Mein Urenkel Anton (10 Monate alt) hatte kürzlich hohes Fieber, und als ich mit meiner Enkeltochter telefonierte, erzählte sie, dass sie für Antons Bruder Paul (knapp drei Jahre alt) das Buch „Hast du Fieber, kleiner Biber?“ gekauft hat, denn Paul hat immer sehr interessiert zugeschaut, wenn bei Anton Fieber gemessen wurde, und in diesem Buch kann er selbst bei allen möglichen Tieren Fieber messen, es gehört nämlich ein Thermometer dazu, mit dem man feststellen kann, ob ein Tier wirklich krank ist, oder nur vom Herumtoben erhitzt, oder ob es schwitzt, weil es zu warm angezogen ist. Tolle Sache! Paul hat auch Bücher die Geräusche machen, z.B. eines mit den Stimmen der Tiere auf einem Bauernhof, und eines mit den Geräuschen von Fahrzeugen und Flugzeugen, und, und, und … Es ist schon beeindruckend, was Bücher heute alles können. Jedes Mal, wenn ich in eine Buchhandlung gehe, verbringe ich einige Zeit mit dem Bewundern dieser raffinierten Kinderbücher, und das eine oder andere habe ich auch schon gekauft, denn lange war ich durchaus davon überzeugt, dass sie dazu geeignet sind, kleine Kinder frühzeitig an ein Leben mit Büchern zu gewöhnen. Doch dann kam der 25. April – ein Samstag, an dem in Amsterdam bei der Jahresveranstaltung zur Ausstellung des 58. World Press Photo Wettbewerbs neben den besten Pressefotos auch eine „klangvolle Innovation“ Premiere hatte.

Das Institut für Print- und Medientechnik der TU Chemnitz hat einen großformatigen Bildband zum World Press Photo Wettbewerb mit gedruckter Elektronik ausgestattet und für jedes Siegerfoto ein eigenes Klangumfeld geschaffen. Öffnet man dieses T-book – das „T“ steht für Ton – und blättert eine Seite um, dann beginnt diese Seite durch einen unsichtbar im Inneren des Blatt Papiers befindlichen Lautsprecher zu tönen. „Das T-book ist ein Meilenstein in der Entwicklung gedruckter Informationen“, meint Prof. Dr. Arved C. Hübler und ist sich sicher, dass das von seinem Team am Institut für Print- und Medientechnik entwickelte T-book die Tür zu vielen weiteren Entwicklungen öffnet: „Die Tablets der Zukunft werden auf Papier gedruckt, und das T-book gibt einen ersten Ausblick, was alles möglich sein wird.“

Man darf beeindruckt sein. Man darf sich aber auch seine eigenen Gedanken machen. Dass das Tablet der Zukunft auf Papier gedruckt sein wird, halte ich für wenig wünschenswert, denn man möchte seine vom Croissant leicht fettigen Fingerabdrücke, die beim Lesen der Online-Zeitung während des Frühstücks entstanden sind, ja vielleicht doch gerne mit einem feuchten Reinigungstuch abwischen können, oder? Lassen wir also die Zukunftsmusik, und bleiben wir bei den Tönen der Gegenwart. Beim Lesen der Pressemittelung fragte ich mich, wie ich mir dieses Klangumfeld vorzustellen habe. Schaut man sich die Preisträgerfotos 2015 an, möchte man vielleicht nicht zu allen die passende Geräuschkulisse hören. Außerdem: So wie beim Lesen das „Kopfkino“ seinen Betrieb aufnimmt, geschieht es beim Betrachten von Bildern mit dem „Kopfradio“. Jedenfalls mir geht es so. Verfilmte Literatur enttäuscht uns deshalb so oft, weil die Verfilmung mit unserem „Kopfkino“ nicht übereinstimmt. Ebenso wenig möchte ich, dass fremde Töne mein „Kopfradio“ stören. Eine Vorstellung davon, wie das Buch aussieht und wie es sich anhört, gibt das Video.

Soll die Ausstattung von Büchern mit Technik zum Überleben der Bücher in der Mediengesellschaft beitragen? Als immer deutlicher wurde, dass Bücher gegen das E-Book einen schweren Stand haben würden, dachte ich, dass die Verlage dies als Chance begreifen müssen: weg vom billigen Paperback, hin zur liebevoll gestalteten, bibliophilen Ausgabe. An eine Aufholjagd durch die Technisierung von Büchern dachte ich nie, denn dieses Rennen können die Bücher nur verlieren. Eine Fußnote ist auch dann kein Link, wenn sie eine Webadresse enthält. Eine „CD zum Buch“ ist eine „Beigabe“, die – hat man sich einmal die Mühe gemacht, den Computer hochzufahren und die CD einzulegen – das Buch vielleicht in Vergessenheit geraten lässt. Bücher – ob es sich um Belletristik oder Sachbücher handelt – fordern unsere Konzentration ein, während Multimedia uns zerstreuen. Es ist Ignoranz, den Zusammenhang zwischen der abnehmenden Fähigkeit von Schülern, sich auf etwas zu konzentrieren, und dem zunehmenden Umgang mit modernen Medien nicht zu sehen. Ich bin davon überzeugt: Bücher (ganz normale Bücher) sind unverzichtbar, wenn wir, die Bildung weiter Teile der Bevölkerung betreffend, nicht auf ein Niveau vor Erfindung des Buchdrucks sinken wollen. Es könnte dann z.B. passieren, dass nur noch einer Minderheit der „Fehler“ im Titel dieses Eintrags auffällt.

Sind Bilderbücher, die „mehr können“ ein Schritt in die falsche Richtung? Als meine Enkeltochter mir von dem kleinen Biber mit Fieber erzählte, meldete ich meine Bedenken an, ob es wirklich richtig ist, kleinen Kindern Bücher zu schenken, die „etwas Besonders können“. Werden „normale“ Bilder- und Kinderbücher dadurch nicht als langweilig empfunden, und die Hoffnung, das Kind werde früh Interesse an Büchern und damit auch am Lesen entwickeln, erfüllt sich eher nicht? Meine Enkeltochter beruhigte mich. Pauls Lieblingsbücher sind solche, wie sie seinem Alter von jeher angemessen waren, Bücher mit einer Kombination aus Text und Bildern. Er schaut die Bilder an, und Mama oder Papa sollen vorlesen – wieder und wieder. Dann ist es ja gut, denn Mama und Papa lesen wieder und wieder vor – ohne dass es langweilig wird. Vom Fiebermessen lässt sich das auf Dauer nicht behaupten.

Vom 5. Bis zum 28. Juni wird die World Press Photo im Willy-Brandt-Haus in Berlin ausgestellt, und, wie immer, werde ich mir die Ausstellung ansehen. Mit Interesse werde ich auf dem Büchertisch auch nach dem T-buch aus Chemnitz schauen. Auch ich bin empfänglich für die Faszination des technisch Machbaren. Kaufen werde ich das Buch aber wohl nicht.

Quelle: Pressemitteilung

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