Ich war im Kino. Das scheint zu einer neuen Gewohnheit zu werden. Aber seit eine meiner Töchter (vor etwa zwei Jahren) von meinem ewigen Gejammer über das Kinosterben die Nase voll hatte und entgegnete, ich hätte verdammt wenig dazu beigetragen, dieses Kinosterben zu verhindern, lebe ich in dem Bewusstsein, dass ich den Kinobetreibern einiges schuldig geblieben bin. Okay, über eine nicht unerhebliche Strecke habe ich für meinen Verzicht auf Kinobesuche eine halbwegs passable Entschuldigung. Als die Kinder noch Kinder waren, reichte das Geld mal eben für gelegentliche Besuche von Kindervorstellungen, und als die Kinder in das Alter kamen, in dem man lieber mit Freunden als mit der Mutter ins Kino geht, da reichte es mal eben für die Auszahlung von Taschengeld plus gelegentlichem Kinozuschlag. Aber als ich endlich mein Geld für mich allein verbraten konnte, wurde ich keineswegs wieder zum regelmäßigen Kinobesucher, wie dies in meiner Jugend der Fall war. Jetzt hole ich eben nach.

Ich war also heute im Kino, und während des Heimwegs nach der Vorstellung, dachte ich hauptsächlich an eines: Den Satz nicht zu vergessen – oder die zwei Sätze. Vielleicht waren es auch drei. Man hört ja nicht, ob da im Drehbuch ein Semikolon stand oder ein Punkt. Ich versuchte, sie mir so wörtlich wie möglich zu wiederholen. Es waren die Sätze, für die allein der Eintrittspreis von 6 Euro sich für mich schon gelohnt hatten. Aber ich will nicht mitten hinein springen in die Geschichte und mit diesen Sätzen beginnen. Besser fange ich mit dem Anfang an.

Der Film, den ich mir heute angesehen habe, war „Ewige Jugend“ mit Michael Caine und Harvey Keitel in den Hauptrollen. Caine, der am 14. Mai hoffentlich bei guter Gesundheit seinen 83. Geburtstag feiern wird, und Harvey Keitel, nur sechs Jahre jünger spielen zwei alte Männer (was auch sonst), und daran ändert auch nichts, dass Caine in der Rolle des Fred Ballinger ein Dirigent von Weltruhm war, der sich zur Ruhe gesetzt hat und einen Abgesandten der Britischen Krone, der ihn für ein Konzert (im Tausch gegen den Ritterschlag) gewinnen will, abblitzen lässt. Mick Boyle (Harvey Keitel), sein Freund seit sechzig Jahren und erfolgreicher Filmregisseur, denkt noch nicht an Ruhestand. Er bereitet den Film vor, der sein Vermächtnis werden soll. Und auch wenn Boyles kreative Kräfte am Schwinden sind, was seinen letzten Filmen anzumerken war, so hat er doch einen Produzenten gewinnen können – hauptsächlich weil die gealterte Diva Brenda Morel, gespielt von Jane Fonda, die weibliche Hauptrolle besetzen soll. Hintergrund des Geschehens ist ein Luxus-Kurhotel in den Schweizer Alpen, wo die beiden alten Freunde sich auf Herz und Nieren (um nicht zu sagen Prostata) untersuchen und nach allen Regeln der Kunst massieren lassen. Dass es sich hier nicht um eine reine Komödie handelt, wird spätestens klar, als Ballingers Tochter, die ihren Vater zu dieser Kur begleitet hat, von ihrem Mann verlassen wird, bei dem es sich pikanterweise um Boyles Sohn handelt. (An dieser Stelle fehlte mir ein bisschen Erklärung – weniger für das Verlassen als dafür, warum sie überhaupt miteinander verheiratet waren, aber diese Erklärung fehlt einem im richtigen Leben ja auch manchmal.) Ich höre jetzt auf mit der Inhaltsangabe, denn ich möchte interessierten zukünftigen Zuschauern, die dies hier zufällig lesen, die Spannung nicht nehmen. So wahnsinnig viel Handlung hat der Film ohnehin nicht. Er besticht eher durch bezaubernde Bilder, die immer wieder die Grenze zum Traumhaften überschreiten, um dann aber wieder zurückzuspringen. Dies führte bei mir zu drei oder vier kleinen Abstürzen aus dem Zustand des Schwelgens. Es mag in der Absicht von Regisseur und Drehbuchautor Paolo Sorrentino gelegen haben, wurde von mir aber als leicht unangenehm bzw. irritierend empfunden.

In „Youth“ wirft Sorrentino aus der abgeklärten Perspektive des Alters einen ebenso lustigen wie melancholischen Blick auf das Leben und seine Vergänglichkeit, die Freude und das Leid, die Schönheit und die Kunst, schreibt Carsten Baumgardt von der Filmstarts.de-Redaktion,

und ein Leser der oben erwähnten Seite kommentiert:

Leben als Krankheit, „Der Zauberberg“ und „Der Tod von Venedig“ fallen einem ein. Szenen mit Kindern, Leben, frischem Grün wirken auf diesem Hintergrund als kuriose, vergängliche Ablenkung auf dem Weg zum unausweichlichen Finale.

Mir selbst fiel (vergleichend) nur Magischer Realismus ein, den ich in der Literatur (besonders bei Gabriel García Márquez) sehr mag, im Film aber schwierig finde. Die Magie entsteht ja (so empfinde ich es) durch die Bilder im Kopf, die durch vorgegebene Bilder auf einer Leinwand eher gestört werden. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Bilder des Films opulent, faszinierend und deshalb anschauenswert sind. Was ich dem Film jedoch abspreche, ist der „abgeklärte Blick“. Bestenfalls steht er für das schicksalsergebene Warten auf den Zustand der Abgeklärtheit, jene kleine Wiedergutmachung, die man herbeisehnt, während man alle Nachteile des Alters mit Würde zu ertragen versucht.

Aber ich hatte ja den Satz, bzw. die zwei oder drei Sätze versprochen, die mir so wichtig waren, dass ich sie auf dem Heimweg vor mich hin beten musste. Gesagt wurden sie von Mick Boyle, dem Regisseur, während eines Spaziergangs, auf dem die beiden Alten Erinnerungen austauschen und Ballinger seinen Freund – wie so oft – mit einer Flunkerei hereinlegt, um sich anschließend zu amüsieren: „Seit sechzig Jahren glaubst Du mir immer alles, was ich sage.“ Und darauf erwidert Boyle (sinngemäß): „Ich erzähle Geschichten. Ich muss alles glauben, sonst könnte ich das nicht.“

Das schien mir ein Licht auf eines meiner eigenen Probleme zu werfen. Mir gelingt es nicht mehr, Geschichten zu erzählen, auch wenn ich es immer wieder einmal versuche. Vielleicht liegt es daran, dass ich immer weniger glaube. Fast nichts mehr, wenn ich mich im Zweifelsfall nicht selbst von der Wahrheit überzeugen kann. So hat das Ende von blog.de und damit das Ende meines alten Pseudonyms cuentacuentos doch sein Gutes. Der Name passte einfach nicht mehr.

Aber noch mal zum Film: Gut gefallen haben mir die schauspielerische Leistung von Paul Dano in der Hauptnebenrolle des Schauspielers Jimmy Tree. Wirklich gut waren auch die musikalischen Bestandteile des Films: Paloma Faith als Sängerin auf der Bühne des Kurhotels und die Südkoreanische Sopranistin Sumi Jo, die schließlich das von Ballinger komponierte Stück singen darf, das ursprünglich für seine inzwischen demenzkranke Ehefrau geschrieben worden war.

Ewige Jugend (I/F/CH/GB, 2015)
Regie und Drehbuch: Paolo Sorrentino

Schauspieler und Rollen:
Michael Caine als Fred Ballinger
Harvey Keitel als Mick Boyle
Rachel Weisz als Lena Ballinger
Paul Dano Jimmy Tree
Jane Fonda als Brenda Morel
Alex MacQueen als Queen’s Emissary
Paloma Faith als sie selbst
Ed Stoppard als Julian

Advertisements