Auch jeder Zufall hat natürlich eine Vorgeschichte, die – wenn man sie zufällig mitbekommt – ihn weniger zufällig erscheinen lässt. Das nimmt dem Zufall etwas des Überraschenden, macht ihn ein bisschen langweiliger. – Vor einigen Tagen war ich auf der Suche nach einem Link, den ich leichtfertig gelöscht hatte. Die einzige Möglichkeit, die gesuchte Seite wiederzufinden – so schien mir – war, die Seitennummern „abzuklappern“ die einem anderen, nicht gelöschten Link vorausgingen. Nun ist mir durchaus klar, dass – wenn ein Museum seine Bestände/Neuzugänge erfasst, mehrere Mitarbeiter damit beschäftigt sein können, und dass dies dazu führt, dass aufeinanderfolgende Seitennummern manchmal einen inhaltlichen Zusammenhang haben, manchmal aber überhaupt keinen. Ich jedenfalls landete völlig unbeabsichtigt auf einer Seite des Online-Katalogs des Whitney Museum of American Art, die absolut nichts mit Edward Hopper zu tun hatte:

Eleanor Antin: The Wounded Drummer Boy, 1977

Eleanor Antin
The Wounded Drummer Boy, 1977
Blatt 26 von 38 aus dem Portfolio „The Angel of Mercy: My Tour of Duty in the Crimea“
Silbergelatineabzug (25,4 × 20,3 cm) auf Papier, Tinte

Es geht bei der künstlerischen Arbeit, bei der es sich im Wesentlichen um die Videodokumentation einer Performance handelt, um die Erlebnisse von Florence Nightingale, die aus einer wohlhabenden britischen Familie stammend, nach Ausbruch des Krimkrieges (1853–1856) im Auftrag der britischen Regierung eine Gruppe von Pflegerinnen anleitete, die verwundete und erkrankte britische Soldaten im Militärkrankenhaus in Scutari betreute.

Auf der kleinen Abbildung von Blatt 26 ist nicht viel zu erkennen. Eine größere gibt es nicht. Es genügt aber vielleicht sogar die bloße Vorstellung von einem verwundeten kleinen Trommler. Mir genügte sie. Mir fiel plötzlich auf, dass ich in dieser Vorweihnachtszeit das Lied vom Little Drummer Boy noch kein einziges Mal gehört hatte, während ich es im vergangenen Jahr ständig zu hören meinte. Vielleicht ist auch das nur ein Zufall, und es ist zufällig nur mir so ergangen. Vielleicht aber will man all den Kriegs- und Terrormeldungen in der diesjährigen Vorweihnachtszeit auch nicht den kleinsten Trommler hinzufügen – nicht einmal wenn er – wie der Liedtext vorgibt – mit dem Einverständnis der Mutter Maria trommelt. Das wäre allerdings mehr Zartgefühl als ich den Medien zutraue, die in solchen Fragen üblicherweise erst (über-)reagieren, wenn etwas als politisch unkorrekt amtlich ausgemacht wurde. Sollte der Little Drummer Boy auf den Index geraten sein wie die Zehn kleinen Negerlein?

Und dann …, dann las ich heute Heinrich Heines Gedicht – auch nicht, weil ich danach gesucht hatte, sondern nur, weil ich nebenher ein Verzeichnis aller Texte, welche die Anthologien meiner privaten Bibliothek enthalten, nach Autoren geordnet anlege. Und da findet sich im Diogenes Reader „Denkanstöße“ im Inhaltsverzeichnis die Angabe: „Heinrich Heine. Drei Gedichte.“ Ich musste die Seite 196 aufschlagen, um nachzuschauen, um welche Gedichte es sich handelt. Eines der drei:

Doktrin

Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.

Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.

Das ist die Hegelsche Philosophie,
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab‘ sie begriffen, weil ich gescheit
Und weil ich ein guter Tambour bin.

Ende. Auf Günter Grass komme ich jetzt nicht auch noch.

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