Was schreibt die Frau im Hochsommer – und hochsommerlicher, als es jetzt gerade ist, geht es ja wohl kaum … Was schreibt sie jetzt über Taschentücher, jene Requisiten, derer wir hauptsächlich in der Erkältungsjahreszeit bedürfen! – Nun, ganz so ist es nicht. Ließe sich ein Nachweis führen, würde ich sogar darauf wetten, in den letzten Tagen mehr gezückte Taschentücher gesehen zu haben, als im letzten November und Dezember zusammengenommen. In der Mehrzahl waren es Papiertaschentücher, die hauptsächlich genutzt wurden, Schweiß von Stirnen, Wangen und Hälsen zu trocknen. Aber ich gebe zu: „Okkulte Erlebnisse“ scheinen eher in die dunklere Hälfte des Jahres zu passen – wie ja schon die Bezeichnung vermuten lässt. Tatsächlich fand ich keinen Hinweis darauf, in welcher Jahreszeit die Séance stattfand, an welcher Thomas Mann teilgenommen hatte, bevor er seine Erinnerung daran in dem Roman „Der Zauberberg“ verwendete. Dass ich gerade jetzt über eine Séance und ein Taschentuch schreibe, hat einen sehr praktischen Grund: Das Taschentuchreservat.

Ich bin noch nicht ganz hier (bei WordPress) angekommen. Zwar ist mein Hauptblog (dieser hier) – von ein paar verworfenen Einträgen abgesehen – jetzt komplett übertragen; es fehlen aber noch die „Nebengelasse“. Und so habe ich gestern nicht nur die beiden Untertext-Seiten endlich verlinkt (siehe am rechten Rand: Meine Seiten und Blogs), sondern auch das „Taschentuchreservat“ an Bord geholt.

Entstanden ist dieses Blog aus einem Kommentargeplänkel zwischen Blogfreunden und einer sich daraus ergebenden kleinen und nicht unbedingt ernst gemeinten Blog-Aktion, wie sie in den ersten zwei Jahren meines Bloggens durchaus keine Seltenheit war. Schließlich wurde ein Reservat für die vom Aussterben bedrohten Stofftaschentücher (aber auch für Papiertaschentücher mit besonderen Eigenschaften) gegründet. Inzwischen (seit 2009!) ist es dort recht ruhig geworden. Ich gehe aber davon aus, dass es allen Taschentüchern in der Obhut von Lydia Hohlsaum-Niesen gut geht. Als verantwortungsbewusste ehemalige Assistentin der Geschäftsleitung des Reservats habe ich beim Übertragen auch darauf geachtet, dass die in den Einträgen verwendeten Links möglichst noch funktionieren. Als ich feststellte, dass ein Video nicht mehr bei YouTube abgerufen werden kann, machte ich mich auf die Suche nach einem adäquaten Ersatz – leider vergeblich. Dafür aber stieß ich auf eine (vermutlich mit einer Handykamera gemachte) Aufzeichnung des Vortrags „Thomas Mann und das Okkulte. Der Einfluss des Geisterbarons Dr. A. Schrenck-Notzing als Hypnosearzt und Tiefenpsychologe“, den Prof. Dr. Manfred Dierks im Universitätsclub Bonn gehalten hat – vermutlich nicht lange bevor das Video am 18.12.2011 hochgeladen wurde. Leider ist die Aufzeichnung (auch von der Tonqualität her) so schlecht, dass es mir nicht angebracht erschien, es hier einzubinden. Unterschlagen wollte ich es trotzdem nicht, denn immerhin war es ausreichend, meine Neugier zu wecken – zumal das Ganze etwas mit einem Taschentuch zu tun hatte.

Weiteres Nachforschen brachte mich dann auf einen Artikel, der bereits am 19. Mai 2008 in der Badischen Zeitung erschienen war. Das Blatt berichtete darin über ein von dem Diplom-Psychologen Eberhard Bauer, Leiter des Archivs des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP), gehaltenes Referat über Thomas Manns Erfahrungen mit dem Okkultismus: Der 1929 verstorbene Münchner Arzt Albert von Schrenck-Notzing hatte eine Leidenschaft für paranormale Experimente. Zu den Gästen, die er dazu einlud, gehörten andere Ärzte und Physiker aber auch prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter auch Schriftsteller wie Gustav Meyrink und Thomas Mann. Abschließend wurden die Gäste von Schrenck-Notzing gebeten, ein persönliches Protokoll ihre Eindrücke anzufertigen. Eberhard Bauer sagte, die handschriftlichen Protokolle der drei Sitzungen, an denen Mann teilgenommen hatte, gehörten zu den „größten Schätzen“, des von ihm verwalteten Archivs.

Hier ein Textauszug:

Thomas Mann - Foto: dpa

Thomas Mann – Foto: dpa

Da versuchte der Hausherr ein letztes Reizmittel. Er zog strenge Saiten auf und sprach: „Nein, Minna, alles was recht ist. Wir sitzen nun über zwei Stunden, du kannst nicht sagen, daß wir es an Geduld haben fehlen lassen. Aber alles hat seine Grenzen. Wir geben dir jetzt noch fünf, noch zehn Minuten. Passiert nichts bis dahin, so machen wir Schluß, und die Herren gehen nach Hause, und mancher von ihnen wird allerdings denken, daß du nichts kannst und nichts vermagst, und wird es herumerzählen, und die Skeptiker werden sich freuen.“ – „Aber nein“, sagt von K. und sekundiert dem Baron, indem er ihm zu widersprechen scheint. „Aber nein, Herr Baron, was sagen Sie da, sie ist ja dicht daran, das weiß sie ja selbst am besten, immer noch hat sie es selbst am besten gewußt, meine Minna, wann sie ihre Ärmchen weit genug entwickelt und ausgestreckt hatte, um ordentlich … Wie? Was sagst du? Still die Musik! Was hast du gesagt, liebe Minna?“
In seine Worte hinein hat das Medium etwas geflüstert. Die Musik schweigt, wir alle schweigen. Es kommt noch einmal, schwer lallend: „Das Taschentuch!“
„Das Taschentuch!“ wiederholt befehlshaberisch von K.
„Sie weiß genau, was sie will, sie wird es schon machen, meine Freundin die Minna …“
„Selbstverständlich“, sagt der Baron. „Wenn es weiter nichts ist. Hier ist das Taschentuch.“ Und er zieht es aus der Brusttasche, sein großes, weißes, nur wenig gebrauchtes Schnupftuch, nimmt es am Zipfel und läßt es neben dem Tischchen zu Boden sinken. Da liegt es, schwach schimmernd sichtbar. Vorgestreckt starrt alles darauf hin.
„Den Tisch weiter zurück!“ flüstert Willi, dessen Gesicht auf seinen Händen liegt, die wir halten. „So recht?“ – Nein, nicht so. Er sieht nichts, aber weiß in seinem Traum, was geschieht, und daß es noch nicht genau so geschieht, wie er will; ungeduldig korrigiert er das Tun des Barons, als sähe er ihn: Mehr dorthin will er das Tischchen haben, erst etwas links und dann näher zum Hausherrn, so ist es recht. Der Raum zwischen Tisch und Taschentuch ist nun größer … „Die Kette!“ flüstert Willi, und man drückt sich die Hände. „Unterhalten!“ flüstert er, und man macht diensteifrig: „Jawohl, jawohl, Rhabarber, Rhabarber.“ Auch ich wende mich zu meinem Nachbarn, dem Polen, um etwas Gleichgültiges zu parlieren. Ich habe angefangen zu sprechen, da höre ich jemanden mit künstlicher Ruhe sagen: „Es kommt.“ Ich werfe den Kopf herum …
Erinnert man sich an die Stelle im Lohengrin, 1. Akt, wenn nach Elsas Gebet der Chor mit einer Einzelstimme einsetzt: „Seht! Welch seltsam Wunder!“ So ähnlich war es. Das Taschentuch hatte sich vom Boden erhoben und war aufgestiegen. Vor aller Augen, mit rascher, sicherer, energischer, fast schöner Bewegung stieg es aus Schattengründen in den Lichtschein der Lampe empor, der es rötlich färbte, stieg auf, sage ich, aber das ist nicht richtig, nicht so war der Vorgang, daß es leer und flatternd emporgeweht wäre, es wurde genommen und erhoben, eine tätige Stütze steckte darin, die sich oben in knöchelartigen Erhebungen darunter abzeichnete, und von der es faltig herniederhing; von innen her wurde lebendig damit manipuliert, drückende und schüttelnde Umgestaltungen wurden damit vorgenommen in den zwei oder drei Sekunden, während welcher es frei ins Lampenlicht gehalten wurde – und dann kehrte es mit ebenso ruhiger und sicherer Bewegung zum Boden zurück.
Das war nicht möglich – aber es geschah. Der Blitz soll mich treffen, wenn ich lüge. Vor meinen unbestochenen Augen, die ebenso bereit gewesen wären, nichts zu sehen, falls nichts da sein würde, geschah es, und zwar nicht einmal, sondern alsbald aufs neue: Kaum unten, so kam das Tuch schon wieder empor ins Licht, schneller diesmal als zuvor, und jetzt sah man mit unverkennbarer Deutlichkeit das von innen erfolgende Hinein- und Übergreifen der Glieder eines Greiforgans, das schmaler als eine Menschenhand, klauenartig erschien. Hinan und wieder herauf … Zum drittenmal oben, wird das Tuch von etwas Unsichtbarem kräftig geschwenkt und gegen den Tisch geworfen – nicht darauf, nicht gut gezielt, es bleibt an der Kante hängen und fällt auf den Teppich.
Bravorufe und laute Lobeserhebungen für „Minna“ hatten das Phänomen begleitet, und mehrmals hatte der Baron bei uns Neulingen angefragt, ob wir sähen, ob wir alles gut sehen könnten. Gewiß, wie hätte ich das wohl nicht sehen sollen. Ich hätte die Augen schließen müssen, um es nicht zu sehen, während ich diese meine Augen doch niemals gespannter offen gehalten hatte als jetzt. Ich hatte Größeres gesehen auf Erden, Schöneres, Würdigeres. Aber daß etwas Unmögliches, trotz seiner eigenen Unmöglichkeit, mit ruhiger Sicherheit und schließlich mit Übermut geschah, das hatte ich noch nicht gesehen, und darum wiederholte ich nur erschüttert: „Sehr gut! Sehr gut!“, obgleich mir nebenbei auch etwas übel war.

aus Thomas Mann – Okkulte Erlebnisse: Text (Fischer Klassik PLUS)

Bei allen berechtigten Zweifeln an den Vorgängen bei spiritistischen Sitzungen bleibt doch anzumerken: Es ist erstaunlich, was einem Taschentuch im Lauf seines Lebens alles widerfahren kann. Auch wenn es sich beim Taschentuchreservat natürlich um einen großen Spaß handelt, findet sich doch auch hier manches an tieferer Wahrheit und die eine oder andere kulturhistorische Betrachtung von Interesse. So wird auch der Auszug aus dem Thomas-Mann-Text demnächst dort unter Artenschutz gestellt werden. Leser, die ein wenig Zeit mitbringen, lade ich herzlich ein, im Taschentuchreservat auf Entdeckungsreise zu gehen. Auch wenn dort lange keine Aktivitäten stattgefunden haben: Die Kommentare sind offen und Neuzugänge bei den Taschentüchern nach wie vor willkommen.

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