Wenn Insektenforscher eine neu Art von Kakerlaken entdecken, bedeutet dies für den Durchschnittsrestaurantbetreiber nicht zwingend, dass er den Kammerjäger bestellen oder sich eine neue chemische Keule zulegen muss, damit die Gäste nichts Unerfreuliches im Essen entdecken –- jedenfalls dann nicht, wenn die Schabenart rund 100 Millionen Jahre alt ist, neu also nur für die Insektenforscher, ansonsten jedoch ausgestorben, wie alle Insekten aus der Kreidezeit, mal abgesehen von der Gottesanbeterin, deren Frömmigkeit ihr zu so etwas wie einem ewiges Leben verholfen haben mag.

Dass wir die Vielfalt damaliger Krabbelviecher heute noch feststellen und untersuchen können, ist dem Bernstein zu verdanken bzw. der Eigenschaft gewisser Baumharze, außerordentlich kleberig gewesen zu sein, bevor sie zu Bernstein wurden. Auch das am Ende des Zweiten Weltkriegs verschwundene Bernsteinzimmer darf man sich als einen Raum vorstellen, in dem mehr Fliegen, Mücken und was weiß ich noch die Wände zieren, als man ohne Bernstein drum herum gerne in seinen Gemächern duldet; und wenn man es einmal so betrachtet, schmerzt der Verlust vielleicht weniger. Ganz darauf verzichten müssen wir ja nicht, denn erstens gibt es eine Replique im Katharinenpalast, und zweitens wird das echte Zimmer –- genau wie das Ungeheuer von Loch Ness -– immer wieder auftauchen, wenn die Zeitungen sonst nichts Interessantes zu berichten haben oder von den wirklich interessanten Sachen abgelenkt werden soll. – Aber lassen wir den baltischen Bernstein für jetzt und wenden wir uns dem burmesischen zu.

Manipulator modificaputis

Manipulator_modificaputis – Foto: SMNS, G. Bechly

Bei der von Peter Vršanský vom Geologischen Institut in Bratislava und Günter Bechly vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart entdeckten Schabe handelt es sich um einen Einschluss im kreidezeitlichen Burma-Bernstein, von dem das Stuttgarter Museum einen hübschen Batzen besitzt, so dass jetzt daran herumgeschabt werden kann. Die neue Kakerlake hat keine Fangbeine, sondern lange Beine zum schnellen Laufen und einen sehr beweglichen Kopf mit extrem langen Fühlern. Zusammen mit dem dank den konservierenden Eigenschaften des Bernsteins erhaltenen Färbungsmuster und den großen Augen deuten diese Anpassungen darauf hin, dass es sich bei den etwa 1 cm großen Insekten um dämmerungsaktive Pirschjäger handelte, die vor knapp 100 Millionen Jahren in einem tropischen Araukarienwald ihrer Beute nachstellten. Vršanský und Bechly gaben der neuen Schabenart den Namen Manipulator modificaputis.

Die vermutlich weltweit größte und bedeutendste Sammlung von Birmit-Artefakten befindet sich im American Museum of Natural History in New York. Die Sammlung umfasst mehr als 3.000 Arthropoden. Ein großer Teil der Museumssammlung geht auf die Privatsammlung von Dr. Isaac Wyman Drummond (1855-1933) zurück, dessen Witwe sie dem Museum überließ. Die mit etwa 1.200 Arthropoden zweitgrößte wissenschaftliche Inklusensammlung des Burma-Bernsteins befindet sich im Natural History Museum London. Sie entstand, als Burma (a. Birma) britisches Protektorat war und wurde in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts vom Museum erworben.

Schön wäre, wenn die Bernsteinvorkommen und ihre faszinierenden Einschlüsse das Einzige wären, was für Schlagzeilen sorgt über das heute Myanmar heißende Land, und nicht die Diskriminierung und Verfolgung der muslimischen Minderheit der Rohingya durch radikale Buddhisten. Während ich dies schreibe, und während Insektenforscher Kakerlaken aus Bernstein herauspräparieren, treiben Tausende von Flüchtlingen auf Booten im Meer. Damit will ich nicht sagen, es änderte etwas an dem Elend, wenn Vršanský und Bechli von den Insekten abließen, oder ich nicht darüber schriebe; auch nicht, dass es für Burma besser gewesen wäre, nie britisches Protektorat gewesen zu sein, oder besser, noch immer Burma zu heißen -– unter britischer Ägide. Ich will damit eigentlich nur sagen, dass die Dinge aus dem Abstand von 100 Millionen Jahren leichter einzuordnen sind, und dass die Vorstellung von einem tropischen Araukarienwald, aus dessen Dickicht im nächsten Moment etwas Gewaltiges hervorbrechen könnte, für dessen Existenz und für dessen Aussterben kein Mensch die Verantwortung trägt, etwas ungemein Beruhigendes hat.

Quelle: idw – Informationsdienst Wissenschaft

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