Als ich am letzten Samstag in der Schloßstraße unterwegs war, drücke ein junger Mann mir den TAGESSPIEGEL in die Hand, und da er keine Anstalten machte, mich auf ein Test-Abo festzunageln und ich mit Einkäufen nicht übermäßig beladen war (abgesehen von einem großen Faltkarton zum Verpacken meiner aussortierten Bücher), nahm ich ihm ein Exemplar ab, zumal er – im Gegensatz zu mir, an einem gewaltigen Stapel Zeitungen ganz schön zu schleppen hatte. Endlich durchgeblättert habe ich den TAGESSPIEGEL erst gestern, und da blieb mein Blick auf Seite 20 hängen, auf dem „KINDERSPIEGEL“.

Grundsätzlich finde ich es gut, dass man sich um den Nachwuchs an Lesern kümmert, und unter dem Vorwand, mich vergewissern zu wollen, dass hier keine arglistige Indoktrination der Jüngsten vor sich geht, lese ich solche Kinderseiten dann selbst und verstehe manchmal Dinge, die mir aus den Meldungen für Erwachsene nicht so richtig klargeworden sind -– zum Beispiel warum die Berliner Eisbären beim Eishockeyfinale nicht dabei sein werden. Was mich aber noch mehr interessierte, war das Interview mit einer Zwölfjährigen aus Charlottenburg. Es war von der Art, die Blogger gemeinhin als „“Stöckchen““ bezeichnen würden. Eine der Fragen lautete: „Was würdest du gerne im Handumdrehen lernen?“ Und die Antwort: „Ich würde gerne richtig gut Schlittschuhlaufen und beidhändig schreiben können.“

Dass man sich wünscht, richtig gut Schlittschuhlaufen zu können, versteht wahrscheinlich jeder -– oder jedenfalls die meisten. Aber beidhändig schreiben? Warum sollte man sich das wünschen? Meine Cousine und ich (ja, auch wir wollten beidhändig schreiben können) behaupteten immer, dass wir es übten, damit wir unsere Hausaufgaben auch dann machen könnten, wenn wir uns mal den rechten Arm brechen sollten. Das heißt, im Fall meiner Cousine wäre es der linke Arm gewesen, denn sie ist Linkshänderin. Ich übte also mit Links, sie mit Rechts, und Heiligenscheine müssen über unseren Häuptern geschwebt sein. Aber warum wollten wir wirklich mit der anderen Hand schreiben können? – Ich müsste lügen. Ich weiß es nicht.

Höhlenforscher haben herausgefunden, dass schon die frühen Menschen in deutlicher Mehrzahl Rechtshänder waren. Kratzspuren an Fossilien zeigen, dass sie Werkzeuge zum Zerteilen der Beute mit der rechten Hand führten. Höhlenmalereien lassen erkennen, dass es meistens die rechte Hand war, die das in Farbe getauchte „Zeichengerät“ hielt, während sie sich mit der linken Handfläche an der Höhlenwand abstützten. Und mir sagt ein Bauchgefühl, dass sie – genau wie die kleine Charlottenburgerin, meine Cousine und ich – versucht haben, auch mit Links zu zeichnen (für den Fall, dass sie sich den rechten Arm brechen). Beidhändigkeit ist vermutlich ein Urwunsch –und, sie zu üben, ursprünglich vielleicht sogar überlebenswichtig.

Welches -– im Sinne von Geschicklichkeit -– beim Individuum das „schöne“ Händchen ist, das lässt man heute zum Glück die Natur entscheiden. Dass man sich beim Händedruck oder Händeschütteln auf die Rechte geeinigt hat, ist insofern vernünftig, als es gut war, sich überhaupt zu einigen. Das merkt man, wenn einem jemand mit gemurmelter Entschuldigung -– aus welchem Grund auch immer -– die Linke gibt. Es passt nicht. Es fühlt sich ungeschickt an, und die Entschuldigung sollte dann besser dem Verzicht auf einen Händedruck gelten. Und es frage mich bitte niemand, ob man einen ersatzweise hingestreckten rechten Ellenbogen schütteln oder drücken sollte.

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