Stolperstein für Rosa Blumenthal

Rosa Blumenthal, geboren am 16. April 1861 im westpreußischen Löbau (heute: Lubawa / Polen) als Rosa Meyers, war die Witwe des am 25. Januar 1933 verstorbenen Sanitätsrats Dr. Ludwig Blumenthal, der seine Praxis mit integrierter Privatwohnung in der Schlüterstraße 38 in Berlin-Charlottenburg betrieben hatte. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Georg, Bertha und Käthe, von denen mindestens zwei in die beruflichen Fußspuren des Vaters getreten waren und Medizin studiert hatten.

Der Sohn, Prof. Dr. med. Georg Blumenthal (1888-1964), wurde im Todesjahr seines Vaters vom Robert-Koch-Institut entlassen, und seine bereits anerkannte Habilitation wurde rückgängig gemacht. Zwar durfte er vorerst seine Augenarztpraxis weiterführen, aber sich nur noch „Krankenbehandler“ nennen und von 1938 an nur noch Juden behandeln. Am 5. Oktober 1942 wurden er und seine Frau Agnes von der Gestapo aus ihrer Wohnung vertrieben und saßen praktisch auf der Straße, bevor man sie nach vier Wochen in eine „Judenwohnung“ einwies. Hier versuchte die Gestapo mehrmals, Georg Blumenthal abzuholen, aber ihm gelang die Flucht in den Untergrund. Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte das Ehepaar in einer halbverfallenen Laube ohne Heizung auf der Insel Marienwerder.

Auch Rosa Blumenthals Tochter Käthe, geboren am 4. August 1893, hatte promoviert und war Kinderärztin geworden, bevor sie die Ehe mit dem „arischen“ Rechtsanwalt Dr. jur. Albrecht Zieger (1894-1956) schloss und zum evangelischen Glauben konvertierte. Nach dem Gesetz vom 07.04.1933 galt auch Käthe Zieger als Jüdin. Ihre Kinderarztpraxis in der Kaiserallee 206 in Wilmersdorf wurde geschlossen. Sie bekam Berufsverbot und ihr Ehemann wurde massiv unter Druck gesetzt, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Seine Weigerung hatte die Entfernung aus allen Ämtern zur Folge, und als er später auch noch versuchte Rechtsmittel einzulegen, um die Deportation seiner Schwiegermutter zu verhindern, drohte man ihm mit sofortiger Verhaftung. 1944 wurde er dann tatsächlich in einem Straf-und Arbeitslager interniert, aus dem ihm jedoch die Flucht gelang.

Von Rosa Blumenthals zweiter Tochter, Bertha, ist lediglich bekannt, dass auch sie heiratete und -– wie ihre Geschwister -– den Krieg und das Dritte Reich überlebte.

Rosa Blumenthal selbst hatte nach dem Tod ihres Mannes natürlich nicht in der großen Wohnung mit den Praxisräumen bleiben können. Sie war zunächst in eine kleinere Wohnung in der Leibnizstraße 106 umgezogen. Von 1935 an war sie als „Witwe“ in der Sächsischen Straße 72 gemeldet.

Eingang des Hauses Sächsische Str. 72

Wie alle Jüdinnen und Juden musste Rosa Blumenthal in der Öffentlichkeit den gelben Judenstern tragen, und nachdem der siebzehnjährige Herschel Gynszpan (Grünspan) in Paris einen deutschen Diplomaten erschossen hatte, wurde auch Rosa Blumenthal aufgrund des Erlasses vom 12. November 1938 zur Judenvermögensabgabe herangezogen – dem „Sühneopfer“, mit dem die „Grünspan-Milliarde“ von den Juden eingetrieben wurde.Rosa Blumenthal befand sich in ihrem 82. Lebensjahr, als sie am 20. August 1942 vom Anhalter Bahnhof in einem von zwei mit je 50 Menschen besetzten Waggons nach Theresienstadt deportiert wurde. Das, was von ihrem Vermögen noch übrig war, einschließlich des Mobiliars, hatte die Gestapo beschlagnahmt. Sie starb in Theresienstadt am 12. September 1942. In der Sterbeurkunde ist „Darmkatarrh“ als Todesursache angegeben – eine übliche Umschreibung dafür, dass jemand an Unterernährung und den miserablen hygienischen Zuständen im Ghetto zugrunde gegangen war.

Quellen:
Seite der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Seite der Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

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