Ich meine, Adorno hätte es bei der ursprünglichen Fassung seiner Feststellung belassen sollen, die da lautete: „“Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben.““

Schon die Art der Formulierung verrät, dass der Satz nur in einem konkreten Kontext richtig verstanden werden konnte, denn das „“nicht mehr““ impliziert ein Vorher, einen Zeitpunkt also, zu dem sich (vielleicht) noch richtig leben ließ. Der Satz stammt aus Adornos „“Minima Moralia““, entstanden zwischen 1944 und 1947 im amerikanischen Exil und unter dem Eindruck des faschistischen Terrors in Europa.

Nun kann ein großer Denker einen schönen Gedanken nicht einfach so in einem (Kon-)Text verschludern. Es muss daran herum gefeilt werden, bis der Gedanke auch außerhalb jeden Kontextes seinen wahren Kern erstrahlen lässt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen! Fabelhaft! So fabelhaft, dass der Satz zum berühmtesten Zitat des Philosophen avancierte, und –- oft verkürzt auf die Formulierung „„es gibt nichts Richtiges im Falschen““ -– von Hinz und Kunz ständig bemüht wird. Erstaunlicherweise hört man nie den Umkehrschluss: Es gibt nichts Falsches im Richtigen. Aber vielleicht ist es auch nicht so erstaunlich. Vor allem jedoch ist es die Verkürzung, die den Denkfehler so offensichtlich macht, dass es mich wundert, mit welcher Beharrlichkeit Adornos Behauptung postuliert wird -– und dies womöglich sogar von Leuten, die dieses Symbol ……

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……, sei es an einem Kettchen, als Schlüsselanhänger oder in welcher Form auch immer, schon einmal getragen haben oder noch tragen, oder theoretisch zu tragen bereit wären.

Die Wahrheit ist, dass jedes „richtige Leben“ falsches, jedes „falsche Leben“ richtiges enthält. Wer das Gegenteil behauptet verkennt das eigentliche Wesen des Menschlichen und greift zu jener Waffe, die geeignet ist, Gesellschaften zu spalten und Fronten entstehen zu lassen.

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