Manchmal erfinde ich Wörter. Meistens geschieht das zufällig und in der Mehrzahl der Fälle merke ich es nicht einmal, wenn niemand mich darauf aufmerksam macht. [Dies als Hinweis für meine Leser, mit meinem Dank vorab.] Öfter, als dass ich Wörter erfinde, kommt es vor, dass mir Wörter begegnen, die ich gerne erfunden hätte. Ein schönes Beispiel dafür ist Inkompetenzkompensationskompetenz. Das Schöne an diesem Wort: man weiß sofort, was damit gemeint ist – vorausgesetzt natürlich, man kennt die Bedeutung der Begriffe Kompetenz und Kompensation, was ich bei meinen Lesern voraussetze, denn Leser, die Fremdwörtern und Anglizismen abhold sind, haben das Lesen in diesem Blog mit Sicherheit längst aufgegeben. Hätte ich Inkompetenzkompensationskompetenz erfunden, würde ich das Wort dem Blogkollegen Koskator widmen, als Dank dafür, dass er meine Einträge für „“büldend““ befindet -– nicht etwa, weil der Kollege selbst ein Beispiel für Inkompetenzkompensationskompetenz wäre. Herr Koske ist vielmehr einer von denen, die eher tiefstapeln, während in meinem Fall – ich bin halt Generalistin -– eine gewisse Kompensation der sich auf allen Gebieten zwangsläufig ergebenden Inkompetenz geradezu überlebensnotwendig ist. Leider habe ich das Wort trotzdem nicht erfunden, sondern das hat bereits 1973 der Philosoph Odo Marquard getan, als er die Laudatio zum 60. Geburtstag des Münchner Philosophen Hermann Krings hielt.

In seiner Rede beschrieb Marquard die Geschichte der Philosophie als eine Geschichte des sukzessiven Verlusts von Kompetenzen. Demnach sei die Philosophie in der Antike „kompetent für alles“, gewesen, denn es ging darum, der Menschheit den Weg zum richtigen Leben zu weisen. In diesem Anspruch wurde sie vom Christentum überboten. Es blieb ihr also nichts, als sich dem Nutzenwissen zuzuwenden -– ein Gebiet, auf dem die exakten Wissenschaften der Denkkunst aber so erfolgreich Konkurrenz machten, dass die Philosopie sich schließlich nur noch als Wissenschaftstheorie halten konnte – oder eigentlich auch nicht halten konnte, und so stellte sie sich der Politik, wurde in der Praxis jedoch ausgeschaltet und musst sich auf das von den wenigsten Politikern beachtete Feld der Geschichtsphilosophie zurückziehen. Daraus schloss Marquard -– wie gesagt, schon 1973: „“Die Philosophie: sie ist zu Ende; wir betreiben Philosophie nach dem Ende der Philosophie.“ Der Philosophie bleibe nur noch eine Kompetenz, eben die Inkompetenzkompensationskompetenz.“

Nachzulesen ist dies u.a. in Odo Marquard: Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, S. 23–38. Reclam (UB 7724), Stuttgart 1981, ISBN 3-15-007724-9.

Nun hatte ich in einem Kommentar ja gerade angekündigt, dass ich -– wenn es denn zutrifft, dass Philosophie das Alter kleidsam macht –- ich mich von Spiegel ab- und der Philosophie zuwenden würde, und wenn dies laut Odo Marquardt bedeutet, mich mit Inkompetenzkompensationskompetenz zu befassen, dann passt das hervorragend, denn mein zweiter Vorname ist nun mal Inkompetenz. [Mein dritter Vorname ist übrigens Insubordination -– dies als Hinweis an alle, die vorhaben, mich in irgendwelche Schranken zu weisen.]

Advertisements