Heiligabend

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich am Heiligabend ins Kino gegangen, und nun frage ich mich, warum ich das nicht längst zum festen Programmpunkt an diesem Tag gemacht habe – nachdem mir doch schon vor Jahren klar wurde, dass ich einfach nicht mehr willens bin, Weihnachtspredigten (oder sonstige Predigten) zu ertragen. Meine Wahl fiel auf „Ich bin dann mal weg“, die Verfilmung von Hape Kerkelings 2006 erschienenem autobiographischem Bericht über seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela nach einem Zusammenbruch des Erfolgsentertainers ist mit erstaunlicher Verspätung in die Kinos gekommen. Ich hatte mir vor neun Jahren das von Kerkeling gelesene Hörbuch zu Gemüte geführt, und war nun neugierig auf die visuelle Fassung, in der Hape Kerkeling von Devid Striesow gespielt wird. Außerdem war ich gespannt, wie viele Menschen es außer mir am 24. Dezember um 16 Uhr (letzte Vorstellung) ins Kino statt in den Familiengottesdienst zieht. Vorsichtshalber hatte ich mir die Karte schon einige Tage zuvor besorgt, was sich als überflüssig erwies. Kino 3 (in Kino 1 lief „Die Peanuts – Der Film“) war nur zu einem guten Drittel gefüllt. Wie eine Insel aus Entengrütze waren die Zuschauern im hinteren linken Bereich des Saals zusammengetrieben. Vielleicht eine Maßnahme , die dem Personal das Putzen am Ende der Vorstellung erleichtern sollte. Schließlich wollten an diesem Abend alle möglichst schnell nach Hause zu Lichterbaum, Geschenken, Kartoffelsalat mit Würstchen oder was auch immer.

Ich bezweifle, dass es der zeitliche Abstand ist. Der mir das Hörbuch besser erscheinen lässt als der Film. Vom Klappsitz gerissen hat mich das Kino-Epos nämlich nicht. Tief enttäuscht war ich jedoch auch nicht, hätte eine saubere Doku über den „Camino“ mit mehr Landschaftsbildern und objektiveren Eindrücken am Wegesrand allerdings vorgezogen.

1. Weihnachtsfeiertag

Die Essenseinladung von Tochter #1 hatte ich dankend abgelehnt, um viel Muße für die Vorbereitung des Weihnachtsessens am nächsten Tag zu haben. Bei guter Musik und einem Gläschen Küchenwein den Schmortopf zu betreuen und nebenher ein paar Telefongespräche mit Menschen zu führen, die man an den Feiertagen nicht treffen kann, hat durchaus seinen eigenen Reiz.

Vor dem Einschlafen Teil 3 von Richard Dawkins „Der Gotteswahn“ gehört. Eine bewusst unweihnachtliche aber durchaus lohnende Entscheidung.

2. Weihnachtsfeiertag

Zwar gab es bei mir keinen Weihnachtsbaum, dafür aber Olivenzweige und blühende Quitten. Die sind zwar nicht billiger als eine Edeltanne, gefallen mir aber besser. Und Im letzten Moment war es mir sogar gelungen, eine kleine Krippe zu erstehen, kitschig genug, um meinen kritischen Blick auszustechen.

Weihnachtskrippe

Zum ersten Mal war dann der größere Familienkreis um den neuen Eichentisch versammelt. Nur die Rosenheimer fehlten, um die Nachkommenschaft komplett zu machen. Mit dreieinhalb Monaten die Jüngste, hatte die kleine Clara doch schon ein Geschenk mitgebracht: ihre gute Laune. Sie lächelte jeden an, der sich ihr zuwandte. Erst als auch sie Hunger bekam, wurde ein Schippchen gezogen und ein bisschen geweint. Aber dem Problem konnte schnell abgeholfen werden. Danach machte sie ein Schläfchen in meinem Bett, und als auch das seine Wirkung getan hatte und sie mir die Ärmchen entgegenstreckte mit der unmissverständlichen Aufforderung „Nimm mich auf den, Arm, damit ich wieder den Überblick habe“, gab es nicht den geringsten Zweifel (Camino hin, Dawkins her), was der Sinn des Lebens ist.

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