Der Mann und die Frau, beide Übersetzer aus dem Amerikanischen, leben in einer nahezu klösterlichen Abgeschiedenheit zwischen den allerdings hellhörigen Wänden ihrer kleinen Neubauwohnung, die vollgestopft ist mit tausenden von Büchern, unzähligen Zeitschriften, vor allem Zeitschriften, denn Zeitschriftennarren sind sie beide und sitzen obendrein mehrmals am Tag vor dem Rundfunkgerät einander gegenüber, um Beiträge zu Politik und Geistesleben zu verfolgen, Nachrichten aus aller Welt, auch über Kurzwelle aus fernen Krisengebieten, und dies geschieht nach genauem Zeitplan und einer einmal wöchentlich aufgestellten Programmübersicht.

In dieser Höhle voller Zeitgeschehen, in der zwei so maßlos unterrichtete, zum Bersten überinformierte Köpfe sich kaum ausweichen können, entstehen nun nicht mehr jene Debatten und Streitgespräche, wie man sie sonst unter engagierten Menschen findet. Die beiden liefern sich vielmehr förmliche Weltbilder-Duelle, oder sagen wir besser: die drehen sich geschwind im Tanz politischer Positionen, die sie wechselnd gegeneinander einnehmen. Hat er es sich einfallen lassen, die außenpolitischen Richtlinien der letzten Parteitagsbeschlüsse der KPdSU einmal kurz zu vertreten, so wird sie ihm heftig aus der Charta der Blockfreien zitieren und im Geiste der islamischen Befreiungsbewegungen widersprechen. Nimmt er hingegen in Fragen der westdeutschen Ausländerpolitik eine liberale, integrationsfreundliche Haltung ein, dann wird sie ihm ein paar scharfzüngige konservative Seitenhiebe versetzen: „Wes Geistes Kind ist unsere Nation? Was werden die Lehrer wohl unterrichten in einer Schulklasse mit zwanzigprozentigem Ausländeranteil?“ Wagt er es bei anderer Gelegenheit an die anarcho-syndikalen Restelemente des italienischen Faschismus zu erinnern, wird ihm eine erbitterte Lektion aus der Sicht des proletarischen Internationalismus erteilt. Malt sie sich in einer zerknirschten halben Stunde die Zukunft eines Atom-Sonnen-Staates aus, eines aus schweren Krisen und Prüfungen hervorgehenden Megaindustrialismus von nie gekannter Rücksichtslosigkeit, dann hält er vorsichtig dagegen die Entwürfe einer sanften Revolution, die Skizzen einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft, in der die Mehrzahl der arbeitenden Bevölkerung in lebenshilfebietenden und freizeitgestaltenden Berufen tätig sein wird. Derart tauschen sie sich ab, tagein tagaus, wechseln zwischen links und rechts, einst und jetzt, zwischen Optimismus und Pessimismus ihre Positionen und nicht selten kehrt das heutige Argument des einen morgen als Konter-Argument des anderen wieder. In ihren Zwiegesprächen löst sich aller politischer Grund auf in eine Fülle von Szenarien und Konflikt-Modellen, mit denen man unerschöpflich spielen und sich gegenseitig reizen kann. Man könnte geradezu von einem l’’art pour l’’art des reinen Opponierens sprechen, wäre da im Kern des Ganzen nicht ein einziger Eifer, der beide antreibt -– eine kluge, unerfüllte Liebe, stark wie am ersten Tag, die sich erhält und gedeiht bei zugezogenen Vorhängen, im erquickenden Strom der Informationen, im warmen Zuhaus der Weltbilder.

Dieses ist nur einer aus einer Sammlung kurzer Prosatexte, die Botho Strauß verfasst und 1981 unter dem Titel „Paare, Passanten“ veröffentlicht hat. Es handelt sich um Gedanken- und Beobachtungsskizzen, und vieles liest sich, wie das, was man im Notizbuch eines Schriftsteller erwartet, was festgehalten aber noch nicht ausgearbeitet wurde. Das Ganze ergibt ein Bild der Gemütsverfassung in der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn der 1980er Jahre. Das mag sich befremdlich lesen, für junge Leser, die an diese Zeit keine eigenen Erinnerungen oder nur Kindheitserinnerungen haben. Für mich ist es interessant, enthüllt aus der inzwischen entstandenen Distanz, dass manches, was man für die ganz individuelle eigene Entwicklung gehalten hat, in Wahrheit die Entwicklung einer ganzen Generation in dieser unserer Kulturzone war. Das heißt: Es wird einem etwas weggenommen, und gleichzeitig hat man das Gefühl, als würde einem ein Stück Verantwortung für das eigene Leben abgenommen. Und spätestens an diesem Punkt des In-sich-hinein-Horchens, sollte man sehr wach werden. Die Verantwortung für sein Leben kann man nicht abgeben. Die Welt ist wie sie ist, weil wir verantwortlich (was nicht unbedingt heißt: verantwortungsvoll) gehandelt haben.

Coveer_Paare_Passanten
Botho Strauß
Paare Passanten
Süddeutsche Zeitung – Bibliothek 38
ISBN: 3-937793-39-9

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