Stolpersteine für Sigismund, Herta und Heinz Basch

„„Der Kaufmann Felix Berlowitz in Elbing und das Frl. Franziska Friedländer, letztere im Beistande ihres Vaters, des Kaufmanns Louis Friedländer in Cottbus, haben vor Eingehung ihrer Ehe die Gemeinschaft der Güter und des Erwerbes, insbesondere desjenigen Erwerbes, welcher durch Erbschaften, Schenkungen, Kauf bewirkt wird, lt. Vertrag de dato Cottbus, den 6.12.1892 ausgeschlossen““, so vermerkte am 15. Dezember 1892 das Amtsgericht in Elbing (polnisch Elbląg, bis 1920 zu Westpreußen gehörend) die vereinbarte Gütertrennung zwischen den beiden Menschen, die keine anderthalb Jahre später zum Elternpaar eines kleinen Mädchens werden sollten.

Herta kam am 12. April 1894 in Elbing zur Welt. In welchem Jahr sie die Ehe mit Sigismund Basch schloss, ist nicht bekannt. Jedenfalls lebte das Ehepaar zunächst in Elbing, wo auch die beiden Kinder geboren wurden: Hildegard (1916) und Heinz Hermann (18. Juni 1920). Kurz nach der Geburt des Sohnes müssen die Baschs nach Berlin umgezogen sein, in die Keithstraße 14, und dafür, dass man finanziell gut gestellt war, sprechen die Lage der Wohnung, von der aus man das Elefantentor des Berliner Zoos in etwa zehn Minuten zu Fuß erreichen konnte, und das bis heute erhaltene Säulenportal des Hauses.

Eingang des Hauses Keithstraße 14

Ob Herta Basch und ihr Mann vor der Ehe eine ähnliche Vereinbarung getroffen hatten wie Hertas Eltern, entzieht sich meiner Kenntnis. Was indessen bezeugt ist: Das liebe Geld spielte auch zwischen ihr und ihrem Gatten eine wichtige Rolle und sollte von Fall zu Fall zu heftigen Auseinandersetzungen führen. Die Art der Zeugenschaft beschränkt sich hier jedoch nicht auf vergilbte Dokumente in staubigen Akten, sondern es handelt sich um die Erinnerungen von Herta und Sigismund Baschs Tochter Hildegard, die sich während solcher Ehekräche unter dem Tisch verbarg. Erst 1994 -– sie war fast 80 Jahre alt – erzählte sie ihrer eigenen Tochter, der in Brighton (GB) lebenden Malerin Barbara Loftus von dem Tag im November 1938, an dem die Nazis kamen, um das Porzellan und das Tafelsilber der Familie zu beschlagnahmen.

Im März 1939, im Alter von 23 Jahren, wanderte Hildegard nach England aus. Dafür hatte Hildegards Familie gesorgt, und man plante, ihr später nachzureisen. Doch die Ereignisse kamen ihnen zuvor. Hildegards Eltern und ihr vier Jahre jüngerer Bruder Heinz wurden am 14. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert. Sie überlebten das Dritte Reich nicht.

Hildegard hatte in England bald geheiratet -– eine Ehe, von der die Tochter, geboren 1946, meint, sie sei eher unglücklich gewesen, weil sie aus den falschen Gründen geschlossen worden war. Hildegard hatte vergeblich gehofft, durch die Heirat in der Lage zu sein, ihre Familie nach England zu holen, und später sollte der Umstand, dass sie die einzige Überlebende war, oft ihr Gewissen belasten.

Die Gespräche mit ihrer Mutter bewegten Barbara Loftus nicht nur tief, sie inspirierten sie auch, und noch bevor die Erinnerungen der alten Dame sich erschöpft hatten, begann die Malerin mit der Arbeit an einem Zyklus, welchem sie den Titel A Confiscation of Porcelain (Beschlagnahmung des Porzellans) gab. Eine andere, später entstandene Werkgruppe, befasst sich mit den Kindheitserinnerungen, Erinnerungen an Ehestreitigkeiten zwischen den Eltern, in denen es offenbar häufig um Geld ging, denn die Weltwirtschaftskrise, die den Aufstieg der Nationalsozialisten begünstigten sollte, wirkte sich auch auf das Leben der Familie aus. Eine Szene, die das Kind beobachtet und die einen besonders starken Eindruck hinterlassen hatte, hat Barbara Loftus nicht nur gemalt, sondern Handlungsanweisungen für Darsteller nach der Erzählung geschrieben, das Geschehen von Schauspielern nachspielen lassen und in Foto und Film festgehalten. Das kleine Kammerspiels gibt uns eine Vorstellung von den Lebensumständen im Hause Basch zur damaligen Zeit.

Sigismunds Taschenuhr

Anweisungen für Schauspieler

Ort: eine bürgerliche Etagenwohnung in Berlin
Zeit: frühe 1920er Jahre
Personen: Sigismund Basch, Herta Basch, ihre Tochter Hildegard, 5 Jahre alt (unsichtbar unter dem Tisch)

Sigismund sitzt an seinem Schreibtisch im Herrenzimmer und blättert durch Rechnungen und Kontobücher.

Von Zeit zu Zeit blickt er auf seine Taschenuhr, da er noch einen Termin außer Haus hat.

Die Tür geht auf, und seine Frau Herta kommt herein. Sie war gerade in einem Geschäft, zu dessen Stammkundinnen sie zählt, wo man ihr nun aber keinen Kredit mehr gewähren will. Der Inhaber hat ihr mitgeteilt, dass seit sechs Monaten die Rechnungen nicht mehr bezahlt worden seien, und dass der Rückstand beglichen werden müsse, bevor sie wieder etwas auf Kredit kaufen könne.

Herta stellt Sigismund deswegen zur Rede. Er hatte Herta über ihre finanzielle Situation im Unklaren gelassen, hoffend, dass er demnächst eine Anstellung finden werde. Nun muss er ihr eingestehen, dass ihre Ersparnisse beinahe aufgebraucht sind.

Herta, die wütend wird, macht ihn verantwortlich für die Demütigung, welche sie gerade im Geschäft erdulden musste.

Sigismund gibt ihr zu bedenken, dass ihre Verhältnisse sich geändert haben und sie nicht im gleichen Stil weiter leben können wie bisher. Täglich erleiden Geschäftsleute den Bankrott. Sie werden Einsparungen machen müssen, die Köchin entlassen und vielleicht auch das Dienstmädchen. Um seine Worte zu unterstreichen, wendet sich Sigismund seinem Schreibtisch zu, rafft ein Bündel unbezahlter Rechnungen zusammen und halt sie seiner Frau entgegen. Wütend schlägt sie sie ihm aus der Hand. Die Rechnungen wirbeln durch die Luft.

Sie wird hysterisch. Sigismund schaut verzweifelt wieder auf seine Taschenuhr und sagt, er müsse nun gehen – zur Arbeitsvermittlung.

Herta ist entschlossen, ihn für sein Unvermögen zu bestrafen. Sie greift nach der goldenen Taschenuhr, reißt die Uhrkette von seiner Weste, wirft die Uhr auf den Fußboden und trampelt darauf herum, bis sie kaputt ist.

Sigismund schreckt vor ihrem Wutausbruch zurück. Ungläubig starrt er auf den Fußboden.

Herta stürmt aus dem Zimmer.

übersetzt nach: „Sigismund’s Watch: A Tiny Catastrophe“ von Barbara Loftus, mit Beiträger von Monica Bohm-Duchen und Esther Leslie (Philip Wilson Pub Ltd, 2012)

Hildegards Erinnerungen an die Szenen, die sich in ihrem Elternhaus abspielten, haben nicht nur tragische, sondern auch komische Elemente, im Ganzen aber ergeben sie eine herzzerreißende Geschichte. Das kleine Mädchen hatte Mitleid mit dem Vater, der jede Arbeit annehmen musste, die sich ihm bot, so dass er mit Löchern in den Schuhsohlen als Vertreter für Feuerlöscher Klinken putzte, während seine Frau zu Kartenspielabenden ging, zur Kur nach Baden-Baden fuhr und verzweifelt an der Illusion festhielt, alles sei noch wie früher.

Barbara Loftus hat oft und lange darüber räsoniert, warum ihre Mutter erst so spät über die Erinnerungen an die eigene Kindheit, an das Aufkommen des Nationalsozialismus und ihre Flucht nach England gesprochen hat, und ist zu dem Schluss gekommen, dass die Kluft zwischen der Generation, die den Krieg und alle damit verbundenen Gräuel bewusst erlebt hat, und der Generation, die unmittelbar nach dem Krieg geboren wurde, größer war, als der Schritt von einer Generation zur nächsten in früherer Zeit. Und noch etwas sagt sie, worin ich ihr ganz und gar zustimme: „Die Verbrechen haben ein solches Ausmaß und sind so unbegreiflich, dass alles, was man tun kann, ist, zu verstehen, was sie für eine einzelne Familie bedeutet haben.“

Die Ausstellung Sigismund’s Watch: A Tiny Catastrophe wurde vom 5. Oktober bis zum 13. November 2011 im Freud Museum in London gezeigt. Im Ephraim-Palais in Berlin zeigte die Stiftung Stadtmuseum Berlin die Werkzyklen von September 2013 bis Januar 2014 in der Ausstellung Barbara Loftus : Lieder ohne Worte – Bilder der Erinnerung.

Bei der auf den Gemälden dargestellten Einrichtung der großelterlichen Wohnung in Berlin, orientierte sich Barbara Loftus an den Vermögenserklärungen, die auch die Baschs –- wie alle Juden -– vor ihrer Deportation abgeben mussten, und die sich in den Akten befinden, in welche sie bei ihren Recherchen in Berlin Einsicht nehmen konnte. Diese und andere Details über das schreckliche Ende hat sie ihrer alten Mutter erspart.

Quellen:
Koordiniergsstelle Stolpersteine Berlin
http://www.stolpersteine-berlin.de/de/biografie/1076
Öffentlicher Anzeiger, Beilage zum Amtsblatt der königlichen Regierung zu Danzig Nr. 1, Ausgabe Danzig, 7.1.1893

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