Sie wohnen in einander gegenüber liegenden Häusern, deren Balkone auf einen begrünten Hof hinaus gehen. Der Eindruck einer grünen Idylle wird noch verstärkt dadurch, dass alle Balkone von ihren Besitzern liebevoll bepflanzt wurden. Einige gleichen Lauben, von anderen hängen die blühenden Ranken weit hinunter.
Es ist Morgen. Die Frau – sie mag um die siebzig sein, ihr Haar ist weiß – tritt auf den Balkon, um (und dies ist etwas überraschend) sich die Zähne zu putzen. Warum sie dies nicht in der Abgeschlossenheit ihres Badezimmers erledigt, sondern an der Balkonbrüstung stehend, wird klar, wenn man ihrem Blick folgt. Es ist nur ein kurzer, beinahe flüchtiger Blick, mit dem sie sich vergewissert, dass gegenüber, ein Stockwerk unter ihr, ein Mann – auch er nicht mehr jung – auf seinem Balkon steht und es ihr gleichtut. Mit einem Blick nach oben, kurz und flüchtig wie der der Frau, vergewissert er sich, dass sie da ist, auf dem Balkon steht, den Becher in der einen, die Zahnbürste in der anderen Hand. Dann widmen sich beide dem Zähneputzen, zwei oder drei Minuten lang, sorgfältig. Schließlich verschwinden sie wieder in ihrer jeweiligen Wohnung, ohne einander mit einem Wort oder auch nur einer Geste gegrüßt zu haben.
Es ist die Gleichzeitigkeit, die fast perfekte Synchronität, aus der sich schließen lässt, dass sie diese Gewohnheit schon lange pflegen. Dabei spürt man, dass es zwischen dem seltsamen Paar keinen Kontakt gibt, der über das gemeinsame Zähneputzen hinaus geht, dass aber – und das macht sie eben zu einem Paar – ihre kleine friedliche und zufriedene Alltagswelt gleichsam den Todesstoß erhielte, würde einer von ihnen mit dem täglichen Ritual brechen oder ihm nicht mehr nachkommen können.
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