70 Jahre und zwei Tage nach dem Abwurf der amerikanischen Atombombe auf Hiroshima stieß ich heute beim Übertragen meiner alten Einträge von blog.de zu WordPress auf meine eigenen frühen „Japan-Erinnerungen“ und ich erlaube mir, den Eintrag hier noch einmal aktuell zu posten:

Ich besaß eine Geisha.
Auf sie war ich so stolz, dass ich sie mitnahm nach Frankfurt.
Dort zog Gloria ihr den Kimono aus.
Übrigblieben zwei Taschentücher und ein Drahtgestellt. Davon abgesehen hatte die Geisha nur Hände und einen Kopf; der Hals endete in einem kleinen Dekolleté.
„Jetzt ist es eine Büste“, sagte ich, nachdem ich den Draht aus dem Dekolleté gezogen hatte.
„Büste sagt man nicht“, schimpfte mich Gloria.
„Büste sagt man wohl, nur Busen sagt man nicht“, verteidigte ich mich.
Ich war zehn, Gloria ein Jahr jünger.

Mein Bild von Japan zu jener Zeit glich einem unvollständigen Puzzle, wobei die vorhandenen Teile mir jedoch Eindruck machten.

Wir hatten Schuhe für mich gekauft und waren auf dem Weg nach Hause.
„Früher hat man in Japan den Mädchen die Füße ganz fest mit Bandagen umwickelt, damit sie klein bleiben“, sagte meine Großmutter. „Natürlich sind die Füße dadurch verkrüppelt. Deshalb mussten die Japanerinnen dann mit Trippelschritten laufen.“
„Warum sollten die Füße denn klein bleiben?“ fragte ich.
„Weil kleine Füße hübscher sind.“
Ich sagte nichts, ich ahnte da schon, dass meine Füße groß werden würden. Vor jedem Schuhkauf bei Salamander mussten meine Füße durchleuchtet werden, damit die Schuhe bloß ja nicht zu klein gekauft wurden.

Auch von Harakiri wusste ich.
Wer mir das wohl erzählt hatte?
Ich vermute, es war meine Tante M.
„Madama Butterfly“ war ihre Lieblingsoper.

Dennoch war ich sicher, dass dies alles der Vergangenheit angehörte. Ich wusste auch von Hiroshima. Hiroshima war der Grund, warum mir Flugzeuge Angst machten. Nicht die Erinnerungen meiner Mutter an Bomberverbände, dumpf dröhnend, der Himmel schwarz von Flugzeugen. Nein, ein einsam, weit oben, das klare Blau durchschneidendes Flugzeug, dessen Motorengeräusch sich in der unendlichen Weite verlor. Dennoch erschien es mir unheilverkündend. Ja, noch immer unheilverkündend, auch wenn es sich schon entfernte, denn aus dem Schnitt im Blau würde die Bombe fallen. Nachdem das in Hiroshima passiert war, hatten die Japaner sicher andere Sorgen, als dass ihre Füße zu groß werden oder sie das Gesicht verlieren könnten. Man verlor sein Gesicht ja nicht wirklich. Außer vielleicht, man hatte Hiroshima überlebt -– mit einem Gesicht, das nicht mehr wie ein Gesicht aussah.

Und dann waren da auch noch die Erdbeben. Die hatte es immer schon gegeben, und sie hörten nicht auf. Vorsichtshalber bauten die Japaner ihre Häuser aus leichten Holzgestellen, die sie mit Papier bespannten. Das hatte ich in einem Film gesehen. Von so leichten Wänden wurde man wenigstens nicht erschlagen, wenn die Erde bebte. Man könnte unter den Trümmern hervorkrabbeln wie unter einem zusammengefallenen Kartenhaus. Ich fand die Häuser schön, auch die Gärten mit den Teichen, in denen Goldfische schwammen.

Später wurde das auch bei uns Mode. Sogar ich kaufte ein Ikebana-Adventsgesteck. Was für ein Stilbruch! Nicht das Gesteck als solches, sondern dass ich es als vorweihnachtlichen Schmuck in meiner Wohnung betrachtete. Christentum und Shinto sind absolut unvereinbar. Aber das weiß ich erst heute, und ich glaube, dass die meisten Europäer (für Amerikaner gilt dasselbe), die sich „japanisch“ einrichten, sich dann auf ihr Seidenkissen setzen und meditieren, einen sehr weiten Weg vor sich haben. Kein Wunder, dass der Ausspruch „der Weg ist das Ziel“ bei uns so beliebt ist. Wir stecken tief in der christlichen Tradition unserer Länder. Das gilt auch für die Atheisten unter uns, denn ihr Wertekanon unterscheidet sich nicht wesentlich vom christlichen. Auch wenn wir uns altruistisch verhalten, sind wir niemals selbstlos. Diejenigen unter uns, die sich für besonders aufgeklärt halten, belächeln den Altruismus und erklären die Selbstlosigkeit für nicht existent.

Aber ich eile voraus. Auch das ist eine westliche Untugend: die Ungeduld.

Vor dem edlen Wohndesign und den unvergleichlich geschmackvoll arrangierten Blumen kamen die billigen Radiorecorder. Unserer war von Toshiba. Wir fühlten uns nach dem Kauf wie Verräter. Damals galten Markentreue und Produkttreue noch etwas, und schon hörte man überall die Unkenrufe, was wohl aus Grundig, Philips und Blaupunkt werden sollte, wenn jetzt die Japaner alles billiger herstellten. Aber billiger konnte ja nur bedeuten: weniger gut. Also Schrott. Und mit dieser Logik ging der Radiorecorder schleichend in meinen Besitz über. Der würde sowieso nicht lange halten, also konnte ich ihn auch mit ins Schwimmbad schleppen. Und das zu einer Zeit, als unsere Grundig-Fernsehtruhe tagsüber noch mit einer Staubhülle abgedeckt wurde!
Der Radiorecorder überlebte das Schwimmbad und lief, und lief… …
Die Japaner waren offenbar tüchtig. Sie arbeiteten ihr Leben lang für ein und denselben Arbeitgeber und verzichteten sogar auf ihren Urlaub. Machten sie dann ausnahmsweise doch einmal Urlaub, unternahmen sie eine Weltreise, bewegten sich nur in Gruppen und fotografierten alles, was sie sahen, um sich für den Rest ihres urlaubslosen Lebens an den Fotos zu erfreuen. Dies war jedenfalls der Eindruck, den ich gewann.

Irgendwann wandelte sich das Bild vom ameisenfleißigen Volk wieder -– hin zum Ästhetischen, Meditativen. Das hatte, wie zuvor erwähnt, mit den Strohmatten, Futons, mit Papier bespannten Paravents und den Blumengestecken zu tun, die plötzlich in den Geschäften auftauchten und den Eindruck vermittelten, die Japaner produzierten diese unglaubliche Menge an Elektronik nur für den Export, während sie selbst in traditioneller Schlichtheit lebten und es nur an uns läge, ebenso klug zu sein.

Dann kam der nächste Schock.
Zufällig geriet ich beim Surfen auf eine private japanische Webseite und sah Fotos einer japanischen Wohnung, vollgestopft mit Elektronik. Auch die Roboter-Katze fehlte nicht und wurde von der Familie geliebt.

Seither bemühe ich mich um eine neutrale, tendenziell aber positive Einstellung. Ich finde es vorbildlich, dass Japaner einen Mundschutz tragen, wenn sie selbst erkältet sind und nicht, weil sie sich vor Ansteckung fürchten. Ich fand auch das disziplinierte Verhalten nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima bewundernswert. Und was den wirtschaftlichen Wettbewerb angeht: Wir leben in Zeiten der Globalisierung. Die Welt ist klein geworden und auf eine aufdringliche Art ständig präsent. Japan beschäftigt meine Gedanken heute weit weniger als es dies in meiner Kindheit tat.

Leider weiß ich nicht mehr, was genau Hubert Winkels gesagt hat.
Es war letzten Montag. Er moderierte den „Büchermarkt“.
Beim letzten Programmpunkt ging es darum, dass jemand – ich vermute Lorenz Jäger, denn der hat das Vorwort verfasst – zwei Aufsätze des Philosophen Karl Löwith in deutscher Übersetzung herausgegeben hatte. Löwith hatte die Aufsätze vor Mitte der vierziger Jahre geschrieben, auf Englisch. Bis 1941 hatte Löwith Philosophie an der Kaiserlichen Universität Tōhoku in Sendai gelehrt, war dann in die USA übersiedelt, und später gehörte er zu den Soziologen, Sozialpsychologen. Psychoanalytikern, Ethnologen und Philosophen, die sich über die Mentalität der Kriegsgegner äußern sollten, um -– so Lorenz Jäger in seinem Vorwort – „Maximen für die ‚Re-Education‘ der Nachkriegszeit“ abzuleiten. Wie vorausschauend sie doch waren, die Amerikaner!

Hier zur Veranschaulichung zwei Ausschnitte aus dem Film „Searchlight on Japan“ (um 1948):

Der erste Ausschnitt beginnt mit Bildern von Menschen auf den Straßen im Japan der Nachkriegszeit. Der Erzähler erklärt, dass die amerikanischen Streitkräfte Japan von einer „Militärdiktatur“ in eine Demokratie umwandeln. In der nächsten Szenenfolge geht es um Umerziehung. Zunächst sieht man eine Frau, die in einer Bibliothek etwas in einem Buch nachschlägt, dann einige der neuen Lehrbücher über Demokratie in den Regalen. Es folgen Szenen in einer japanischen Druckerei, die für das von der Allied Powers Education Division unterstützte Umerziehungsprogramm tätig ist. Im Rahmen dieses Programms werden die Schulbücher überarbeitet und neu gedruckt. In der nächsten Szene sieht man Kinder in einem Klassenzimmer. Die Kinder singen ein Lied, während der Sprecher die Veränderungen im Bildungssystem und die Einführung gemeinsamer Klassen für Jungen und Mädchen erklärt. Zum Vergleich sieht man dann Bilder von zwei Mädchen und dem Sportplatz einer Schule der Vorkriegszeit, wo Schüler sich im Kendo erproben, während der Sprecher Japans militaristische Geschichte umreißt.

Filmausschnitt 1

Der zweite Ausschnitt beginnt mit Szenen aus dem traditionellen zivilen Leben in Japan. Matsuno-san ist, nach den Worten des Sprechers, ein gebildeter Mann, ein „guter Typ und ein Familienmensch“. Er liest zu Hause mit seiner Familie und trinkt Tee. Die nächste Sequenz zeigt etwas vom traditionellen Kunst-und Kulturleben Japans. Dann sieht man japanische Zivilisten, die einer Parade der alliierten Soldaten zuschauen. Der Sprecher fragt sich, „wie Matsuno-san und 30 Millionen Matsuno-sans die Besetzung ihres Landes durch die Truppen demokratischer Mächte erleben“. Der Erzähler stellt dann Vermutungen an über die Einstellung japanischer Männer zu Frauen. Man sieht ein Tanzlokal der Nachkriegszeit, in dem Japanerinnen mit Männern aus dem Westen tanzen. Der Ausschnitt endet mit Bildern japanischer Zivilisten auf der Straße und dem Bild einer sich bewegenden Kamera – einem der Instrumente für den Umerziehungsprozess in Japan.

Filmausschnitt 2

Angemerkt sei, dass die Kuratoren, die für die auf der Seite von Australian Screen zur Verfügung gestellten Videos verantwortlich zeichnen, den ursprünglich beabsichtigten Aussagen der Filmausschnitte durchaus kritisch gegenüberstehen.

Löwiths Essays stammen aus den Jahren 1942 – 1943. Am 6. August 1945 warf der amerikanischen Bomber Enola Gay aus einer Höhe von 9450 Metern die Atombombe Little Boy über Hiroshima ab. Etwas hilflos blätterte ich vor und zurück durch das von Hubert Winkels zur Lektüre empfohlene Büchlein, das nicht größer und nicht dicker ist als ein schmaler Taschenkalender, wobei sich zahlreiche Textpassagen in den beiden Aufsätzen auch noch beinahe wörtlich wiederholen. Was mögen die für Re-Education Zuständigen damals daraus gemacht (oder gelernt und deshalb nicht gemacht) haben? Ich, für mein Teil, suchte vergeblich nach dem Faden, dessen Ende ich meinte aus Winkels‘ Rezension aufgefangen zu haben: Antike und Moderne. Beide Begriffe fand ich wohl in Löwiths Aufsätzen und fand sie mehr als ein Mal, aber der Eindruck, den ich aus dem Radiokommentar gewonnen hatte, war nicht nur schwächer, er wollte sich überhaupt nicht einstellen. Der Eindruck, dass der Kreis der Zeit sich zwar nicht zur Ewigkeit schließe, aber dass seine offenen Enden sich um eine Winzigkeit in Richtung eines Schlusses bewegten.

Karl Löwith
Der japanische Geist
Matthes & Seitz Berlin, 2013
ISBN 978-3-88221-661-5

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