, geboren als William Genrikowitsch Fischer, in einem Hotel in Manhattan verhaftet, wo er unter dem Namen Martin Collins untergetaucht war. Dass er unter dem Namen Collins nicht behördlich registriert war, rechtfertigte eine längere Sicherungsverwahrung – genügend Zeit, um die gegen ihn gesammelten Beweise zu vervollständigen, auch wenn Abel kein Geständnis ablegte. Rudolf Abel darf mit Recht als einer der erfolgreichsten Spione bezeichnet werden, die jemals für die damalige Sowjetunion in den USA tätig gewesen waren. Unter anderem ging es dabei um den Verrat von Atomgeheimnissen.
Am 14. Oktober 1957 wurde gegen Abel  Anklage in drei Punkten erhoben: Arbeit als Agent eines fremden Staates ohne behördliche Genehmigung, Ausspähen von Verteidigungsinformationen, und Übermittlung von Verteidigungsinformationen an die Sowjetunion. Die Verteidigung hatte der New Yorker Anwalt James B. Donovan übernommen, der 1945 als Assistent des amerikanischen Hauptanklagevertreters Robert H. Jackson zu den Nürnberger Prozessen nach Deutschland entsandt worden und seit 1950 Partner der Kanzlei Waters and Donovan war. Wirklich glücklich war Donovan über das Mandat, das bereits mehre Anwälte rigoros abgelehnt hatten, nicht. Er würde nicht nur den Prozess mit Sicherheit verlieren, sondern zudem den Zorn der amerikanischen Öffentlichkeit auf sich ziehen. Und tatsächlich sprach Richter Mortimer W. Byers Rudolf Abels am 15. November 1957 in allen drei Anklagepunkten schuldig. Das Strafmaß belief sich auf 30 Jahre Haft, und enttäuschte viele US Bürger und die Presse, die mit einem  Todesurteil gerechnet hatten. Wieder traf Donovan die öffentliche Wut und noch mehr, als er Einspruch gegen das schon jetzt als zu mild empfundene Urteil erhob. Dieser Einspruch wurde allerdings am 28. März 1960 zurückgewiesen und das Urteil als rechtskräftig bestätigt. Es sollte nur ein Monat vergehen, bis sich etwas ereignete, was auf das Schicksal Rudolf Abels großen Einfluss haben würde.
Am 1. Mai 1960 wurde Francis Gary Powers während eines Spionagefluges von der sowjetischen Luftverteidigung bei Swerdlowsk (Ural) mit einer damals neuartigen Flugabwehrrakete abgeschossen. Bei der CIA hoffte man, dass das Flugzeug dabei völlig zerstört und Powers ums Leben gekommen wäre – notfalls durch Anwendung einer in einem Halbdollar verborgenen vergifteten Nadel, die zur Ausrüstung des Piloten gehörte. Doch diese Hoffnungen wurde enttäuscht. Sowohl die Flugzeugtrümmer ließen Auswertungen zu, als auch Powers hatte den Absturz dank seines Fallschirms überlebt und die Giftnadel nicht angewendet.  Am 11. Mai 1960 blieb dem damaligen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower nichts anderes übrig, als die amerikanischen Spionageflüge zuzugeben und die volle Verantwortung zu übernehmen. In der Folge kam es zu Verhandlungen über einen Austausch Francis Gary Powers‘ gegen einen in den USA verhafteten Spion der Sowjets, doch diese Verhandlungen gerieten immer wieder ins Stocken. Aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit in Deutschland verschwanden sie schon deshalb ganz, weil ein anderes Ereignis hier gravierende Auswirkungen hatte: Der Bau der Mauer am 13. August 1961 und die Befestigung aller Grenzen zwischen der DDR und der Bundesrepublik. Im unmittelbaren Zusammenhang mit den turbulenten Ereignissen am und um den 13. August allerdings stand die Verhaftung eines anderen Amerikaners, Frederic Pryor, der an der Freien Universität in West-Berlin Wirtschaftswissenschaft studierte. Bei seinen Studien hatte er das sozialistische Wirtschaftssystem im Auge und hielt sich deshalb oft im Ostteil der Stadt auf. So auch an dem Tag, als DDR-Streitkräfte die Grenze dicht machen. Pryor wurde bei dem Versuch, nach West-Berlin zurückzukehren,überwältigt und verhaftet – unter dem Vorwurf, er habe versucht, persönliches Besitztum von Republikflüchtlingen über die Grenze der DDR zu schmuggeln.
Indessen waren die Verhandlungen über einen Austausch Francis Gary Powers‘ in den USA so weit gediehen, dass man bereit war, im Gegenzug Rudolf Abel freizulassen. Ein russischer Top-Spion gegen einen amerikanischen Piloten. Ein Apfel, der manchen zu sauer erschien, um hinein zu beißen. Und um dem Fass den Boden auszuschlagen, war es nun auch noch die Gegenseite, die versuchte, die Amerikaner herunterzuhandeln. Gegen Abel sollte nicht Powers, sondern Pryor aus der Haft entlassen und abgeschoben werden. Rechtsanwalt  James B. Donovan, der im Auftrag der US-Regierung aber dennoch inoffiziell die Verhandlungen in Ost-Berlin führen sollte, flog im Winter 1961/62 nach Deutschland mit der unmissverständlichen Instruktion, sich um Pryor nicht zu kümmern, sich auf kein derartiges Angebot einzulassen, sondern die Freilassung von Powers durchzusetzen. Dovovan aber hatte sich bereits in den Kopf gesetzt, beide Amerikaner nach Hause zu bringen.
In Ost-Berlin musste Dovovan dann feststellen, dass er es mit zwei Verhandlungspartnern zu tun hat. Für den Piloten waren die Russen, für den Studenten der Staatssicherheitsdienst der DDR zuständig. Vertreten durch den Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der später auch die Verhandlungen mit der Bundesregierung über den Freikauf politischer Gefangener führen sollte, ließ die DDR nichts unversucht, um sich als Verhandlungsgegner ins Spiel zu bringen. In Ost-Berlin erhoffte man sich durch diesen Schachzug eine Anerkennung der DDR als eigenständiger Staat durch die USA. Letztendlich aber gelang es Donovan, sein Vorhaben durchzusetzen. Am 10. Februar 1962 wurde Rudolf Abel auf der Glienicker Brücke an der Grenze von Potsdam (DDR) zu West-Berlin gegen den amerikanischen U-2-Piloten und CIA-Spion Captain Francis Powers ausgetauscht. Zeitgleich durfte Frederic Pryor den Grenzübergang am Checkpoint Charly überqueren.
Rudolf Iwanowitsch Abel (sowjetische Briefmarke 1990)
Und, wie eingangs gesagt, würde ich empfehlen, an dieser Stelle den Kinosaal zu verlassen oder die Stop-Taste des DVD-Players zu drücken. Ich habe gelesen, dass Frederic Pryor, der wohl einzige noch Lebende unter den Hauptpersonen der Handlung, den Film gelobt haben soll, auch wenn das Drehbuch sich in Bezug auf seine eigene Geschichte einige Freiheiten genommen habe. Künstlerische Freiheiten seien gestattet, wenn sie nicht zur gänzlichen Verdrehung historischer Tatsachen führen. Aber selbst wenn die Szenen, welche die Filmhandlung beschließen, sich 1:1 so abgespielt haben sollten, selbst wenn Donovans Heimkehr in den Kreis seiner Familie Friede, Freude, Pancake, also tatsächlich ein Rührstück par excellence gewesen sein sollte; selbst wenn wirklich dieselbe ältere Dame (Patricia Squire), die den Rechtsanwalt in der Subway mit argwöhnischen Blicken musterte, als sie sein Bild als den Pflichtverteidiger eines russischen Spions in der Zeitung entdeckte, ihm zufällig wieder in der Bahn gegenüber gesessen und ihn bewundernd angeschaut haben sollte, nachdem er die amerikanischen Jungs aus den Fängen der Kommunisten befreit hatte; selbst wenn sich Donovan von nun an immer beim Anblick fröhlich über einen Gartenzaun kletternder amerikanischer Kinder an die vom Berliner S-Bahnzug aus beobachtete Szene erinnerte, bei der Flüchtlinge bei dem Versuch, die Mauer zu überklettern, erschossen wurden, so etwas darf man einem ansonsten sehenswerten Film nicht antun. Ich fühle mich mehr als versucht, einen Satz zu schreiben, bei dem es sich um ein abgewandeltes Zitat aus dem Film handelt, denn an einer Stelle sagt Dovovan: „Ich kann den Satz ‚Ich bitte Sie, Herr Rechtsanwalt‘ nicht mehr hören. Also:
Ich bitte Sie, Herr Spielberg!
Bridge of Spies: Der Unterhändler (USA / Deutschland / Indien, 2015, 141 Min.)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Matt Charman, Ethan Coen, Joel Coen
Darsteller:
Tom Hanks als Rechtsanwalt James B. Donovan
Mark Rylance als russicher Spion Rudolf Abel
Austin Stowell als U2-Pilot Francis Gary Powers
Will Rogers als Student Frederic Pryor
Sebastian Koch als DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel
Dakin Matthews als  Richter Mortimer W. Byers
u.v.a.
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