Stolperstein für Erwin Gehrts

Erwin Gehrts wurde am 18. April 1890 in Hamburg geboren. Über seine Jugend und Schulzeit ist nur bekannt, dass er am Realgymnasium in Elmshorn das Abitur machte, eine Lehrerbildungsanstalt in Uetersen in Holstein besuchte und sich in diesen Jahren dem Wandervogel anschloss, einer bürgerlichen Jugendbewegung, der er zeitlebens verbunden bleiben sollte.

1913 nahm er an der Universität Freiburg das Studium der Literatur- und Naturwissenschaften auf, doch gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, im August 1914, meldete er sich freiwillig zum Militärdienst und wurde als Infanterist an der Westfront eingesetzt. 1916 wechselte Erwin Gehrts zur Luftwaffe – eine Erfahrung, über die er zwanzig Jahre später das Buch „Der Aufklärungsflieger“ (1937) veröffentlichen sollte. Als er im November 1918 aus der Luftwaffe entlassen wurde, bekleidete er den Rang eines Leutnants.

In der Anfangszeit der Weimarer Republik betätigte sich Erwin Gehrts parteipolitisch und war von 1919 bis 1921 Mitglied der Deutschen Volkspartei. Beruflich arbeitete er als politischer Journalist zunächst in Oberhausen, dann in Herne, und in seiner Freizeit leitete er die Ortsgruppe Wesel des Wandervogel Völkischen Bundes.

1922 heiratete Erwin Gehrts Hildegard Kremer, doch der Ehe war kein Glück beschieden. Im Juli 1924 starb eine kleine Tochter. Am 12. November 1925 wurde der Sohn Hans-Erwin geboren, aber Hildegard starb im Wochenbett. 1927 heiratete Gehrts in zweiter Ehe Erika Berger. Als wollte das traurige Schicksal sich wiederholen, starb das erste gemeinsame Kind, das er mit ihr hatte, im Alter von nur drei Monaten. Am 1. Oktober 1930 kam die Tochter Barbara zur Welt.

In diesen privat so schicksalhaften Jahren war Erwin Gehrts Chefredakteur des Generalanzeigers für Oberhausen, Sterkrode, Osterfeld und das nordwestliche Industriegebiet. Dann, im Oktober 1932, zog die Familie nach Berlin, wo Gehrts eine Stelle als Chefredakteur bei der christlich-sozialen Zeitung Tägliche Rundschau angeboten worden war. Doch bald schon sollten sich der Umzug und – mehr noch – die neue Stellung als von Nachteil erweisen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Tägliche Rundschau für drei Monate verboten und war danach gezwungen, Insolvenz anzumelden. Erwin Gehrts war nun arbeitslos, und seine Versuche, die Familie als freier Journalist und Bildreporter zu ernähren, scheiterten kläglich. So hatte er kaum eine andere Wahl als einzuwilligen, als ihm 1935 sein ehemaliger Vorgesetzter, General Klepke, anbot, ins Reichsluftfahrtministerium einzutreten.

Uhlandstr. 41a

Innerhalb von drei Jahren gelang es ihm, sich in den Posten als Adjutant des Generals der Luftwaffe beim Oberbefehlshaber des Heeres hinaufzuarbeiten. Innerlich jedoch hielt er Abstand zum herrschenden Regime. Die rassistische und menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten stand im Widerspruch zu seinen eigenen Wertmaßstäben, denn Erwin Gehrts war Mitglied der Bekennenden Kirche. Allerdings war Gehrts nicht der Einzige im Reichsluftfahrtministerium, der so dachte. In Harro Schulze-Boysen hatte er einen Gesinnungsgenossen. Die beiden Männer kannten sich schon seit 1928, als sie an Diskussionsveranstaltungen der politisch-kulturellen Zeitschrift Der Gegner teilgenommen hatten und ins Gespräch gekommen waren. Jetzt wurde der Kontakt enger und ging über das Dienstliche hinaus.

1941/42 kam Erwin Gehrts in direkten Kontakt mit der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“, 1941 hatte die Gestapo einen verschlüsselten Funkspruch mit dem Namen von Harro Schulze-Boysen abgefangen. Nachdem es gelungen war, den Funkspruch zu decodieren, setzte eine Verhaftungswelle gegen die Mitglieder der Organisation ein, in deren Verlauf auch Erwin Gehrts am 9. Oktober 1942 in seinem Haus in der Uhlandstraße 41a in Berlin-Lichtenrade festgenommen wurde.

Im Dezember 1942 wurde er vor dem 2. Senat des Reichskriegsgerichts angeklagt und am 10. Januar 1943 wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode verurteilt.

Während seiner Haft durften seine Frau und die Kinder ihn für 15 Minuten besuchen. Außer dieser Erinnerung blieben mehrere Briefe erhalten, die Erwin Gehrts aus dem Gefängnis geschrieben hat. Im letzten dieser Briefe heißt es: „„Sorgt Euch nicht um mich! Ich bin bereit, innerlich bereit, den letzten Gang in völliger Abgeschlossenheit zu gehen.““ Am 10. Februar 1943 wurde Erwin Gehrts im Alter von 52 Jahren in Berlin-Plötzensee durch das Fallbeil hingerichtet. Sein Name findet sich auf der Liste der Toten der Roten Kapelle in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Dreißig Jahre später verarbeitete Barbara Gehrts, die bei der Verhaftung ihres Vaters zwölf Jahre alt gewesen war, ihre Erinnerungen in dem autobiografischen Jugendroman „„Nie wieder ein Wort davon?““, dessen Erstausgabe 1975 im Union Verlag in Stuttgart erschien. Eine von dtv herausgebrachte Ausgabe (1992) ist antiquarisch u.a. bei Amazon erhältlich.

Quellen:
Biografische Zusammenstellung von Dr. Ruth Federspiel auf der Grundlage wesentlicher Vorarbeiten von Hannelore Emmerich auf der Seite der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Seite des Liebenberger Freundeskreises Libertas e.V. – Liste der Prozesse vor dem Reichskriegsgericht
Rezension bei Berghof Foundation / Friedenspädagogik Tübingen

Weiterführende Literatur:
Hans Coppi, Jürgen Danyel, Johannes Tuchel (Hrsg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Berlin 1994
Kurt Schilde: Erinnern und nicht vergessen. Dokumentation zum Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus aus dem Bezirk Tempelhof, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof von Berlin, Berlin 1988
Heinrich-Wilhelm Wörmann: Widerstand in Schöneberg und Tempelhof, 2002

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