Edward Hopper: Notre Dame, No. 2, 1907

Edward Hopper: Notre Dame, No. 2, 1907

Obwohl ich von der mir verordneten Frist wusste, spürte ich, wie mir meine Uhr Zeit versprach, Zeit zu bleiben, während die Bus- und Reisegruppentouristen weniger Zeit hatten als ich, so dass ich mich nicht wundern musste, wie sie von der Würde des Sehens nichts übrig ließen als eine beliebige Sehenswürdigkeit, wie sie durch das Portal drängten, um am Altar ihr Sehen zu opfern. Ich blieb draußen mit meinen an der Kirche fest gehängten Blicken. Ich fragte mich, warum ich gerade sie zu meiner Mitte bestimmte, warum nicht Napoleons Bogen triumphierte oder Eiffels Turm, die mir als Ungläubigem in ihrer Weltlichkeit viel näher sein müssten. Dabei empfand ich es nicht einmal als besonders trostreich, um die Geschichte von Esmeralda und dem Glöckner zu wissen, weil angesichts der Wirklichkeit alles angelesene Wissen verblasste und in Frage gestellt war. Jede vergangene Lektüre, jeder gesehene Film hatten bisher Teil daran, mir Weltläufigkeit weiszumachen, aber in die Welt laufen ließen sie mich nicht.

aus „Paris geschenkt“ von Michael Wüstefeld

Ein Amerikaner (Hopper) in Paris und ein Dresdener (Wüstefeld) in Paris. Ich lese immer noch das Buch – ohne viel weiter gekommen zu sein. Und ich bin noch viel immernöcher mit Hopper beschäftigt. Dass man ein „geschenktes“ Paris nur durch langsamen Lesegenuss richtig würdigt, wäre eine faule Ausrede. Tatsächlich bin ich auch nicht faul. Ein Klick auf das Notre-Dame-Bild des Amerikaners offenbart dem Kenner des Blogs „Edward Hopper – The Man ’s the Work“, dass ich bei der Neubearbeitung für den Blogumzug zu WordPress Bilder einbaue, die dem Betrachter erlauben „ganz dicht heranzutreten“, mit eigenen Augen zu sehen, wie aus dem beinahe grobschlächtigen Gepinsel aus einigen (digitalen) Schritten Entfernung ein lebendiges, eindrückliches Bild wird (und umgekehrt). Ich muss gestehen, ich genieße die Beschäftigung mit den Hunderten von Bildern „in splendid solitude“ durchaus. Und zwischendurch gibt es ja Familienleben und Spaziergänge, kommt ein ungestümer Urenkel mit vorgestrecktem Blumenstrauß auf mich zu gelaufen (leider ohne Bild, da man bei der Begrüßung seiner Besucher nicht unbedingt den Fotoapparat im Anschlag hat), oder plaudere ich mit Tochter #2 im Café, während Clara (nur schon einen Monat alt) in der Sonne schläft.

Annabel und Clara, 10. Oktober 2015

Über einen Kinderwagen hinweg betrachtet, ist die Welt noch dieselbe, der Blick jedoch ein anderer.

Bild oben:
Edward Hopper
Notre Dame, No. 2, 1907
Öl auf Leinwand, 59,7 x 73 cm
Whitney Museum of American Art, New York; Josephine N. Hopper Bequest
Accession Number 70.1222

Bild unten: Privatfoto

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