„„Ist Dir schon mal aufgefallen, dass jeder Name eine besondere Farbe hat?““ fragte meine Großtante Hedwig.
Ich war nicht sicher, worauf sie hinaus wollte. Wenn man etwa zehn Jahre alt ist, weiß man oft nicht, worauf Erwachsene hinaus wolle.
Sie erklärte es: „„An welche Farbe denkst du bei deinem Namen? Welche Farbe hat der Name Christa?““
„„Rot““, sagte ich -– nicht weil es meine Lieblingsfarbe war, sondern eher obwohl mir Rot zum Halse heraus hing, denn Rot war die Farbe, in die meine Mutter mich am liebsten kleidete.
„„Richtig! Es ist ganz zweifellos ein roter Name“!“ rief Tante Hedwig aus. „“Und Monika?““
„“Blau““, sagte ich, und wieder stimmte sie mir zu.
„„Und Gisela?““
„“Grün.““
Tante Hedwig war begeistert von meinen Namensfarberkennungsfähigkeiten.
„„Und Hedwig?““
Ich zögerte –- obwohl mir überraschenderweise auch hierzu sofort eine Farbe eingefallen war, aber diese Farbe hatte keinen guten Ruf. Sie stand für Neid. Es würde ihr nicht gefallen, einen gelben Namen zu haben. Dann aber sagte ich es trotzdem, und Tante Hedwig war keineswegs gekränkt. Auch sie fand, dass Hedwig ein gelber Name sei.

Aber was für ein Gelb ist dieses Hedwiggelb?

343 Namen des Gelb hat Heiner Nienhaus auf seiner Webseite gesammelt. Dabei sind Koronagelb (BMW), Schönbrunner Gelb, Cadmiumgelb und Optimalgelb noch gar nicht in der Liste enthalten. Das zuletzt Genannte existiert allerdings auch nur theoretisch – ebenso wie Prozessgelb, Pigmentgelb, printer’s yellow. Es beruht auf einem Farbmittel, das rotes und grünes Licht gleich stark reflektieren und alles Blau absorbieren soll, was in der Praxis aber nie der Fall ist. Das optimale Prozessgelb wird als deutlich grünstichig wahrgenommen. In Europa wird es als Eurogelb bezeichnet, da eine andere Standardisierung verwendet wird. Sie ist noch etwas grünstichiger. [Anm. d. Red.: Vielleicht brächte TTIP da eine Verbesserung.]

Indischgelb könnte Tierschützer auf die Barrikaden rufen, wäre dieser Naturfarbstoff, der über Jahrhunderte in der südasiatischen Malerei verwendet wurde, nicht schon zu Beginn 1929 aus Tierschutzgründen vom Markt genommen worden. –Echtes Indischgelb gewann man aus dem Harn indischer Kühe, denen man wenig zu trinken gab, während man sie gleichzeitig mit Mangobaumblättern fütterte. Die dadurch verursachten pathologischen Stoffwechselprozesse und der Nährstoffmangel führten dazu, dass die Tiere einen intensiv gefärbten Urin ausschieden. Dieser wurde durch Erhitzen weiter konzentriert, bis sich der gelbe Farbstoff abschied. In den Handel gelangte das Indischgelb dann in Form großer Kugeln, den sogenannten Piuri. Die Ausbeute betrug etwa 50 Gramm Piuri pro Tag und Kuh.

Neapelgelb , auch Antimongelb genannt, löste seit dem 17. -– 18. Jahrhundert das bis dahin in der Tafelmalerei typische Bleizinngelb ab. Die historischen Namen Luteolum neapolitanum oder Giallorino weisen auf den italienisch-neapolitanischen Ursprung hin.

Warme Gelbtöne werden als Goldgelb oder Goldfarben bezeichnet, und oft veranschaulicht durch Trivialnamen wie Sonnen- oder Sonnenblumengelb, Narzissengelb, Rapsgelb oder Dottergelb, oder man benennt sie nach Substanzen, aus denen der Farbstoff gewonnen wird, wie z.B. Kadmiumgelb und Safrangelb. Zu den warmen Gelbs zählen auch das Signal- oder Verkehrsgelb (RAL 1023) sowie das Postgelb.

Die Thurn und Taxis bedienten sich der Reichsfarben Gelb und Schwarz, um ihre Posthalter zu uniformieren: gelbe Jacke mit schwarzen Aufschlägen. Die Post der Thurn und Taxis war so mit den Insignien des Reiches ausgestattet und jedem als kaiserliche Kurierpost erkenntlich. Im Laufe der Postgeschichte kamen dann alle möglichen (Landes-)Farben ins Spiel, die Fuhrwerke der Post jedoch – und später die der Eisenbahnpostwaggons und Kraftfahrzeuge – trugen meist die Farbe Gelb. Der Grund dürfte in der Signalwirkung gelegen haben. Erst 1946 beschloss der Alliierte Kontrollrat die Einführung der Farbe Gelb als einheitliche Farbe für die gesamte „Institution Post“ in Deutschland. Übrigens ist die korrekte Farbbezeichnung für das deutsche Postgelb Ginstergelb (RAL 1032).

Alle Gelbtöne auf der kühlen Seite von Neutralgelb, vom Zitronengelb, über das Schwefelgelb bis hin zum Grüngelb, müssen durch Kombinationen von gelben und grünen oder blauen Farbstoffen „ermischt“ werden.

Ein Gelb das bisher unerwähnt blieb, ist das Sandelholzgelb. Ich habe es mir bis zum Schluss aufgehoben, weil es zu diesem Gelb etwas Neues zu berichten gibt. Wer Sandelholz oberflächlich kennt, wird einwenden, dass es sich dabei um ein rötliches Holz bzw. um eine rötliche Substanz handelt, aber es enthält eben nicht nur rote Farbstoffe. Ich zitiere aus der Pressemitteilung der Ludwig-Maximilians-Universität München:

Die charakteristische rote Farbe des kostbaren Holzes beruht auf komplexen sekundären Pflanzenstoffen, vor allem sogenannten Santalinen und Santarubinen. Aber nicht alle Santaline aus diesem Baum sind rot: „Sein Holz enthält auch gelbes Santalin Y, das zwar nur in geringen Mengen extrahiert werden kann, aber für uns sehr interessant ist, weil es eine viel komplexere Struktur hat als die roten Farbstoffe“, sagt Dirk Trauner, Professor für Chemische Biologie und Genetik vom Department Chemie der LMU. Trauner stellte nun mit seinem Team biomimetisch die natürliche Santalin Y-Produktion im Labor nach und erzeugte synthetisches Santalin Y, das vom Naturprodukt nicht zu unterscheiden ist. „Dabei haben wir entdeckt, dass die Biosynthese von Santalin Y auf einem komplett neuen chemischen Reaktionsweg beruht“, sagt Trauner.

Santalin Y hat eine sehr ungewöhnliche sogenannte Fenestran-Struktur, die in dieser Form noch bei keinem anderen Naturstoff gefunden wurde. „Fenestran kommt von Fenster: Charakteristisch für diese Struktur ist ein Zusammenschluss von vier Ringen, der wie eine Art vierteiliges Sprossenfenster aussieht“, erklärt Trauner, „im `Fensterkreuz` sitzt dabei ein zentrales Kohlenstoff-Atom das sich alle vier Ringe teilen.“ Das gesamte Molekül kommt in zwei unterschiedlichen räumlichen Anordnungen vor, die zueinander spiegelbildlich sind, auch das ist für einen Naturstoff ungewöhnlich.

Es ist also nicht nur ein neues Gelb, das einem der bereits bekannten Gelbs zum Verwechseln ähnlich ist, sondern man darf sich mikroskopisch kleine Sonnenfenster in einem Spiegelsaal vorstellen.

Nun wissen wir aber immer noch nicht, was für ein Gelb Hedwiggelb ist. Ich vermute aber, es ist von einem Smiley-Gelb kaum zu unterscheiden.

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