Ausserirdische Zytruspresse

Das Wunder in meiner Straße

Nachdem rechts von meiner Grundstückseinfahrt der kleine türkische Bäcker ausgezogen und ein „„Späti““ eingezogen ist und links von der Einfahrt der Juwelier sein Geschäft aufgegeben und ein Nagelstudio eröffnet hat, nehme ich mir kein Taxi mehr nach Hause. Ich finde es irgendwie peinlich zu sagen: „“Halten Sie bitte zwischen dem Späti und dem Nagelstudio.““ Scheinbar geht es mit der Gegend bergab. Natürlich wäre Gentrifizierung auch alles andere als wünschenswert. Unversehens zahlt man die doppelte Miete, oder man kann sie eben nicht mehr bezahlen. Und um nun für den „Niedergang“ einen Ausgleich zu schaffen, habe ich dem Drängen meiner Töchter nachgegeben.

Irgendwann, irgendwo in diesem Blog habe ich mal geschrieben, dass ich -– was das Wohnen betrifft -– offenbar Französin bin. Über die Franzosen hatte ich nämlich vor Zeiten gelesen, dass sie mit ihren Wohnungen nicht annähernd so viel Schöner-wohnen-Kult treiben wie die Deutschen. Dem Durchschnittsfranzosen genüge es, wenn ihn an und in seiner Wohnung nichts stört. Da mich noch nie Franzosen zu sich nach Hause eingeladen haben (von einer Studentenbude in Paris abgesehen), konnte ich diese Behauptung zwar nicht nachprüfen, aber ich glaube sie auch ungeprüft gerne.

Dass einen etwas stört, ist freilich keine objektive Feststellung. Gut möglich ist, dass mich Dinge nicht stören, die für die Mehrzahl meiner Mitmenschen nicht hinnehmbar wären, während mich andererseits etwas die Wände hoch treibt, was andere nicht einmal bemerken, und wenn man sie darauf hinweist, mit einem Schulterzucken abtun. In meiner heimischen Hütte jedenfalls störte mich nichts –- oder doch wenig, jedenfalls nicht genug, um eine Komplettrenovierung nebst Austausch einigen Mobiliars zu rechtfertigen. Meine Töchter sehen das anders, und sehen ist hier wörtlich zu nehmen. Seit Jahren verging kein Besuch töchterlicherseits, ohne dass der kritische Blick an diesem oder jenem Aspekt meiner Behausung hängen blieb, und ich wusste immer schon vorher, jetzt kommt ein Satz der mit den Worten beginnt: „„Mama, Du solltest aber wirklich mal …“…“

Wer auch nur ein bisschen Phantasie besitzt, kann sich vorstellen, dass die Komplettrenovierung einer voll eingerichteten 46-qm-Wohnung eine Herausforderung darstellt, im Vergleich zu der die Probleme des Bauern, der mit einem Wolf, einer Ziege und einen Kohlkopf einen Fluss überqueren muss und im zur Verfügung stehenden Bötchen jeweils nur einen „Passagier“ mitnehmen kann, ein Klacks sind. Tage habe ich mit der strategischen Planung zugebracht. Ein Umzug wäre leichter zu bewerkstelligen. Ich will aber nicht umziehen. Also habe ich inzwischen einen Maler beauftragt, Listen für das Be- und Entsorgen aller möglichen Dinge aufgestellt und auch den Ohnmachtsanfall über den Preis von ökologischer Auslegware, bei deren Herstellung 30% weniger Energie verbraucht und 60% weniger CO2-Emission verursacht werden (im Vergleich zu was???), überstanden. Was mir in den sogenannten kreativen Pausen zwischen all diesen Vorbereitungen aber zu schaffen macht: Die Kreativität hat schwer gelitten. Sei es das Kinderbuch, das ich zu schreiben angefangen habe, sei es nur ein Blogeintrag –- kaum sitze ich zehn Minuten am Computer und habe ein paar Zeilen zu Papier gebracht, fällt mir etwas ein, wie z.B. dass ich die Deckenlampe im kleinen Zimmer doch gegen eine andere austauschen sollte, eine, bei der ich kaputte Leuchtmittel selbst auswechseln kann und nicht jemanden um Hilfe bitten muss, weil man auf der obersten Leitersprosse mit beiden Händen über Kopf hantieren muss. Oder dass die Sperrmüllabholung unbedingt die Glasschiebetüren der Vitrine mitnehmen muss, die ich als offenes Bücherregal benutzt habe. Flachglas gehört nämlich nicht in die Glastonne. Also notieren, damit es nicht vergessen wird. Und was packe ich in den Koffer, aus dem ich leben werde, während der Kleiderschrank in seine Einzelteile zerlegt und sein Inhalt in andere Koffer und Umzugskartons verpackt sein wird? –- Schon bis zum Erreichen dieser Stelle im Text bin ich drei Mal aufgestanden, habe gemessen, dass der Standherd in der Küche 50 cm breit ist, Zettel von der Pinnwand genommen und die Pinnwand zu den Sachen gestellt, die wir nächste Woche auf den Betriebshof der Stadtreinigung bringen, und habe notiert, dass ich die Töchter fragen werde, ob sie mein ungarisches Gewürzschränkchen haben möchten. Es passt nicht zu den Pylones-Küchengeräten, die ich jetzt sammle, nachdem ich bei meinen Urenkeln Paul und Anton festgestellt habe, wie gerne sie die Küchenschränke ihrer Mama ausräumen. Außerdem macht der bunte Kram gute Laune.

Man sieht daran, wie wichtig es für einen schreibenden Menschen (oder jedenfalls für mich) ist, den schnöden Belangen des Alltags nur das Nötigste an Beachtung zu schenken, denn der Alltag ist durchaus in der Lage, mehr Ablenkung zu schaffen als dem Schreiben guttut. Die Töchter meinen, ich soll mich nicht aufregen, denn sobald die Renovierung überstanden wäre, würde ich noch viel besser und entspannter -– weil nicht mehr durch irgendwelche Unschönheiten gestört -– schreiben können. Ich bin da nicht so sicher. Ich werde schon froh sein, wenn das Verhältnis zu den „Mädels“ während dieser ganzen Aktion ungestört bleibt.

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