Villa Tugendhat

Villa Tugendhat (Ansicht von der Straße her) Villa Tugendhat - Eingang Villa Tugendhat - Wintergarten
Villa Tugendhat

Kinder erobern sich ihre Welt spielend. Das gilt auch für die Welt der Sprache. Ein neu erlerntes Wort wird spielerisch so lange für alles Mögliche und alles Unmögliche verwendet, bis durch die Reaktionen derer, die des kindlichen Geplappers anhörig werden, beim Kind ein Gefühl -– um nicht zu sagen, eine Erkenntnis -– entsteht, wie der Begriff korrekt anzuwenden ist. Mit dem Wort Diskriminierung scheinen allerdings auch viele Erwachsene noch Probleme zu haben. Das gilt leider auch für gar nicht so wenige Journalisten und Politiker, denn wie sonst wäre zu erklären, dass sich neuerdings alles, was sich „„gegen““ Ausländer richtet, als Diskriminierung bezeichnet wird? Ich habe das Wort gegen apostrophiert, weil die gemeinten Benachteiligungen (böse Zungen reden gar von Schikanen) kein Indiz dafür sind, dass jemand Ausländer für weniger wertvolle Menschen hält. Im Grunde warte ich nur darauf, dass auch der Gebrauch des Wortes Ausländer für politisch inkorrekt erklärt wird, weil er die Bürger eines anderen Staates diskriminiert.

Nehmen wir mal die zurzeit diskutierte Maut (Infrastrukturabgabe) und den schlaumeyerischen Trick, diese zwar bei allen Autobahn- und Fernstraßenbenutzern zu erheben, die Autofahrer des eigenen Landes aber für diese Gebühr zu entschädigen. Das soll ja nicht geschehen, weil die Bundesregierung etwas gegen Ausländer hat. Tatsächlich würde man wesentlich lieber von allen kassieren -– ausnahmslos ohne Entschädigung. Aber das kostet Wählerstimmen, und die Konjunktur droht mit einem Schwächeanfall. Dagegen nur von Ausländern zu kassieren, wäre gegen die Europäischen Vereinbarungen, und der Protest aus Brüssel ließe nicht auf sich warten. Dass man in Brüssel auch den Trick mit der Erstattung bei der deutschen Kfz-Steuer sofort durchschauen und entsprechende Verfügungen vorbereiten würde, war im Grunde vorauszusehen, und deshalb hätte Frau Merkel besser daran getan, bei ihrem ursprünglichen Versprechen zu bleiben und den Bayern zu erklären, dass die Forderung aus ihrer Ecke nach einer Maut ja hauptsächlich deshalb so beharrlich gestellt wird, weil es die Bayern (verständlicherweise) ankotzt, jedes Mal, wenn sie nach Österreich hinüber fahren (und das tun sie oft), die dortige Maut zahlen zu müssen. Da sagt man dann: Liebe Bayern, wie verstehen Euch. Uns würde dies Maut auch so sehr ärgern, dass wir die Österreicher (speziell diese!) gerne zur Kasse bäten, wenn sie zu uns kommen. Aber eine Maut nur für Österreicher kann es ja nun schon mal gar nicht geben. Und immerhin habt ihr als Entschädigung die schönen Berge, und den leckeren Apfelstrudel, die Seidenklöße, die Hohensalzburg, …… alles praktisch vor der Haustür. Also: Seids stad!

Doch statt besänftigender Argumente zur rechten Zeit, nun dieses politische Hickhack und der Missbrauch des Begriffs Diskriminierung. Da werden der Abgeordnete und der Zeitungsschreiber wieder zum Kinde. Das Wort klingt ja auch so schön böse. Etwas Kriminelles haftet der Diskriminierung an. Dabei ist Diskriminierung nur das Wort, das die Diskrimination heute weitgehend verdrängt hat. Diskrimination – abgeleitet vom lateinischen discriminare (trennen, absondern, unterscheiden) war als Begriff ursprünglich völlig wertfrei, und erst im Lauf des Gebrauchs wurde das Wort nach und nach -… nun, diskriminiert eben.

Ernst Tugendhat, deutscher Philosoph und ehemaliger Professor an der Freien Universität Berlin, hat fein unterschieden zwischen primärer und sekundärer Diskrimination:

Unter primärer Diskrimination verstehe ich die Vorstellung, daß gewisse Klassen von Menschen mehr oder weniger Wert haben als andere und daß daher bei einer Verteilung den einen Priorität gegenüber den anderen zusteht. Hingegen steht „sekundäre Diskrimination“ für Regeln wie z. B. „Wer sich stärker beteiligt hat, muß entsprechend mehr vom Ergebnis erhalten“ oder „Wer bedürftiger ist, erhält mehr“, und das sind Regeln, durch die eine vorausgehende Ungleichheit kompensiert und so die Berücksichtigung als gleicher wiederhergestellt werden soll.

aus Ernst Tugendhat: Anthropologie statt Metaphysik. Beck, München 2010, S. 231

Der 1930 in Brünn geborene Sohn von Fritz und Grete Tugendhat, bedeutenden Textilfabrikanten, für die just um die Zeit der Geburt des Knaben die Villa Tugendhat nach Plänen des Architekten Mies van der Rohe gebaut wurde, wuchs also in diesem Haus auf, das zu den bedeutendsten Bauten Mies van der Rohes zählt und sich durch seine ausgewogene Klarheit auszeichnet. Zehn Jahre später sah sich die jüdische Familie gezwungen, vor den Nazis in die Schweiz zu flüchten, bevor sie 1941 nach Venezuela emigrierte. Beim Betrachten von Fotos des Hauses fragte ich mich, wie weit Klarheit der Form die Entwicklung klarer Gedanken begünstigt. Ich fragte mich auch, ob ich mich in irgendeiner Form diskriminiert fühle, weil ich nicht in einer Mies van der Rohe-Villa aufgewachsen bin, sondern diese vielleicht entscheidenden ersten zehn Jahre meines Lebens in einer Kreuzberger Etagenwohnung, vollgestopft mit einer Mischung aus über den Krieg hinweg geretteten Erbstücken und 50er-Jahre-Wirtschaftswundermobiliar, verbrachte, und ob dieser kleine feine Unterschied daher rührte, dass meine Familie sich eben doch nicht genug „beteiligt“ hatte, oder daher, dass meine Vorfahren bei irgendeiner Kompensation nicht angemessen berücksichtigt worden waren. Antwort: Nein. Neben all der schreienden Ungerechtigkeit, die Menschen anderen Menschen antun, und den so löblichen wie oft vergeblichen Versuchen wieder anderer Menschen, für diese Ungerechtigkeit einen Ausgleich zu schaffen, gibt es auch noch so etwas wie das Schicksal. Und auch wenn ich nichts von Fatalismus halte, so finde ich doch, dass eine Art Dauerfehde gegen sein Schicksal zu führen, die Sache eher ins Negative wendet.

Und was nun diese „Infrastrukturabgabe“ betrifft, ……

Um eine Diskriminierung ausländischer Autofahrer handelt es sich schon deshalb nicht, weil es ja nicht sie sind, die ausgesondert und anders behandelt werden, sondern es sind die bundesdeutschen Autofahrer, denen ein Teil jener Steuern erlassen wird, mit denen sie ja bereits ihren Obolus für die Infrastruktur entrichtet haben (sekundäre Diskrimination). Dass das in einem geeinten Europa so trotzdem nicht rechtens ist, steht auf einem anderen Blatt und darf als Abzocke betrachtet werden. Denen aber, die so gerne mit großen Worten auf alles schießen, was sich bewegt, sei gesagt: Nichts nutzt sich schneller ab als ein treffliches Wort, wenn es ständig unzutreffend gebraucht wird. Es wird dem Leser und Zuhörer ebenso langweilig, wie dem Kind das Wort, mit dem es tagelang bis zum Überdruss gespielt hat.

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